14. Sonntag nach Trinitatis 13.09.2020 von Hans-Jörg Voigt

Die Predigt     :
Der Gottesdienst:

Predigt über 1. Thessalonicher 5,14-24
14 Wir ermahnen euch aber: Weist die Nachlässigen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig mit jedermann. 15 Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach, füreinander und für jedermann. 16 Seid allezeit fröhlich, 17 betet ohne Unterlass, 18 seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch. 19 Den Geist löscht nicht aus. 20 Prophetische Rede verachtet nicht. 21 Prüft aber alles und das Gute behaltet. 22 Meidet das Böse in jeder Gestalt. 23 Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für das Kommen unseres Herrn Jesus Christus. 24 Treu ist er, der euch ruft; er wird's auch tun.

Einleitung: Das Klavierduo
1. Wie in die Corona-Krise geschrieben – Vers 14
2. Schmiermittel für das Gemeindeleben: Fröhlich sein, Beten, Danken – Verse 16, 17, 18
3. Gott schafft selbst in uns das Gute – Verse 23, 24
Schluss: Wir fangen einfach noch einmal von vorne an.

Einleitung: Liebe Gemeinde! Als unsere Kinder noch zur Musikschule gingen, gab es von Zeit zu Zeit sogenannte Vorspiele. Die Eltern und Großeltern wurden in den Konzertsaal der Musikschule eingeladen und die kleinen und großen Schüler spielten kleine und große Musikstücke auf ihren Instrumenten. Die eigentliche Übung an solchen Abenden bestand darin, die Aufregung zu überwinden.
Ein Klavierduo war auch einmal dabei. Die beiden setzten sich gemeinsam an den Flügel, nicht zu eng aber auch nicht zu weit. Dann zählte der ältere vor, zog die Luft ein, nickte und das Stück begann. Da begann ziemlich weit vorn ein kleines Kind zu hampeln und mit Getöse fiel ein Stuhl um. Die kleine begann zu weinen. Man konnte sehen wie der eine am Klavier mit dem Kopf zuckte, um zur Seite zu sehen. Das lenkte ihn von den Noten ab. Das Stück begann zu klappern. Nichts stimmte mehr zusammen. Der andere spielte noch ein Stück weiter. Dann war Schluss. Sie waren aus dem Takt gekommen.

Liebe Gemeinde, ich habe den Eindruck, dass uns dies so ähnlich in dieser Corona-Krise in unseren Kirchgemeinden ergangen ist. Die tödliche Gefahr, die von dem Virus ausgeht, hat uns aus dem Takt gebracht. Die ganz großen Selbstverständlichkeiten unserer Kirche und Gemeinde, dass und wie wir Gottesdienst feiern, dass wir Beichte mit Handauflegung haben, das Abendmahl feiern, Unterrichte und Gemeindekreise halten, vor allem Singen und Posaunenchor hören – nichts ist mehr, wie es war.
Wir sind aus dem Takt gekommen.

1. Der Abschnitt unseres Predigtwortes ist von Paulus wie in diese Corona-Krise hineingeschrieben, besonders der 14. Vers: „Wir ermahnen euch aber: Weist die Nachlässigen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig mit jedermann.“ Da gibt es Gemeinden, in denen gibt es das eine Extrem, die „Nachlässigen“, die sagen, dass das mit dem Mund – Nase – Schutz alles Quatsch ist und wir sollten endlich aufhören damit. Und es gibt auch das andere Extrem, die „Kleinmütigen“, die vielleicht ein wenig zu sensibel und ängstlich reagieren.
Das Wort, das hier in der neueren Lutherbibel mit „Nachlässige“ übersetzt ist, hieß in der vorigen Bibel-Ausgabe: die „Unordentlichen“. Im Griechischen steht hier ein sehr interessantes Wort. Es ist die Rede von den „ἀτάκτους“ – den A – taktus. Das sind die, die keinen Takt haben, die „Taktlosen“. Unser musikalischer Begriff „Takt“ ist hier sprachgeschichtlich enthalten. Es ist von Leuten die Rede, die sich nicht an die Regeln halten, die aus dem Takt gekommen sind.
Wir erleben in diesen Tagen etliche Gemeinden, in denen es zu schweren Spannungen oder gar Streitigkeiten gekommen ist, zwischen den nachlässig Taktlosen und den vielleicht auch übertrieben Kleinmütigen. „Weist die Nachlässigen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig mit jedermann“.

