Rogate 09.05.2021 von Gottfried Heyn

Die Predigt      :
Der Gottesdienst :

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Predigt über Sirach 35,16-22a
Gott hilft dem Armen ohne Ansehen der Person und erhört das Gebet des Unterdrückten. Er verachtet das Flehen der Waisen nicht noch die Witwe, wenn sie ihre Klage erhebt. Laufen ihr nicht die Tränen die Wange hinunter, und richtet sich ihr Schreien nicht gegen den, der die Tränen fließen lässt? Wer Gott dient, den nimmt er mit Wohlgefallen an, und sein Gebet reicht bis in die Wolken. Das Gebet eines Demütigen dringt durch die Wolken, doch bis es dort ist, bleibt er ohne Trost, und er lässt nicht nach, bis der Höchste sich seiner annimmt und den Gerechten ihr Recht zuspricht und Gericht hält.

Liebe Gemeinde,
im Konfirmandenunterricht haben wir gelernt, dass die lateinischen Sonntagsnamen in der Regel das erste oder die ersten Worte der ursprünglich in lateinischer Sprache formulierten Introitus-Antiphonen sind.
Beim Sonntag Rogate ist das auch so. Rogate heißt zu Deutsch „Bittet“ oder „Betet“. Deshalb hat es sich bei uns eingebürgert, dass wir an diesem Sonntag besonders vom Beten reden. Dabei ist unser Gebet aber nicht auf diesen Sonntag beschränkt. Im Gegenteil: Das Gebet ist fester Bestandteil jedes Gottesdienstes – egal, ob mit Pastor oder ohne, ob in der Kirche oder auf dem Campingplatz, öffentlich oder privat. Ein Gottesdienst ohne Gebet ist eigentlich nicht vorstellbar. Denn im Gottesdienst redet Gott mit uns durch sein heiliges Wort, und wir reden mit ihm durch unsere Gebete und Lieder.
Der Sonntag Rogate, der zu den besonderen Sonntagen in der Osterzeit gehört, rückt unser Beten in ein besonderes Licht. Wenn wir beten, reden wir zu unserem auferstandenen und lebendigen Herrn. Wir beten nicht zu einem toten Stein oder zu einem toten Stück Holz, sondern wir reden mit einem, der lebt. Noch genauer müsste man sagen: Wir reden zu dem, der das Leben selbst ist, der das Leben geschaffen hat, der den Tod überwunden hat! Dadurch bekommen unsere Gebete eine ganz besondere Qualität. Die Gemeinde der Jünger Jesu, die den auferstandenen Herrn gesehen hat, bittet ihren Herrn darum, bei ihr zu bleiben, ihr Trost und Kraft und Nähe zu spenden und den Heiligen Geist zu senden.
Diese Art des Gebets hebt sich grundsätzlich von allen anderen Gebeten ab.

Und genau davon redet unser heutiger Predigttext.

Ich glaube, jeder von uns hat schon eigene Erfahrungen mit dem Gebet gemacht. In der Regel sind diese Erfahrungen sehr unterschiedlich. Manch einer berichtet immer wieder von so genannten Gebetserhörungen. Sie oder er hat Gott ein Gebetsanliegen genannt, und das Erbetene ist eingetreten! Das ist super! Es hilft uns sehr, mit der Existenz Gottes zu rechnen. Es stärkt unseren Glauben.
Aber es gibt auch das Andere: Da berichten Menschen davon, dass sie Gott schon lange mit etwas in den Ohren liegen, ihn anflehen, bitten und betteln – aber bisher ist nichts davon eingetreten.
Und noch viel öfter gibt es das ganz menschliche Phänomen, dass wir beim Beten müde geworden sind. Darüber wird zwar in der Regel nicht gesprochen, aber jeder von uns kennt das. Irgendwann hat man es einfach aufgegeben, noch für dieses oder jenes zu beten. „Ach, es hat doch sowieso keinen Zweck. Gott hört nicht!“ Resignation und Verbitterung machen sich dafür breit.
Vielleicht kann einer auch von all diesen Gebetserfahrungen zugleich von sich berichten. „Ich habe alles schon mal erlebt!“
Es ist eben wirklich nicht so ganz einfach, an einen Gott zu glauben und zu einem Gott zu beten, den man nicht sieht!
Genau das Problem wird in dem Buch Jesus Sirach aufgegriffen.
Dreimal redet der Verfasser unseres Predigttextes vom Gebet. Diese drei Stellen will ich noch einmal kurz zur Sprache bringen:

