Gründonnerstag_09.04.2020 von G. Heyn / H.-J. Voigt

Die Predigt      :
Der Gottesdienst :

- Video vom Gottesdienst -

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Predigt über Evangelisten St. Lukas im 22. Kapitel (14+19-20)
14 Und als die Stunde kam, setzte er sich nieder und die Apostel mit ihm.  …
19 Und er nahm das Brot, dankte und brach’s und gab’s ihnen und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis. 20 Desgleichen auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird!

Einleitung: Gründonnerstag ohne Abendmahl
1. Mein Leben gleicht einem Kelch
2. das Abendmahl ist sichtbares Wort und die Predigt hörbares Sakrament
Schluss: der Kelch des Leidens - Bonhoeffers Todestag

Einleitung:
Liebe Gemeinde zu Hause an den unterschiedlichen Bildschirmen! Wir feiern am Gründonnerstag die Einsetzung des Heiligen Abendmahles. Ich kann mich in meinem Christenleben seit meiner Konfirmation nicht erinnern, einen Gründonnerstag ohne Abendmahl erlebt zu haben – außer vielleicht während meiner Militärdienstzeit einmal?
Nun ist uns auferlegt, auf das Heilige Abendmahl zu verzichten, um die Ausbreitung des gefährlichen Virus zu verlangsamen. Wir sprechen von einem „Abendmahls-Fasten“, weil dieser Verzicht auch ein freiwilliges Moment hat, denn wir folgen der Einsicht in die gegenwärtigen Erfordernisse. Unser Gemeindepfarrer, Gottfried Heyn, unser Organist, Thomas Müller, - vielen Dank für euren Dienst in dieser Zeit! – wir könnten hier in der Kirche das Abendmahl wohl feiern. Aber wir fasten, wir verzichten mit euch zu Hause gemeinsam.
Wenn wir aber schon nicht das Abendmahl feiern, dann will ich wenigstens eine Abendmahlspredigt halten, eine Kelchpredigt, ich habe einen unserer Abendmahlskelche mit auf die Kanzel gebracht. 

1. Von Jesus Christus heißt es im Bericht des Gründonnerstagsgeschehens: „Desgleichen [nahm er] auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird!“ Jesus nimmt den Kelch spricht aber damit vom Inhalt des Kelches, dem Wein. Der Inhalt ist das Entscheidende am Kelch, wie bei unserem Abendmahlskelch, der Inhalt ist das Entscheidende! Wie in meinem Leben: Der Inhalt ist das Entscheidende!
Ich möchte unseren Abendmahlskelch vergleichen mit deinem und meinem Leben. Da ist die äußere Gestalt dieses Kelches: beginnen wir mit dem Fuß, des Kelches. Möglichst breit sollte der Kelch-Fuß sein, damit er nur ja nicht umgestoßen werden kann. Es gibt alte gotische Kelche, deren Fuß hat einen deutlich breiteren Durchmesser als der übrige Kelch.
Auf einem Segeltörn habe ich die sogenannte „Seglertasse“ kennengelernt: Sie ist unten deutlich breiter als oben und mit unten mit Gummi beschichtet, damit sie bei Seegang nur ja nicht umfällt.
Der Abendmahlskelch mit breitem Fuß – eine Seemannstasse für die Stürme des Lebens! Er fragt mich, wie fest ich im Leben stehe. Jesus Christus will uns aus diesem Kelch sein Leben und seinen Halt, seine Zuversicht und Liebe geben.
Kommen wir zunächst zur „Cuppa“, der oberen Schale des Kelches, in der der Wein, das kostbare Blut Christi sich befindet.
Auch dies ist Sinnbild für mein Leben. Einerseits bin ich wunderbar und kostbar geschaffen. Anderseits machen uns diese Tage deutlich, wie verwundbar wir zugleich sind. Unser Kelch hier ist aus gehämmertem Silber gefertigt. Welche Hämmer haben auf dein und mein Leben eingeschlagen? Dabei ist mein Leben nicht mehr so schön glatt wie unser Abendmahlskelch. Am Knie habe ich eine Narbe, von der ich noch genau weiß, wie ich sie mir als Kind zugezogen habe. Da eine Beule, dort fehlt ein Stück vom Finger, hier eine Falte!
Entscheidend aber ist doch der Inhalt der Cuppa des Kelches und ich frage mich, was ich in dieser Woche so in den Kelch meines Lebens gegossen habe, am Bildschirm gesehen, gelesen, gehört, gegessen und getrunken… Dieser Kelch fragt mich, welchen Inhalt mein Leben hat, gerade wenn unsere Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist.
Wenn wir dann hoffentlich bald das Heilige Abendmahl wieder feiern dürfen, dann wird dieser Kelch wieder seiner eigentlichen Bestimmung dienen, nämlich in mein Leben Christus zu gießen, so wie er selbst gesagt hat: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird!“ Ich freue mich sehr darauf.

Der Knauf in der Mitte wird „Nodus“ genannt. Er dient dazu, beim Ausschenken an die Menschen, die den Kelch empfangen, festen Halt zu geben. Ein Kelch dient dazu, sich den Menschen zuzuwenden, ausgeschenkt zu werden. Auch darin ist er Sinnbild meines Lebens. Der Knauf steht für das „für euch vergossen“ aus den Worten Jesu.

2. Liebe Gemeinde an den Bildschirmen, nun können wir aber das Abendmahl nicht feiern und haben „nur“ das gepredigte Wort. „Nur“ das Wort? So zu denken ist nicht biblisch, denn zwischen Wort und Sakrament besteht kein Gegensatz! Sie sind verschiedene Wirkweisen ein und derselben Sache, nämlich des Evangeliums.
Das Abendmahl ist „verbum visibile“ - „sichtbares Wort“, ja schmeckbar, fühlbares Wort von der Liebe Gottes. Das gepredigte Wort ist nicht weniger, es ist „Sakramentum audibile“ - „hörbares Sakrament“. Als ordinierter Diener dieses göttlichen Wortes habe ich den Auftrag, sozusagen den Kelch deines Lebens vom Unrat der vergangenen Tage zu reinigen und dir die Vergebung Christi zuzusprechen: Dir sind deine Sünden vergeben! Das ist das „Sakramentum audibile“ - „hörbares Sakrament“. So wird dein Lebenskelch gefüllt mit der Liebe Gottes.

Schluss: Der Kelch taucht noch in anderem Zusammenhang in der Passionsgeschichte auf. Als Jesus in den Garten Gethsemane geht, betet er inständig: „Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“ An einem 9. April 1945 wurde Dietrich Bonhoeffer im KZ Flossenbürg hingerichtet – heute genau vor 75 Jahren!
Unsere Situation an diesem Gründonnerstag mitten in der Coronavirus-Krise ist nicht vergleichbar dem bitteren Weg, den Bonhoeffer vor 75 Jahren gehen musste.
Die von ihm gedichtete Verszeile aber leitet uns auch heute hinüber in den Karfreitag und tröstet uns dennoch:
„Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern
Des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand
So nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
Aus deiner guten und geliebten Hand.“

Amen.


Hermann Sasse in Statu Confessionis, Gesammelt Aufsätze von Hermann Sasse, Hrsg. Friedrich Wilhelm Hopf, Berlin/Hamburg 1966, S. 82.