Judika_29.03.2020 von H.-J. Voigt / G. Heyn

Die Predigt      :
Der Gottesdienst :

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Predigt über Hebräer 13,12-14
112 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.  13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen.  14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Einleitung
Hospitäler vor der mittelalterlichen Stadt

1. Auch heute isolieren wir unsere Kranken
– was das bedeutet für unsere „Selbstwirksamkeit“
2. Jesus Christus geht hinaus vor die Tore der Stadt (Vers 12)
- die „Selbst-un-wirksamkeit“ Jesu wirkt alles
3. Wir suchen die zukünftige Stadt (V14)
Schluss: Statt „Selbstwirksamkeit“ gilt die „Christuswirksamkeit“

Einleitung: Liebe Gemeinde daheim bei euren Sonntags-gottesdiensten oder Hausandachten.
Der Wanderer hatte sich verspätet. Ein Schuhriemen war ihm gerissen auf den unbefestigten Wegen. Mühselig musste er diesen erst flicken. Die Sonne hatte den Himmel schon rot gefärbt, als er die Stadtmauern in der Ferne vor sich sah. Ihm war klar, dass er es nicht schaffen würde, die Stadttore vor Sonnenuntergang zu erreichen. Nun müsste er wohl draußen vor den Toren der Stadt übernachten. Tatsächlich, als er das Stadttor im letzten Abenddämmerlicht erreichte, waren diese schon geschlossen. „Kommt herein, hier findet ihr Herberge!“ ließ sich eine Frauenstimme von einem seitlich gelegenen Gebäude vernehmen. Ein schlichtes Haus war im Dämmerschein mit vielen kleinen Fenstern zu sehen. Eine kleine Kapelle, zu erkennen an den Spitzbogenfenstern, war direkt an das Haus gebaut. Die Taube über dem Eingang verriet die Bestimmung des Hauses: ein „Heil-Geist-Hospital“. Drinnen wohnten einige Alte Menschen, einige pflegebedürftige Kranke und es waren Plätze frei für Reisende, die die Stadttore nach Sonnenuntergang verschlossen vorfanden.
Liebe Gemeinde, so stellte sich die Situation in den meisten mittleren und großen europäischen Städten des späten Mittelalters dar. Zumeist vor den Toren der Stadt wurden „Hospitäler“ errichtet. Sie hießen häufig „Heil-Geist-Spital“ oder auch „Prestenhaus“, „Blatternhaus“, „Leprosenhaus“. Man hatte schon Grunderfahrungen mit Ansteckung gemacht und versuchte schon damals, Kranke so gut es ging zu isolieren.
Ja, schon zu biblischen Zeiten mussten die Leprakranken in Höhlen vor der Stadt leben und in Zeiten der Wüstenwanderung des Volkes Israel schliefen die „Unreinen“ vor dem Lager. Dahinter stand die Erfahrung, dass Wüstensand desinfizierende Wirkung hat.

1. Auch heute isolieren wir unser Kranken und wir versuchen uns selbst zu isolieren. Eine Woche überwiegend zu Hause in unseren vier Wänden liegt hinter uns. Für viele sind es extrem schwere Tage. Die Kinder wollen Fußball spielen, sollen aber irgendwas lernen, während die Eltern „Home-Office“ machen.
Viele fühlen sich ausgesprochen angespannt. Das Problem, das dahinter zu liegen scheint, bezeichnet man in der Psychologie als „Selbstwirksamkeit“. Selbstwirksamkeit ist die Erwartung, durch das eigene Tun etwas erreichen zu können – aber genau diese Erfahrung kann man allein zu Hause nicht mehr machen. Und die Baumärkte als „Tempel der Selbstwirksamkeit“ haben auch geschlossen.
Als Pfarrer kann man schon mal ganz lieb gemeint zu hören bekommen: „Na, Sie können sich ja jetzt ein bisschen ausruhen!“  und das Gegenteil ist der Fall. Wir versuchen wie die Wilden irgendwie Kontakt zu halten, schreiben E-Mails, telefonieren und von der Ruhe bis jetzt keine Spur! Die Erkrankung neben der Coronavirus-Krise heißt „Selbstwirksamkeits-Verlust“, in der Isolation, vor den Toren der Stadt.
2. Jesus Christus geht hinaus vor die Tore der Stadt. In unserem Predigtwort aus dem Hebräerbrief haben wir gelesen: „Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.“
Alles Unreine vor die Tore der Stadt! – so die Devise im Volk Israel. Auch die Opfertiere wurden von den Toren der Stadt verbrannt, nachdem sie ausgeblutet waren.
Der Verfasser des Hebräerbriefes veranschaulicht seiner Leserschaft, die diese Praxis genau kannte, dass Jesus Christus als Opfer vor den Toren der Stadt Jerusalem am Kreuz gestorben ist. Die christliche Überlieferung besagt, dass die heutige Grabeskirche in Jerusalem sowohl den Hinrichtungsplatz Golgatha als auch das Felsengrab umfasst. Und beide Orte lagen damals vor 2000 Jahren vor den Mauern der damaligen Altstadt. Die Archäologie scheint diese Überlieferung zu bestätigen.
Jesus starb vor den Toren der Stadt. Er wurde ausgesondert und isoliert, weil er unsere Krankheit und unsere Sünde auf sich nahm. Als er dort am Kreuz mit ausgereckten Armen und Beinen hing, befand er sich in allergrößter „Selbst-un-wirksamkeit“. Nichts mehr konnte er tun und erreichen. In völliger Ohnmacht hing er dort.
Und bewirkt gerade damit die größte „Selbstwirksamkeit“, indem er allen Menschen auf der Erde hilft und sie rein und heil machen will.

3. Ja, Jesus baut dort vor den Toren der Stadt Jerusalem in der größten Hilflosigkeit eine neue Stadt, eine ewige Stadt in der Reinheit und Gerechtigkeit sein werden – eben eine himmlische Stadt. Auch darin wird Jesu Erfahrung größter Unwirksamkeit am Kreuz zu größter Wirksamkeit.
Im Hebräerrief heißt es: „So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
In diesen Tagen waschen wir uns oft die Hände und versuchen uns hygienisch zu reinigen und zu desinfizieren. Wie steht es aber bei all diesem berechtigten Bemühen um äußere Reinheit um unsere innere Reinheit? Jesus Christus baut die neue Stadt, die wir suchen, indem er die Menschen, indem er uns innerlich reinigt. Er desinfiziert und reinigt unsere Seelen durch sein heiliges Wort, durch seinen Vergebungszuspruch. Jesus Christus reinigt unser schmutziges Inneres, durch seine reinigende Liebe – er tut es gerade jetzt.

Schluss: Wenn wir in diesen Tagen an der Erfahrung fehlender „Selbstwirksamkeit“ leiden, mag uns trösten, dass Jesus Christus selbst im Moment größter fehlender Selbstwirksamkeit den Himmel erreichtet hat.
Statt „Selbstwirksamkeit“ gilt seitdem für uns „Christuswirksamkeit“ allein! 
Amen.