Palmarum_05.04.2020 von G. Heyn

Die Predigt      :
Der Gottesdienst :

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Predigt über Markus 14,3-9
Als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

Liebe Gemeinde,
es ist dies eine besondere Geschichte: die Geschichte von der Salbung in Betanien. Es ist offenbar die letzte Station Jesu auf seinem Weg hinauf nach Jerusalem. Das Dorf Betanien liegt schon in Sichtweite zu Jerusalem – wenn da nicht der Ölberg den Blick versperren würde. Es ist heute nach Jerusalem eingemeindet. Eine staubige, heruntergekommene Straßenkreuzung in Ostjerusalem, die von nicht besonders einladenden Häusern gesäumt ist, bezeichnen die Taxifahrer als Betanien, wenn man sie danach fragt. Auf dem Weg nach Jericho muss man hier in ein anderes Taxi umsteigen. Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass an diesem Ort, so etwas Bedeutsames wie die Salbung Jesu stattgefunden hat.

Wenn wir uns jetzt auf die eigentliche Geschichte konzentrieren, dann will ich nicht die schon oft behandelte und erwartbare Frage ansprechen, warum und wieso es doch richtig war, dass die Frau das kostbare Salböl für Jesus verschwendete. Das kann man alles nachlesen bzw. den Worten Jesu selbst entnehmen.
Hinter dieser vordergründigen Frage verbergen sich noch andere Gesichtspunkte, die ich gern ansprechen möchte. Es sind – nein: nicht drei!, sondern vier.

1) Die Jünger echauffieren sich darüber, dass die Frau das Salböl verschwendet. „Was das gekostet hat! Und was man dafür hätte kriegen können!“
Was ihnen offenbar überhaupt nicht auffällt oder einfällt, ist, dass es hier ein alttestamentliches Vorbild gibt, auf dass diese Verschwendung hinweist. Denn Verschwendung war das, was die Frau machte! Da besteht kein Zweifel. Es hätte ein Tropfen des Öls genügt, um Jesus zu salben!
Das alttestamentliche Vorbild, das den Jüngern nicht einfällt, ist die Salbung Aarons durch seinen Bruder Mose. Davon wird im 2. Buch Mose berichtet. Mose salbt den Aaron im Auftrag Gottes zum Priester.
Genau in dieser Linie steht auch Jesus Christus. Er ist nach Aussage des Hebräerbriefes auch ein Priester. Er tritt stellvertretend für sein Volk vor Gott, um es zu entsündigen.
Allerdings ist er nicht einer der vielen Nachfolger des Aaron, sondern sein Priestertum überbietet das aaronitische, das alttestamentliche Priestertum. Das priesterliche Handeln Jesu muss nicht ständig wiederholt werden wie das des Aaron. Der musste immer erneut Gott Opfer darbringen wegen der Sünden des Volks. Jesus hat ein für allemal ein einziges, ewiggültiges Opfer dargebracht durch seinen Tod am Kreuz.
Noch eine kleine Seitenbemerkung: Der König David besingt in Psalm 133 auch eine Salbölverschwendung, nämlich bei der Salbung Aarons. Dem hatte Mose offenbar soviel Salböl auf den Kopf gegossen, dass es ihm in seinen Bart und bis auf sein Gewand geflossen ist!

Zurück zur Geschichte:
2) Der Tonfall der Jünger.
Der Satz, der den Tonfall beschreibt, in dem sie die Frau ansprechen, kam schon einmal vor: in Markus 10 bei der Kindersegnung: „Die Jünger aber fuhren sie an.“
Es ist offenbar ein allzu menschlicher Zug, seine Empörung, seinen Ärger, seine vielleicht sogar berechtigte Entrüstung in verletzende Worte zu kleiden.
Ich würde an dieser Szene gern lernen und einüben, dass es unter uns nicht so sein muss.

3) Denn – und das ist der dritte Gedanke: Jesus lässt die Frau gewähren. Vielleicht ist er ja derselben Meinung wie seine Jünger, aber er lässt sie gewähren. Er widerspricht seinen Jüngern. Das scheinbar Richtige und Vordergründige hat für ihn gerade keine Bedeutung. Er kann in die Herzen seiner Jünger sehen und auch in das Herz dieser Frau. Und er weiß, wie die jeweiligen Beweggründe sind.
Jesus kann auch in dein und mein Herz sehen und weiß, wie es darin aussieht, welche Gedanken, Wünsche und Sehnsüchte darin verborgen sind. Er nimmt das ernst und reagiert darauf. Er kann auch Dinge in deinem Herzen sehen, die vor den Menschen verborgen sind.

4) Und noch ein vierter Gedanke: Die Salbung in Betanien ist noch einmal, sozusagen ganz knapp vor dem Beginn der Passion Christi eine Leidensankündigung. Es geht aus den Worten bei Markus nicht hervor, ob die Jünger das überhaupt wahrgenommen haben. Jesus hatte davon geredet, dass seine Salbung durch diese Frau die vorweggenommene Salbung zu seinem Begräbnis ist.
Er sagt seinen Jüngern damit: „Jetzt wird es richtig ernst! Ich werde in diese Stadt Jerusalem hineingehen, um dort zu sterben. Und wenn ich dann gestorben sein werde, werde ich begraben werden! Ist euch das eigentlich klar?“

Liebe Gemeinde, es bleibt offen, was die Jünger von dem allen wirklich verstanden haben.
Schauen wir auf uns, schauen wir auf die Menschen um uns herum, dann kann man sich dieselbe Frage stellen: „Was haben wir eigentlich davon verstanden?“
Ich denke, wir sind da ganz ähnlich wie die Jünger. Ich selbst frage mich immer wieder: Kann ich eigentlich ermessen, was der Tod Jesu am Kreuz für mich ganz persönlich bedeutet? Oder ergehe ich mich in Äußerlichkeiten, lenke mich mit „technischen“ Fragen von der Passion Christi, vom Eigentlichen ab?

Darüber nachzudenken, bietet uns auch in diesem so seltsam begonnenen Jahr 2020 mit der Corona-Krise die Karwoche Gelegenheit. In den kommenden Tagen wollen wir das meditieren und in unseren Herzen bewegen, was es bedeutet, dass Jesus Christus, unser Hoherpriester, für uns gestorben ist.
Amen.