Sexagesimae 16.02.2020 von M. Schätzel

Die Predigt      :
Der Gottesdienst :

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Predigt über Hesekiel 2, 1-5.8-10; 3.1-3
Der HERR sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden. Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: „So spricht Gott der HERR!“ Sie gehorchen oder lassen es – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist. Aber du, Menschenkind, höre, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde. Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel! Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.

Wenn Sie alle ärztlichen Empfehlungen in den Wind schreiben und weiterhin so unvernünftig leben, nützen ihnen die beste Behandlung und die bewährtesten Medikamente nichts!“ In dem Bemühen, den inneren Ärger zu bändigen, wurde der Hausarzt dennoch deutlich, liebe Gemeinde. Immer wieder hatte er seinem Patienten aufgrund von dessen gesundheitlicher Situation deutlich gemacht, dass es für ihn besser sei, dieses zu tun und jenes zu lassen. Aber die Worte des Arztes stießen auf taube Ohren: Der Patient dachte nicht daran, sie ernstzunehmen und zu beherzigen. Vielmehr dachte er: Eigentlich geht es mir doch ganz gut, so ernst wird doch das alles nicht sein mit den medizinischen Werten. Es wird schon alles irgendwie gutgehen.
Liebe Gemeinde, das Beispiel des Arztes, der auf den Zustand seine Patienten achtet und dessen Leben fördern will, legt sich nahe, wenn es um die Wegweisungen Gottes zum Guten des Lebens der Menschen geht. Sein Anspruch an unser Leben ist ja kein Selbstzweck, mit dem er uns willkürlich schikanieren will. Vielmehr möchte er uns bewegen, das Leben an ihm auszurichten, mit ihm zu teilen und im Einklang mit ihm in dieser Zeit zu gestalten und damit in der Spur zu sein, die auf ewiges Leben hin angelegt ist. Gottes Wegweisungen haben wie die Empfehlungen des Arztes unmittelbar mit unserem Leben zu tun: Dass wir dieses sein lassen und jenes tun, das wird unsere Lebensqualität fördern und uns nicht zu kurz kommen lassen.
Der Prophet Hesekiel lebte lange Zeit vor der durch das Kommen Gottes in Jesus Christus markierten Zeitenwende. Desolat stand es um die Menschen, denen sich Gott mit seinen Wegweisungen hatte vernehmen lassen und die seine Worte in den Wind schrieben. Wieso sollten wir diesem Gott folgen? Der will uns doch nur gängeln! Wieso sollten wir Gott vertrauen? Da haben wir ganz andere Hoffnungsträger, an die wir uns hängen! Wieso sollten wir nichts als die Wahrheit sagen? Die andern flunkern sich doch auch durchs Leben! Wieso sollten wir mit Armen teilen? Uns hat auch keiner geholfen! Wieso sollten wir Nachsicht walten lassen? Jeder ist sich selbst der Nächste! Eigensinnig, dickköpfig und mit verhärteten Herzen gingen sie ihre Wege und ließen Gottes Wegweisungen an sich abprallen. Kein Bedarf! Wir kommen ganz gut ohne ihn klar!
Liebe Gemeinde davon, dass die Menschen seiner Zuwendung von Gott abtrünnig geworden sind, ist die Rede; | davon, dass sich Menschen gegen Gott auflehnen; | davon, dass Menschen Gott offen widersprechen. Sehr pauschal und drastisch fällt Gottes Urteil aus. Gott malt ein düsteres Bild vom Zustand jener Zeit!