Dass dieses 2000 Jahre alte Wort aus dem 1. Thessalonicher-Brief so aktuell ist, zeigt aber auch, dass Kirche und Gemeinde immer in der Gefahr steht, aus dem Takt zu geraten, in Streit zu zerfallen, ähnlich wie die beiden jungen Musiker, von den ich erzählte.

2. Im Folgenden gibt der Apostel Paulus für die junge Gemeinde in Thessaloniki Mahnungen, die im Gemeindeleben wie eine Art Schmiermittel wirken: Fröhlich sein, Beten, Danken!
Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.“ Wenn ein Getriebe ohne Öl läuft, dann läuft es heiß, nutzt sich ab und bleibt sehr rasch stehen. Wenn das „Getriebe“ einer Gemeinde, in der viele Menschen mehr oder weniger eng miteinander zu tun haben, ohne Freude, Gebet und Dankbarkeit „läuft“, dann läuft es heiß, es raucht, qualmt und stinkt und bleibt dann irgendwann stehen.
Freude, Gebet und Dankbarkeit verändern die Sicht auf die Dinge. Wir nehmen sozusagen eine Außenperspektive ein, können auch mal über uns selbst lachen, können im Gebet unser Leben in Gottes Hand legen, ja sogar dankbar aus Gottes Blickwinkel sehen.
            Das heißt gewiss nicht, dass wir nun immerzu lächelnd und Gebete murmelnd durch die Gegend laufen. Nein, auch Traurigkeit und Schweigen vor Gott gehören zu einem Christenleben. Aber im Alltag ein frohes Lied pfeifen – über das Pfeifen gibt es interessanter weise noch keine Corona-Studie – verändert die Perspektive.
Oder wenn ich im Kaufhaus die Familie sehe, die einen total gestressten Eindruck macht, weil sie an dem Kind zerrt, das nicht mehr will und er mit versteinerter Miene offensichtlich den Eingeschnappten gibt, dann kann ich eigentlich nichts machen, außer ein Stoßgebet zu beten: Herr Jesus Christus hilf diesen Leuten! Schenke ihnen Ruhe und Gelassenheit.

3. Ist das nicht ein Idealbild, das Paulus hier von der christlichen Gemeinde zeichnet? Im Gegenteil! Indem Paulus diese Mahnungen mit Nachdruck nennt, macht er uns ja deutlich, dass die Gemeinde in Thessaloniki diese Ermahnungen genauso nötig hatte, wie wir hier in der Bethlehemsgemeinde.
Und, was noch viel wichtiger ist: Paulus nennt zum Schluss sehr genau, wer es ist, der einzig solche Veränderung in meinem Leben bewirken kann: „Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für das Kommen unseres Herrn Jesus Christus. Treu ist er, der euch ruft; er wird's auch tun.“ Der Gott des Friedens selbst heiligt und verändert uns. Er tut das indem er durch sein Wort zu uns redet. Er tut das in dem er uns jetzt sein Leib und Blut zu essen und zu trinken gibt.
Er tut es, er verändert uns, jetzt.

Schluss: Noch einmal zurück zu diesem jungen Klavierduo, dass mit seinem Stück zunächst gescheitert war. Die Lehrerin trat hinter die beiden, legte beruhigend ihre Hände auf ihre Schultern und flüstert: Wir fangen einfach noch mal von vorne an. Der ältere zählt vor, zieht die Luft ein, nickt und die Musik beginnt. Die Lehrerin steht dahinter, hat nur die Schultern losgelassen. Die beiden hören aufeinander. Hören ist das wichtigste an der Musik. Sie fühlen miteinander. Sie lasse die Noten und den Takt zur Musik werden.

Wir fangen einfach noch mal von vorne an.
Amen.