Jubilate 03.05.2020 von G. Heyn

Die Predigt      :
Der Gottesdienst :

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Predigt über Joh 15,1-8
Christus spricht: Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

Liebe Gemeinde,
seit einiger Zeit kann man in Deutschland wieder Schlangen wartender Menschen vor Geschäften sehen. Dabei dachten wir alle, dieses Phänomen würde schon lange der Vergangenheit angehören. Seit ein paar Tagen gibt es gewisse Lockerungen der Ausgangsbeschränkungen. Seitdem gibt es einen Run wie man Neudeutsch sagt, einen Ansturm auf verschiedene Geschäfte. Vor Saturn am Hauptbahnhof habe ich heute die längste Schlange gesehen. Sie war mit den erforderlichen Sicherheitsabständen ca. 100 Meter lang. Bau- und Gartenmärkte freuen sich auch wieder über Kundschaft. Der Drang nach draußen, in den Garten, zum Pflanzen, Bauen, Gestalten, Neumachen ist groß nach der langen Zeit des Eingesperrtseins in die eigenen vier Wände.
Weinberge gibt es in unseren Breiten zwar nicht, aber man kann im Garten auch andere Pflanzen anbauen, hegen und pflegen.
Heute spricht der Herr Christus zu uns – nicht als Baumarktvertreter, aber in gewisser Weise als Gartenfachmann. Was musst Du wissen und beachten, wenn du jetzt in deinem Garten eine neue Pflanzung anlegst!? Das ist wichtig zu wissen im Garten oder auf dem Weinberg. Und genauso gilt das auch im geistlichen Bereich.
Wir sind sicher äußerlich im Moment in einer ungewohnten und unschönen Situation – mit Einschränkungen und Begrenzungen, die wir so nicht oder nicht mehr kannten. Viele von uns sehnen die Gottesdienste wie wir sie kannten wieder herbei. Natürlich. Keine Frage. Etlichen fällt es schwer, noch weiter auf das heilige Abendmahl verzichten zu müssen. Das ist es auch. Ebenfalls keine Frage!

Und trotzdem will Gott mit dir und mir einen neuen Anfang machen, einen neuen Anfang geistlicher Art. Wir sind sehr fixiert auf das, was war und was wir jetzt nicht mehr haben und wünschen es uns zurück. Das eindrückliche Evangelium vom Weinstock und den Reben lässt diese Erinnerung noch besonders stark werden. Wahrscheinlich ist das so, weil wir beim Weinstock unwillkürlich an das Abendmahl denken. Die Assoziation ist ja auch nicht so aus der Luft gegriffen.

Beim Nachdenken über unseren heutigen Predigttext ist mir aufgegangen, dass Christus hier den Schwerpunkt auf die Verbindung zwischen ihm und uns legt. Das tut er im Bild vom Weinstock und den Reben. Ich möchte in diesem Bild gern etwas Hilfreiches für unsere jetzige Situation sehen und meine, es gefunden zu haben:
Christus ist der Weinstock. Er sagt das von sich selbst und betont, dass er der wahre Weinstock ist. Es gibt also offensichtlich auch falsche Weinstöcke. Christus ist der Weinstock, und wir die Reben, das bedeutet der Herr Christus ist die Wurzel, der Stamm, die Pflanze, und wir sind kleine Ableger, zarte Blättchen, so wie die Maitriebe an den Nadelbäumen, die man jetzt sehen kann.
Der Vater Jesu Christi ist auf diesem Bild der Weingärtner, das bedeutet, er hegt und pflegt seinen Weinstock, damit er die besten Trauben bringt, damit daraus guter Wein werden kann. Der Weingärtner wird alles dafür tun, dass sein Weinstock den Winter überlebt und wächst und gedeiht.

Dass es auf die innige Verbindung zwischen Weinstock und Reben ankommt, ist Christus so wichtig, dass er das nun noch dreimal wiederholt – entweder mit der Aufforderung: „Bleibt in mir…“ und mit der Feststellung „Wer in mir bleibt, der…“ und mit der Bedingung „Wenn ihr in mir bleibt, dann…“.

Auf diese dreimalige Wiederholung will ich jetzt ganz kurz eingehen:
1) Die Aufforderung sagt klar, dass wir ohne unseren Herrn nicht sein können. Wir können ohne ihn nicht glauben, keine Christen sein, eigentlich gar nicht existieren. Christus zementiert das noch einmal: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“
Mit diesem Bild denke ich jetzt nochmal zu unserer Corona-Situation hin. Wir sind ganz und gar auf unseren Herrn angewiesen. Auch was unser geistliches Leben angeht. Vielleicht soll uns das durch die Krise neu vor Augen geführt werden!

2) Die Feststellung hat, wie ich finde, etwas wunderbar Entlastendes: „Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“ Es steht nicht da, „der muss viel Frucht bringen“: „Nun streng dich mal ein bisschen mehr an!“, nein: „der bringt viel Frucht!“ Das ist doch wunderbar, oder?
Es gibt dann noch die Negativaussage: Wer nicht in Christus bleibt, der wird vom Weinstock abgeschnitten, vertrocknet und wird ins Feuer geworfen. Wie es dazu kommt, dass jemand nicht in Christus bleibt, wird hier nicht gesagt. Das ist irgendwie irritierend und bedrängend! Wie kann das sein?
Ich bin kein Winzer. Aber offensichtlich gibt es das, dass manche Reben keine Frucht bringen. Die werden abgeschnitten, damit sie dem Weinstock nicht die Kraft entziehen. Der, der sie abschneidet, ist Gott selbst, wenn wir das Bild weiterdenken wollen. Das ist irgendwie verstörend! Wie sollen wir mit einer solchen Vorstellung umgehen?
Es kommt also auch auf uns an, dass wir in Christus bleiben – wie er es hier formuliert. Man muss etwas tun für sein Christsein! – Ich weiß, das kann man falsch verstehen, aber bitte versteht es hier richtig!

3) Als drittes noch die Bedingung. Die finde ich einerseits sehr schön, andererseits wirft sie auch Fragen auf: „Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.“
Das sollten wir sehr aufmerksam hören und ernstnehmen! Unsere Gebete verhallen nicht ungehört. Aber rechnen wir wirklich mit Gottes Eingreifen?
Nach diesem Satz sollten wir es unbedingt tun!

Liebe Gemeinde, Christsein hat einen Selbstzweck. Es dient der Verherrlichung des Vaters. Das sagt Jesus am Ende dieses Abschnitts. Diesem Selbstzweck ist auch untergeordnet, was wir an Wünschen und Bedürfnissen haben. Das mag uns nicht so gut schmecken, besonders wenn wir an die Einschränkungen denken, die wir in der jetzigen Krise erdulden müssen. Aber die sollen und werden uns nicht zum Schaden sein. Denn wir sind ja in Christus fest verankert und verwurzelt, wir sind an ihm festgewachsen wie die Reben am Weinstock. Wir sind da zur Ehre unseres himmlischen Vaters. Das ist ziemlich abstrakt und zugleich enthebt es uns der Verführung, uns selbst zu wichtig zu nehmen.
Amen.