So sieht es um Hesekiel aus. Und nun will Gott einen neuen Versuch starten, den Leuten ins Gewissen zu reden und sie zu neuer Hinwendung zu ihm zu bewegen. Auch wenn es, nüchtern betrachtet, aussichtslos sein mag und das ganze Vorhaben eher von Pessimismus begleitet schein mag, blinzelt da beinahe verstohlen auch etwas davon durch, dass Gottes Wort noch immer Kraft hat, zum Guten zu wirken. So bereitet Gott seinen Propheten vor: „Du sollst sagen: ‚So spricht Gott der HERR!‘ Sie gehorchen oder lassen es – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist.
Liebe Gemeinde, was mich an dieser Szene zutiefst bewegt, ist das verzweifelte Bemühen Gottes um seine eigensinnigen, dickköpfigen und hartherzigen Menschen. Weil er in seiner unbändigen Menschenfreundlichkeit die Menschen nicht einfach in ihrer Verderben rennen lassen kann, nimmt er einen neuen Anlauf, sie zu bewegen, in ihm ihr Heil zu finden und in einem Leben mit ihm Sinn und Ziel zu finden.
Liebe Gemeinde, längst sind wir nicht mehr nur Beobachter einer geschichtlichen Situation. Wenn Gottes Wort uns erreicht, will er uns nicht über dieses und jenes informieren, sondern mitten hineinnehmen und ansprechen. Und sein Werben um uns besteht auch darin, unser Leben immer wieder an seinem Anspruch – daran, wie er möchte, dass wir leben – zu messen und uns korrigieren zu lassen und zurückzufinden in die Spur.
Und dabei  stellt sich die Frage, wie wird das eigentlich unter uns möglich, einander in Gottes Namen auf Fehlentwicklungen anzusprechen. Mit dem Propheten Hesekiel und seinem menschlich schier unzumutbaren Auftrag möchten wir kaum tauschen. Einer gegen die Rest der Welt, so hat es beinahe den Anschein. Wie soll der das durchstehen? Und tatsächlich wird ihm sein Auftrag mächtig zusetzen. Aber er wird auch Gottes Nähe und Vergewisserung, Begleitung und Stärkung erfahren.
Wie schwer tun wir uns, einander hinzuweisen auf Fehlentwicklungen und auch mit solchen werbend ins Gespräch zu kommen, die Gott längst aus den Augen verloren oder noch nie einen Draht zu ihm gefunden zu haben. Es ist menschlich, das gerne als unbequem und überfordernd auszublenden. Etwas anderes ist es, dem ganzen Ernst der menschlichen Lebenssituationen standzuhalten und darum zu wissen, dass uns Gott auch in solchen Herausforderungen nicht und niemals auf uns selbst zurückwirft: Im lebendigen Austausch mit ihm können wir unsere Sorgen auf ihn werfen und dürfen ihm alles Gute abtrotzen, wie immer das aussehen mag.
Für Hesekiel hat sich Gott eine besondere Art ausgedacht, seine im Verbund mit Gott zu übernehmende Aufgabe zu verinnerlichen. Er bekommt eine Schriftrolle zu essen, zusammengeklebt aus beidseitig beschrieben Papyrusblättern – „außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh.“ Nicht nur an dieser biblischen Stelle ist vom Verzehr verschriftlichter Gottesworte die Rede: Damit kommt eine besonders intensive Art in den Blick, Gottes Wort „zu sich zu nehmen“ und vollständig zu verinnerlichen, eins zu werden damit, um dann aus der Kraft dieses Lebensmittel das Leben mit seinem Tun und Lassen zu gestalten. Der Sonntag Sexagesimae im Kirchenjahr, der in besonderer Weise Wert und Wirkung des Wortes Gottes in den Blick nimmt, schickt hier unsere Gedanken auf Wanderschaft, Gottes Wörter und Worte unser Lebensmittel sein zu lassen, auch ohne dass dabei Papier zu unserer Nahrung wird. Vielleicht haben wir unsere bewährten Formen, Gott zu Wort kommen zu lassen in unserem tagtäglichen Leben, vielleicht tun uns neue Zugänge gut. Anregungen und Erfahrungen zum Wahrnehmen oder auch Austauschen gibt es reichlich!

Am Ende hat die heutige Hesekiel-Geschichte dann eine Überraschung für uns parat: Die beidseitig mit „Klage, Ach und Weh“ beschriebene Papyrusrolle schmeckt gegen alle menschlichen Erwartungen nicht bitter und im Grunde komplett ungenießbar, sondern, so der Prophet selbst: „Sie war in meinem Munde so süß wie Honig.“
Honig galt zu seiner Zeit alles etwas ganz besonders Kostbares. Und Gottes Wort ist kostbar, will Orientierung schenkende, Stärke vermittelnde, Sinn  stiftende und zum Ziel führende Wirkung entfalten, selbst wenn es uns dazu zunächst einmal in die Quere kommen mag. Und wir ahnen etwas von der Süße, die letztlich darin liegt, dass es Gottes Güte ist, die uns zur Umkehr, zu neuer Ausrichtung auf Gott hin anleitet. Gottes Wort will sich nicht in „Klage, Ach und Weh“ erschöpfen, sondern im Eigenstehen irriger Schritte und Wege in der Erkenntnis der Bedürftigkeit zur vollen Entfaltung kommen. Was für Hesekiel noch weit in der Zukunft lag, ist für uns längst Wirklichkeit geworden: Das Wort ward Fleisch und wir sahen seine Herrlichkeit: In Jesus Christus hat Gott uns sein Wort gegeben: Gnade ergeht vor Recht, das Leben besiegt den Tod. Und das Bittere hat im Süßen seinen Meister gefunden. Und aufatmend dürfen wir singen: „O süßer Herre Jesu Christ, / der du unser Erlöser bist,/ nimmt heut an unsere Danksagung / aus Genaden.
Amen.