Trinitatis 12.6.2022 von Gottfried Heyn

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Predigt über Joh 3,1-15
[Es war ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden. Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von Neuem geboren werden. Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist. Nikodemus antwortete und sprach zu ihm: Wie mag das zugehen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du bist Israels Lehrer und weißt das nicht? Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben, und ihr nehmt unser Zeugnis nicht an. Glaubt ihr nicht, wenn ich euch von irdischen Dingen sage, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch von himmlischen Dingen sage? Und niemand ist gen Himmel aufgefahren außer dem, der vom Himmel herabgekommen ist, nämlich der Menschensohn. Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.]

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Liebe Gemeinde,
ich finde, die Geschichte von dem Pharisäer Nikodemus, der bei Nacht zu Jesus kommt, um mit ihm zu reden, ist eine der spannendsten des Neuen Testaments.
Normalerweise stehen die Pharisäer Jesus feindlich gegenüber. Normalerweise sind Jesus und die Pharisäer Kontrahenten. Normalerweise hätte so ein Gespräch nicht stattgefunden.
Deshalb kommt Nikodemus in der Nacht zu Jesus, damit ihn keiner seiner Leute sieht, damit dieser Besuch verborgen bleibt.
Aber noch spannender als die Konspiration dieses Treffens, die Heimlichkeit, mit der es durchgeführt wird, ist das, was Nikodemus zu Jesus sagt: „Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.“
Das ist geradezu ungeheuerlich! Es ist das Eingeständnis, dass die Pharisäer im Unrecht sind. Es ist das Eingeständnis, dass er, Nikodemus, auf der falschen Seite steht. Das ist ein bisschen so, als wenn heute ein ranghoher russischer General heimlich bei Nacht über die Front nach Kiew reisen würde und gegenüber dem ukrainischen Präsidenten eingestehen würde: „Wir wissen, dass ihr für eine gerechte Sache kämpft.“ Das wäre das Eingeständnis der eigenen Schuld, des eigenen Unrechts, des eigenen Versagens.

Ich will drei kurze Gedanken ansprechen:
1) So ein Eingeständnis kommt wohl nur selten vor, und ich stelle mir vor, wie schwer es Nikodemus gefallen sein muss, diesen Schritt zu gehen. Vermutlich war er hin- und hergerissen zwischen der Loyalität zu seiner Gruppe der Pharisäer, die für sich in Anspruch nahmen, die Hoheit in religiösen Dingen zu haben, und seiner unbändigen Neugier, diesen Jesus endlich kennenzulernen, von dem er ahnte, nein, wusste, dass er ein besonderer war. Ihn als den Messias zu bezeichnen, das traute er sich dann doch nicht. Aber er wusste im Prinzip, wer Jesus war.
Eine der spannendsten Geschichten des Neuen Testaments ist diese Geschichte für mich auch deshalb, weil Jesus so geheimnisvoll zu Nikodemus redet. Eigentlich antwortet er diesem Pharisäer gar nicht auf seine Frage. Er verpackt seine Antwort in umständliche und schwer verständliche Formulierungen, auf welche Weise man Gott erkennen kann.
Für Jesus ist die Taufe der Schlüssel zur richtigen Erkenntnis Gottes und der Weg zu Gott, ins Reich Gottes. Vordergründig ist dieses Gespräch Jesu mit Nikodemus deshalb auch ein Gespräch über die Taufe.

2) Aber es gibt eine zweite Gesprächsebene, die Jesus hier „bedient“ und ausspricht (– neben der dreimaligen Antwort Jesu: „wahrlich, wahrlich, ich sage dir …“ wie gesagt dreimal!). Und die stellt den Bezug zum heutigen Tag der heiligen Dreifaltigkeit, dem Trinitatisfest, her.
So geheimnisvoll wie es sich mit der Trinität Gottes verhält, und so schwer, wie wir sie beschreiben können, so geheimnisvoll sind auch die Worte Jesu.
Eigentlich können wir die Trinität Gottes gar nicht beschreiben; wir können sie nur aussagen. Wir bekennen sie und wir glauben sie: Wir glauben an den dreieinigen Gott: Vater, Sohn und Heiligen Geist. Zu beschreiben wie das ist, ein Gott in drei Personen, da kommen wir an unsere Grenzen.

Vielleicht ging es dem Nikodemus ganz ähnlich, als Jesus mit ihm geredet hat. Ich stelle mir vor, wie er atemlos und voller Spannung zugehört hat und wie er gespürt hat, dass Jesus mit Vollmacht redet. Aber er konnte es nicht fassen. Er konnte es nicht so aufnehmen, dass er seine Pharisäer-Kollegen davon hätte überzeugen können. Es war ein einzigartiger Offenbarungsmoment, den er da erlebte.
Der dreieinige Gott saß ihm gegenüber in der Gestalt des Rabbi Jesus von Nazareth und erklärte ihm die Dreieinigkeit Gottes. Das ging über sein Fassungsvermögen. Und doch kam ihm Gott zum Greifen nah. Für einen frommen Juden war das eine unglaubliche Erfahrung!

3) Der dreieinige Gott zeigt sich in diesem Gespräch auf zweierlei Weise. Zum einen werden da die drei Personen Gottes erwähnt: (1) Gott der Vater, der unsichtbar ist, und von dem Nikodemus bekennt, dass er hinter den Zeichen steht, die Jesus tut, (2) Gott der Sohn, der sichtbar vor Nikodemus sitzt, und der sich selbst als der Menschensohn bezeichnet, der vom Himmel gekommen ist und in den Himmel aufgefahren ist, und (3) Gott der Heilige Geist, der unsichtbar ist, aber hörbar, fühlbar, spürbar wie der Wind, und von dem Jesus redet im Zusammenhang mit dem Wiedergeborenwerden.
Und das ist die zweite verborgene noch geheimnisvollere Weise, in der sich der dreieinige Gott hier zeigt: Indem Jesus auf die Taufe anspielt und dieses Sakrament als den Zugang, die Tür zu Gott, ins Reich Gottes bezeichnet, wird noch einmal auf den dreieinigen Gott hingewiesen. Derselbe Jesus, der hier mit Nikodemus redet, wird kurz vor seiner Himmelfahrt seinen Jüngern den Befehl geben: „Gehet hin in alle Welt und machet zu Jüngern alle Völker, taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“

Liebe Gemeinde, lasst uns heute wie Nikodemus zu Jesus gehen und ihn darum bitten, sich uns zu offenbaren. Von Nikodemus wird berichtet, dass er bei der Grablegung Jesu dabei gewesen ist. Er hatte die Seiten gewechselt. Dieses einmalige Offenbarungserlebnis damals in der Nacht hatte ihn zum lebendigen Glauben an den dreieinigen Gott geführt.
Gott offenbart sich uns auch heute durch sein heiliges Wort, in dem er zu uns redet, und macht uns in der heiligen Taufe und durch das heilige Abendmahl aus seinen Gegnern zu seinen Freunden, Kindern und Jüngern.
Amen.