1) „Gott hilft dem Armen ohne Ansehen der Person und erhört das Gebet des Unterdrückten.“
Dieser Satz scheint ein Widerspruch zu sein. Was gilt den nun: Kein Ansehen der Person? Oder hat der Unterdrückte Vorrang?
Beides ist richtig. Bei Gott spielt es keine Rolle, welchen Rang, welche gesellschaftliche oder politische Stellung jemand hat, ob er reich oder arm ist. Vor Gott sind wir alle gleich. Jeder Mensch darf sich im Gebet an Gott wenden. Und das Andere gilt daneben auch: der Unterdrückte, derjenige, der unter seinen Mitmenschen, die doch vor Gott alle gleich sind, zu leiden hat, dessen Gebet wird von Gott gehört und erhört. Gott steht eindeutig auf der Seite der Armen, Unterdrückten und Rechtlosen.

2) Unser zweiter Gedanke: „Wer Gott dient, den nimmt er mit Wohlgefallen an, und sein Gebet reicht bis in die Wolken.“
Nach dem, was ich eben gesagt habe, könnte man mir
vorwerfen, ich würde Gott für politische Zwecke missbrauchen. Das tue ich nicht. Denn von dem, der zu Gott betet, heißt es jetzt weiter, dass derjenige in einer positiven Beziehung zu Gott stehen muss. Hier heißt es: „Wer Gott dient …“. Also: Wer Gott ablehnt, verneint, ihm nicht dient, nicht an ihn glaubt, dessen Gebet wird bei Gott nur schwerlich ans Ziel kommen. Gut, vielleicht wird so ein Mensch gar nicht ernstlich zu Gott beten. Aber denken wir nur an den gedankenlosen vielfachen Gebrauch des Gottesnamens bei unseren Mitmenschen. Sie rufen Gott an, sie nennen seinen Namen in jeder passenden und unpassenden Situation, aber sie glauben nicht an ihn. Sie rechnen nicht mit ihm. Sie wenden sich gar nicht wirklich an ihn. Sie gehen von vornherein davon aus, dass es ihn sowieso nicht gibt.
Warum eigentlich?
Ein Gott der lebt, der hört, wenn man seinen Namen ruft! Das ist bei uns Menschen nicht anders. Aber ob wir auf ein solches Rufen reagieren, liegt sehr daran, was der andere für eine Absicht hat. Genauso ist das bei Gott.

3) Und noch der dritte Gedanke: „Das Gebet eines Demütigen dringt durch die Wolken, …, und er lässt nicht nach, bis der Höchste sich seiner annimmt … .“
Das Besondere an unseren Gebeten sind mehrere Aspekte. Einige haben wir schon genannt: Wir beten zu dem lebendigen Herrn. Wir glauben an Gott und dienen ihm. Nun kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu. Unser Gebet „erreicht“ auch etwas. Es kommt zum Ziel.
Das Gebet des Demütigen, von dem hier die Rede ist, ist das Gebet dessen, der den Mut hat zum Dienen. Demut heißt Mut zum Dienen. Wer den Mut hat, Gott zu dienen, dessen Gebet durchbricht die Wolken, hinter denen unser Herr verborgen ist, und dringt an sein Ohr.
Denken wir an die Geschichte von der Himmelfahrt Christi. Jesus wurde vor den Augen seiner Jünger aufgehoben durch eine lichte Wolke von ihnen weg. Seitdem ist er vor unseren Augen verborgen. Aber trotzdem ist er nicht unerreichbar für uns. Unser Gebet ist das Mittel, oder sollen wir etwas mystisch sagen: das Medium, mit dem wir die Verbindung zu unserem Herrn halten können. Unser Gebet durchdringt die Wolken, die zwischen uns und unserem Herrn sind. Jesus selbst hilft uns beten, indem er uns vorgebetet und vorgesprochen hat.
Von diesem Gebet lässt sich Gott erweichen! Er nimmt sich des Anliegens an, das ihm immer und immer wieder vorgetragen wird.

Liebe Gemeinde, heute am Sonntag Rogate will ich euch Mut machen, beim Beten nicht müde zu werden, nicht zu schnell aufzugeben. Unsere Gebete haben eine wunderbare Verheißung. Vertrau darauf, dass Gott deine Gebete erhört – auch wenn du bisher vielleicht scheinbar erstmal gegenteilige Erfahrungen gemacht hast. Wir beten zu unserem auferstandenen und lebendigen Herrn! Wie könnte es da sein, dass er uns nicht hört?
Amen.