Miserikordias Domini 18.04.2021 von Gottfried Heyn

Die Predigt      :
Der Gottesdienst :

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Predigt über Hesekiel 34,1-2.10-16.31
Des Herrn Wort geschah zu mir: Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?
So spricht Gott der Herr: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen. Denn so spricht Gott der Herr: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. Ich will sie aus den Völkern herausführen und aus den Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und wo immer sie wohnen im Lande. Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der Herr. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der Herr.

Liebe Gemeinde,
inzwischen ist es nichts Außergewöhnliches mehr, dass bei uns in Deutschland wieder Wölfe heimisch geworden sind – nicht nur in verlassenen Braunkohletagebauen in der Lausitz, sondern bis weit in unsere Gegend hinein. Sie haben sich, wie es scheint, rasend schnell ausgebreitet, binnen zwanzig Jahren. Längst ist ein erbitterter Streit zwischen Umweltschützern und Viehhaltern darum entbrannt, ob der Wolf stärker bejagt werden muss, um die Schäden bei Nutztierherden zu begrenzen.
Die einen sagen, die Anwesenheit und der natürliche Instinkt dieser Raubtiere gefährde die landwirtschaftlichen Betriebe, die Tiere halten. Die anderen sagen, der Wolf ist ein typisches Wildtier in Mitteleuropa, der nach jahrelangem scheinbarem Ausgerottetsein sich nun wieder erholt hat. Ob die zunehmende Verbreitung von Wölfen (und im Übrigen auch anderer Wildtiere, wie Wildkatzen und Luchse,) ein Indiz für eine sich erholende und gesünder werdende Umwelt ist, weiß ich nicht. Und natürlich könnte man von den Viehbesitzern auch erwarten oder verlangen, dass sie ihre Herden besser schützen und bewachen müssen.
Wie auch immer. Jedenfalls können wir uns im Jahr 2021 wieder deutlich besser vorstellen, was mit dem biblischen Bild von der Schafherde, die durch die Hirten vor angreifenden Wölfen geschützt werden muss, gemeint ist. Es ist kein Bild mehr, was letztmalig im 19. Jahrhundert vorgekommen ist.
Es ist auch kein Bild, dass nur von unserem Herrn Jesus Christus im Stil des Historismus und für unseren heutigen Geschmack etwas zu lieblich gemalt wurde. Es kam schon im Alten Testament vor und hatte dort unmittelbar mit der Lebenswelt der als Viehhirten und Nomaden lebenden Israeliten zu tun.
Ein solches Bild malt uns der Prophet Hesekiel heute vor Augen. Allerdings ist das alles andere als lieblich und süßlich. Dem Propheten geht es um Leben und Tod der Schafherde.
Die Schafherde ist ein Synonym für das Volk Gottes. Ganz so wie in einer Schafherde geht es den Menschen, die zum Volk Gottes gehören: Sie brauchen Weide und Fütterung, frisches Wasser, Sicherheit vor Gefahren in der Natur und Schutz vor angreifenden Raubtieren. Ohne den Hirten verlaufen sie sich auch mal, entfernen sich von der Herde, ohne es zu merken, verlieren die anderen aus dem Blick, verletzen sich, brauchen Hilfe.
Die größte Bedrohung allerdings geht von den Hirten aus, die sich lieber um sich selbst kümmern als um die ihnen anvertraute Herde.

Wenn wir jetzt einmal aus dem Bild „aussteigen“, und das Synonym auf uns übertragen, dann fallen zwei Gedanken besonders auf, die dem Propheten Hesekiel, nein, Gott selbst wichtig sind:
Das eine ist die Rechenschaftsforderung gegenüber den selbstsüchtigen Hirten, und das andere ist die Übernahme des Hirtenamtes durch Gott selbst.
Lasst uns darüber noch kurz ein wenig nachdenken:

1) Ich muss gestehen, dass mich jedes Jahr zum Hirtensonntag die Frage umtreibt, ob mit „den Hirten, die sich selbst weiden“, ich selbst zusammen mit meinen Amtsbrüdern gemeint sein könnte. Eine solche kritische Anfrage des eigenen Amtes und Auftrages kenne ich sonst an keinem Sonntag des Kirchenjahres. Auf jeden Fall muss ich sie hören und mir gesagt sein lassen! Ich kann ihr nicht ausweichen. Ich muss sie mir gefallen lassen. Denn dass Gott von mir Rechenschaft fordert, dass wusste ich von Anfang an. Das eigene Versagen und die eigene Unzulänglichkeit könnte hier schwer zu Buche schlagen. Wenn wir uns als Gemeinde dann auch noch darauf einlassen, dass Synonym eins zu eins auf das Gegenüber von Pastor und Gemeinde zu übertragen, dann ginge es mir richtig schlecht, und ihr wärt fein raus!
Aber was sollte das in einer Predigt?
Ich glaube, ganz so einfach dürfen wir es uns nicht machen. Die kritische Anfrage Gottes ist da, ja, aber sie gilt uns allen! Der Apostel Paulus hat im 2. Korintherbrief geschrieben: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“
Wenn es nur bei der Gerichtsandrohung bliebe, wäre das ziemlich erschreckend!

2) Der andere Gedanke, den der Prophet Hesekiel ausspricht, redet von der Übernahme des Hirtenamtes durch Gott selbst. Da wird nicht nur ein Feldspieler ausgewechselt wie beim Fußball, sondern Gott nimmt die Sache selbst in die Hand. Er sagt: „Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen.“
Wenn ein Chef das in einer Firma oder bei einer Behörde tut, dann heißt das in aller Regel, dass es jetzt ums Ganze geht, dass die Sache wirklich wichtig ist. Und genau das ist beim Volk Gottes, genau das ist bei uns der Fall. Es geht nicht darum, dass wir ein bisschen Oberflächlichkeitschristen sind und ansonsten wollen wir, bitteschön, unsere Ruhe haben, sondern es geht um unser Leben. Es geht um unser irdisches Leben und um das ewige Leben. Gott möchte uns bei sich und in seiner Nähe haben, weil dort das beste Leben möglich ist, weil dort die besten Lebensbedingungen für uns herrschen.
Wenn ich jetzt mal kurz ins Bild zurückkehre: Da ist die Rede von guten Weiden – ob auf Bergen oder in Tälern, aber die beste Weide ist oben auf den hohen Bergen!
Normalerweise ist auf hohen Bergen die Vegetation eher spärlich. Und gefährlich ist es doch außerdem: Man könnte abstürzen und sich das Genick brechen. Da braucht es nicht mal den Angriff durch einen Wolf.
Bei Gott ist das anders. Da ist die beste Weide ganz oben auf den Bergen! Irgendwie ist das unvorstellbar. Aber Gott selbst hat es gesagt.
Jede und jeder kann das Bild jetzt selbst für sich füllen: Was sind Berge und Täler in deinem Leben? Wann hat es Zeiten gegeben, in denen du auf einem Irrweg warst? Oder bist Du es vielleicht immer noch? Wann warst du allein und ohne den Schutz der Herde? Wann war es trüb und finster in deinem Leben, im Leben deiner Familie, im Leben deiner Gemeinde?
Aus dem allen will und wird dich Gott, der der einzig wahre Hirte ist, herausholen!

Liebe Gemeinde, zum Schluss lasst uns Gottes Worte ganz deutlich hören: „Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der Herr.

Amen.