14. Sonntag nach Trinitatis 18.09.2022 von Christoph Barnbrock, gelesen von Tobias Apholz

Die Predigt      :
Der Gottesdienst :

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Predigt über 1. Buch Mose im 28. Kapitel
10 Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran 11 und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen. 12 Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. 13 Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. 14 Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. 15 Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe. 16 Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! 17 Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. 18 Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf 19 und nannte die Stätte Bethel; vorher aber hieß die Stadt Lus. 20 Und Jakob tat ein Gelübde und sprach: Wird Gott mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, den ich reise, und mir Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen 21 und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der HERR mein Gott sein. 22 Und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Steinmal, soll ein Gotteshaus werden; und von allem, was du mir gibst, will ich dir den Zehnten geben.

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Liebe Gemeinde,
I.
einen Findling hält Jakob fest in beiden Händen. – So begegnet er uns gleich zu Beginn dieser Geschichte. Die Muskeln sind angespannt. Er wuchtet diesen Stein von der einen Stelle zu dem Ort, wo er sein Nachtlager aufschlagen will. Die Sonne geht langsam unter. Am Ende eines langen Tages ist das noch einmal eine richtige Kraftanstrengung. Der Stein dient ihm als Stütze für seinen Kopf, vielleicht auch als Schutz vor Tieren, die in der Nacht umherstreunen.
Hinter Jakob liegt ein langer Tag. Er war aus seinem Elternhaus geflohen, hatte seine Heimat und Familie zurückgelassen. Sein Bruder Esau lag mit ihm im Streit, seit Jakob ihn betrogen hatte. Und nun drohte Esau ihm, ihn umzubringen. Da musste Jakob weg. Am besten zur Verwandtschaft nach Haran. Ein Abschied womöglich auf Nimmerwiedersehen. Ein Aufbruch in eine ungewisse Zukunft.
Am ersten Abend seiner Flucht steht er nun also da mit dem Findling in den Händen. Er wuchtet ihn von dort nach hier. Ein Kraftakt, mit dem er auch seine Wut über den überstürzten Abschied loswerden konnte.
II.
Jakob mit dem Findling in der Hand. Das ist ein Bild, das viel über Jakob aussagt. Denn er ist einer, der gern zupackt, der die Dinge im Leben selbst in die Hand nimmt. Schon bei seiner Geburt hielt er die Ferse seines Zwillingsbruders Esau fest. Und auch später hat er immer wieder sein Leben selbst in die Hand genommen. In der Familie spielte er selbst Schicksal, indem er sich vor seinem blinden Vater Isaak den Erstgeburtssegen erschwindelte. Damit drängelte er sich in der Rangfolge der Geschwister vor. Und noch in dem Gelübde, das Jakob am Ende der Geschichte von der Himmelsleiter leistet, wird diese zupackende Art deutlich. Ganz pragmatisch, unserem Empfinden nach vielleicht sogar fast etwas übermütig, tritt Jakob ein in Verhandlungen mit Gott: Wenn Gott ihn auf seinem Weg begleitet, dann soll er Jakobs Gott sein. Und wenn Jakob wieder zu seinem Vater zurückkehren wird, dann wird hier an diesem Ort ein Heiligtum für diesen Gott entstehen. Und Jakob selbst wird eine Opfergabe leisten. Ja, das ist Jakob, ein Mann, der zupackt, der die Dinge selbst in die Hand nimmt und ganz pragmatisch handelt.
III.
In dieser Hinsicht ist Jakob uns modernen Menschen ganz nahe. Wir leben in einer Welt, die uns unzählige Möglichkeiten offen hält – sei es bei der Wahl des Urlaubsortes, sei es bei der Wahl des Berufes, sei es bei der Ausgestaltung unseres Lebens insgesamt.
