3. Sonntag nach Trinitatis 28.06.2020 von H.-J. Voigt

Die Predigt      :
Der Gottesdienst :

- Video zu diesem Sonntag-

Für größere Schrift und Smartphone hier clicken

Predigt über Micha 7,18-20
Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.

Gliederung der Predigt

Einleitung: Der Mariannengraben
1. Gott ist nicht ewig zornig (V 18)
2. Schuld unter die Füße treten / Schuld ins Meer werfen (V 19)
3. Den Vätern geschworen (V 20)
Schluss: Ein besonderes Gebet

 

Einleitung: Liebe Gemeinde, im Jahr 1875 erforschte das Vollschiff Ihrer Majestät der Königin, HMS Challenger, das Meeresgebiet vor den philippinischen Inseln, den Mariannengraben. Mit einem schlichten Faden-Lot maß man 8.164 Meter, den bis dahin tiefsten Punkt am Meeresboden. Im Jahr 1957 entdeckte das sowjetische Forschungsschiff Witjas das nach ihm benannte Witjastief mit 11.034 Metern.
Liebe Gemeinde, 11 Kilometer ist das Meer tief! Das ist tiefer, als der höchste Berg hoch ist.
Der Prophet Micha schreibt, dass Gott „unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen“ will.
Was für ein schönes Bild! Gott wirft unsere Sünden weg und zwar an die unzugänglichste Stelle der Welt, die man sich vorstellen kann, dorthin, wo kein Mensch sie mehr hervorholen kann.

Doch der Reihe nach! In der Predigt wollen wir die drei Verse unseres Predigtwortes nacheinander betrachten und wir beginnen mit dem 18. Vers.

1. „Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade!“ Mit den hebräischen Worten „מִי־אֵ֣ל “ beginnt dieses Lied am Schluss des Michabuches: „Wo Gott – wo ist ein solcher Gott“, das ist ein Anklang an den Namen „Michael“. (Haben wir heute einen Michael unter uns?) Es ist dies einer der ältesten noch heute gebräuchlichen Namen, der schon in 5000 Jahre alten Keilschrifttexten erwähnt wird. In seinem kurzen Prophetenbuch kündigt Micha fast nur Unheil und Strafe Gottes an, unabwendbares Unheil über Samaria, Jerusalem und die Städte Judas. Es ist, als ob hier in diesen Schlussversen in einem stockdunklen Raum plötzlich ein Fenster aufgeht: Es gibt wieder Hoffnung! Gottes Zorn währt nicht ewig.
Micha verwendet hier zwei verschiedene Worte für Sünde und Schuld. Das eine Wort, das Luther hier mit „Schuld“ übersetzt, ist das stärkste Wort für Sünde im Alten Testament überhaupt und bedeutet: Aufstand, Aufsässigkeit, Abtrünnigkeit.
Kennst du dies nicht auch aus deinem Leben, diese innere Auflehnung? – Manchmal ist da eine so tiefe Unlust zum Guten, eine Unlust, einem Menschen Gutes zu tun, zum Gottesdienst, ja, manchmal ein Aufstand gegen Gott! Unser Innerstes denkt und fühlt: „Gott, ich verstehe dich nicht, ich will jetzt nicht, lass mich in Ruhe!“ Gerade jetzt in diesen für manche so anstrengenden Corona-Zeiten merke ich etwas von dieser inneren Auflehnung. Das ist der Aufstand gegen Gott – Sünde!
Gott ist darüber zornig. Doch dann verkündigt der Prophet Micha: Gott „hält an seinem Zorn nicht ewig fest.“ Wie macht Gott das? Wie besiegt Gott seinen eigenen Zorn?

2. Zunächst veranschaulicht der Prophet Micha in zwei Bildern, wie Gott mit unserer Sünde umgeht, das ist der 19. Vers in unserem Predigtwort: „Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.“ Als Soldat musste ich mal an einer Übung teilnehmen. Es war ein heißer Hochsommertag und wir lagen am Waldrand. Einer war unachtsam beim Rachen und plötzlich brannte das trockene Gras wie Zunder. Alle sprangen auf und ich werde nicht vergessen, wie schnell solch ein Feuer um sich greift. Einer der Kameraden wusste was zu tun ist und rief: „Die Zeltbahn, nehmt die Zeltbahnen!“ Auf dem Marschgepäck hatte man damals etwa einen Quadratmeter große Zeltbahnen, mit denen man sich notdürftig vor Regen schützen konnte. Mit den Zeltbahnen schlugen wir das Feuer schnell aus.
Menschliche Schuld ist wie ein Feuer im Wald, sie brennt heiß, sie kann verletzen, großen Schaden anrichten. Erinnerst du dich, als jemand dir ein verletzendes Wort gesagt hat, wie das gebrannt hat?
Gott tritt das Feuer der Schuld aus, er löscht die Schuld, schlägt sie nieder wie das Feuer mit der Zeltbahn. Er wirft die Schuld unwiederbringlich fort, wie etwas, das in tiefste Tiefe des Meeres sinkt.
Aber das ist immer noch nicht die Antwort auf die Frage, wie Gott das macht? Vergisst er einfach seinen Zorn?

3. Die Antwort darauf ist im letzten Vers des Michabuches versteckt: „Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.
Was hat Gott denn den Vätern geschworen? Wir erfahren das aus dem ersten Mosebuch, wie Gott dem Abraham verspricht: „Ich habe bei mir selbst geschworen, spricht der HERR: Weil du solches getan hast und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont, … sollen durch dein Geschlecht alle Völker auf Erden gesegnet werden.“ Und dann steht da in unserem Predigtwort ein winzig kleiner Verweis auf das Lukasevangelium, dort heißt es im Zusammenhang der Geburt des Johannes und Jesu, dass Gott „gedenkt an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham, uns zu geben, dass wir erlöst [werden] aus der Hand unserer Feinde.“ Gott hält sein Versprechen. Er vergisst nicht einfach die unermessliche Schuld der Menschheit.
In seinem Sohn Jesus Christus lässt Gott sich selbst niederschlagen und treten. In seinem Sohn Jesus Christus versinkt Gott selbst im Tod wie in die tiefste Tiefe des Meeres, wie in den Mariannengraben.

Schluss: Deshalb zum Schluss noch einmal zurück zu jener tiefsten Meeresstelle: Das Wort „taufen“ kommt von dem Wort „Tiefe“ her. In unserer Taufe sind wir selbst in die tiefste Meerestiefe versunken und wieder herausgekommen. Wir sind wie Jesus Christus schon gestorben und auferstanden.

In einem sehr alten Taufgebet aus unserer Taufordnung heißt es:
Lass durch das Wasser der Taufe alles untergehen, was das Kind von dir trennt. Lass das Kind aus diesem Wasser auferstehen als neuen Menschen und bewahre es in der Arche der Christenheit zum ewigen Leben. Durch Jesus Christus, unsern Herrn.
Heute spricht Gott dir diese Vergebung deiner Schuld neu zu: Alle Sünden sind dir vergeben – das Feuer ist ausgetreten, alle Schuld versenkt im Mariannengraben.
Amen.


Wolf, Hans Walter, Biblischer Kommentar, Micha, Neukirchen, 1982, S. XIV.