So wird uns immer wieder entweder direkt hörbar oder aber indirekt zugerufen: „Nimm dein Leben in die Hand! Gestalte es nach deinen Vorstellungen! Mach etwas daraus! Du hast es selbst in der Hand!“
Die meisten erleben dies überwiegend als Bereicherung. Sie freuen sich über die verschiedenen Möglichkeiten, die sich ihnen eröffnen. Und ohne Frage ist dies ein großes Geschenk unserer Zeit. Und doch gibt es auch Menschen, die es anders wahrnehmen: Junge Menschen, die angesichts der Fülle der Möglichkeiten gar nicht recht wissen, welchen der unzählig vielen Berufe sie ergreifen sollen. Familien, die finanziell eingeschränkt sind, und für die die große Wahlfreiheit nur ein schöner Gedanke ist. Ältere Menschen, die verunsichert sind angesichts einer Welt, die sich so rasant verändert, dass es ihnen schwer fällt, sich noch weiter zurechtzufinden.
Die Aufforderung, das Leben selbst in die Hand zu nehmen, kann manchen leicht überfordern. Oft ist dieser Ruf, selbst aus dem Leben etwas zu machen, mehr Überforderung als beglückende Chance. Längst nicht alle sind so zupackende Typen wie Jakob.
IV.
Doch auch Jakob muss lernen, dass er das Wesentliche im Leben nicht durch seine zupackende Art geschenkt bekommt.
Die Begegnung mit Gott ereignet sich eben nicht da, wo er kraftstrotzend Felsbrocken von hier nach dort trägt. Den offenen Himmel sieht er nicht in dem Moment, in dem er selbst das Geschick seines Lebens in die – seiner Meinung nach – rechten Bahnen lenkt. Und Gottes Zusage für seinen weiteren Lebensweg ereilt ihn eben nicht als Ergebnis einer geschickten Verhandlung mit Gott. Sondern all dies geschieht in einem Moment, in dem Jakob alles aus der Hand gelegt hat, nämlich als er schläft. Im Schlaf, also im Moment der völligen menschlichen Tatenlosigkeit, handelt Gott an ihm. Er lässt ihn den offenen Himmel schauen, vergewissert ihn seines Segens und seines Beistandes und schenkt ihm so Mut, Gewissheit und Kraft für seinen weiteren schwierigen Lebensweg.
V.
Dies ist eine tiefe geistliche Erfahrung, die Jakob in diesem Moment macht und die für uns Menschen im 21. Jahrhundert in gleicher Weise gilt.
Durch unser Tun und Machen werden wir Gott nicht nahe kommen. Unser Leben selbst in die Hand zu nehmen und dadurch Gott dazu zu drängen, seinen Segen dazuzugeben, wird letztlich nicht gelingen.
Vielmehr verfehlen wir dadurch immer wieder Gott, setzen unsere Wünsche an die Stelle von Gottes Willen. Womöglich erhoffen wir uns durch unser eigenes Tun die Erfüllung unseres Lebens. Und doch stehen wir so Gott selbst am Ende oft im Weg. Wer nur auf sich und die eigenen Wünsche und Träume schaut, verliert Gott aus dem Blick und droht sein Leben zu verfehlen.
Mit Gott unterwegs zu sein, heißt aber oftmals auch, andere Wege zu gehen, als wir uns das selbst vorher vorgestellt haben. Auch Jakob muss dies lernen. Bei seinem Onkel Laban verdingt er sich für sieben Jahre als Arbeiter, um am Ende dessen Tochter Rahel heiraten zu können. Aber nach dem Ende der sieben Jahre bekommt er zunächst Lea zur Frau und muss für Rahel sieben weitere Jahre arbeiten.
Manch einer kennt das auch aus seinem Leben, dass Ziele im Leben nur über Umwege zu erreichen sind. Dass Gott Wünsche nicht einfach unmittelbar erfüllt, sondern oftmals auch andere, verschlungene Wege mit uns geht. Und immer wieder bricht sich so dann die Erkenntnis Bahn, dass das Wesentliche eben nicht durch das eigene Planen und Tun zu erreichen ist. Sondern das Wichtigste im Leben schafft Gott in den Momenten, in denen wir ganz tatenlos sind.
VI.
Wo finden wir solche Momente der Tatenlosigkeit, in denen uns Gott ganz nahe ist? Dort, wo wir Gottes Wort hören – in biblischen Lesungen oder in der Predigt. Da sind wir ganz tatenlos, ganz passiv. Nicht einmal die Ohren öffnen können oder müssen wir dafür. Es ist ja gerade die Besonderheit des menschlichen Gehörs, dass es von innen weder abschließ- noch aufschließbar ist.
Und auch dort erfahren wir Gottes Nähe mitten in unserer menschlichen Tatenlosigkeit, wo ein Kind in der Taufe mit Wasser übergossen wird und ihm so die Taufe widerfährt. Oder eben dort, wo Menschen am Altar knien, ihnen eine Hostie in den Mund [bzw. in die Hand] gelegt wird, ihnen gesegneter Wein gereicht wird und sich Jesus Christus ihnen in diesen Gaben mit seinem wahren Leib und seinem wahren Blut schenkt. Alles Momente großer menschlicher Tatenlosigkeit – und zugleich Momente der großen Taten Gottes in unserer Mitte.
Da geschieht auch unter uns, was Jakob erstaunt und ehrfürchtig formuliert: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.
VII.
Ganz tatenlos zu bleiben, alles von Gott zu erwarten, wo wir nichts mehr tun können, das ist und bleibt uns modernen Menschen womöglich fremd. Und so ist es eine Herausforderung, dies immer wieder in aller Gelassenheit einzuüben – auch in der Gewissheit, dass Gottes Handeln eben nicht an diesem unserem Einüben hängt.
Und natürlich ist es so, dass wir Menschen in unserem Leben Entscheidungen treffen dürfen, sollen und müssen. Und wir wissen, dass Gott, der uns in unserer eigenen Tatenlosigkeit im Gottesdienst tatkräftig begegnet, auch in unseren Alltag mitgeht. Dass er uns dorthin begleitet, wo wir vor Entscheidungen und manchmal auch unte Handlungsdruck gestellt sind.
Die Wege, die er uns dort führt, mögen manchmal ungewohnte, unerwartete und auf den ersten Blick bisweilen enttäuschende Wege sein. Und doch gilt uns seine Verheißung, uns nicht zu verlassen, ebenso wie Jakob auf seinem kurvenreichen Lebensweg.
VIII.
Jakob selbst ist ein Leben lang ein zupackender Mensch geblieben, einer, der Steine versetzte und immer wieder sein Leben selbst zu gestalten versuchte.
Doch am Ende hat er etwas Wesentliches für sich gelernt, nämlich kurz bevor er nach langen Jahren wieder auf seinen Bruder Esau stieß. Unruhe machte sich bei ihm breit, die Sorge, wie es wohl werden wird nach den vielen Jahren. Würde Esau immer noch versuchen, ihn umzubringen?
In diesem Moment begegnet er noch einmal auf verborgene Weise Gott selbst. Beide ringen miteinander. Und wieder fasst Jakob zu, wie schon so oft in seinem Leben. Er nimmt die Dinge selbst in die Hand. Ja mehr noch: Er krallt sich in diesem Moment der Angst und der Ungewissheit fest an Gott. So fest, dass Gott sich von ihm nicht losreißen kann oder will. Erst nachdem Gott Jakob wieder neu gesegnet hat, lässt dieser ihn gehen.
Eine unglaubliche Geschichte. Zugleich eine Geschichte, die deutlich macht, wie aus einem, der Steine und das Leben in die Hand nimmt, einer wird, der sich an Gott festhält.
Sich an Gott, an seinen Versprechen festzuhalten, festzukrallen – das ist ein schönes Bild für den Glauben. Ein Bild, das womöglich besonders gut zu uns passt: zu Menschen, die in einer Zeit leben, wo zupackende Menschen gefragt sind, Leute, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen sollen und wollen. So müssen wir nicht aufhören, zupackende Menschen zu sein, sondern es kommt darauf an, wo wir zupacken, was wir festhalten: Halten wir uns an Gott fest, so wird Segen auf unserem Leben liegen – Segen, der uns bereit macht, unser Leben zu leben. Segen, der dann auch auf den Entscheidungen liegt, die in unserem Leben anstehen.
Amen.