2. Sonntag nach Trinitatis 21.06.2020 von G. Heyn

Die Predigt      :
Der Gottesdienst :

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Predigt über Mt 11,25-30
Jesus sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.

Liebe Gemeinde,
von Zeit zu Zeit tauchen hier bei uns in der Lutherstraße handgeschriebene DIN A2-große Blätter auf, die auf dem Fußweg an die Hauswand gelehnt sind oder auf Verteilerkästen der Telekom in Augenhöhe stehen. Darauf stehen Texte, die ein bisschen so klingen, als ob sie aus der Bergpredigt stammen. Manches davon erinnert mich auch an eine der berühmten Schriften, die in Qumran gefunden wurden, wenn da vom „Lehrer der Menschheit oder der Gerechtigkeit“ die Rede ist.
Wer diese Schilder aufstellt und ob derjenige das nach einem bestimmten Plan macht, weiß ich nicht.
Diese Schilder lösen in mir eine eigenartige Mischung aus Zustimmung und Peinlich-Berührtsein aus. Die Aufforderungen, nach dem Wort Gottes zu leben, sich für Gerechtigkeit und Frieden einzusetzen, kann man durchaus beherzigen. Peinlich berührt fühle ich mich dabei, weil ich befürchte, dass das Bild von Kirche und christlichem Glauben in der Öffentlichkeit – und damit auch ich, wenn ich als Pfarrer erkennbar durch die Straßen gehe – der Lächerlichkeit preisgegeben werden könnte.
Ich weiß nicht, ob die anderen Leute diese Schilder auch lesen und ob sie eine gedankliche Verbindung zur Kirche herstellen. Aber es könnte sein. Und es könnte sein, dass sie darüber lachen. Und das bereitet mir Unbehagen!

An dieses Erleben musste ich denken, als ich den Abschnitt aus dem Matthäusevangelium las, der heute unserer Predigt zugrundeliegt.
Es wird berichtet, dass Jesus mit seinen Jüngern in Galiläa unterwegs war. Dieses ganze Unternehmen war sowieso schon seltsam und hatte das Potenzial, jederzeit neue Überraschungen für die Jünger hervorzubringen. Aber jetzt fing Jesus auch noch an, in aller Öffentlichkeit laut zu beten. Das lobpreisende Gebet könnte bei den Jüngern durchaus so eine Mischung aus Zustimmung und Peinlich-Berührtsein ausgelöst haben. Es wird hier nicht berichtet. Aber es ist vorstellbar.

Es bleibt allerdings nicht bei dieser Szene des möglichen Fremdschämens der Jünger, sondern es geht weiter. Jesus geht von seinem Lobpreis des himmlischen Vaters über zu einer Selbstaussage und dann zu einer ganz konkreten Handlungsaufforderung für die Jünger und alle Menschen.

Auf die drei Teile dessen, was Jesus da gesagt hat, möchte ich gern kurz eingehen.
1) Der Lobpreis des himmlischen Vaters.
2) Die Selbstaussage über den Sohn Gottes.
3) Die Handlungsaufforderung an uns.

1) Der Lobpreis des himmlischen Vaters.
Jesus macht das, was wir in jedem Gottesdienst tun, und was Gott eigentlich von allen Menschen zu allen Zeiten haben will: den himmlischen Vater loben und preisen. Für unsere lieben Mitmenschen hat das auch das Zeug zum Peinlich-Berührtsein. Wer ohne christliche Prägung als Unbeteiligter von außen in oder auf einen Gottesdienst schaut, der könnte zumindest mit Unverständnis reagieren. „Was machen die da eigentlich Komisches? Sind doch sonst halbwegs vernünftige Menschen?“
Aber vielleicht muss das so sein, dass wir mit unserem Lob Gottes auffallen und die Leute sich fragen, was mit uns los ist. Denn wir reden ja von einem und zu einem, der nicht von dieser Welt ist! Das kann für Unkundige befremdlich sein.

Von denen redet Jesus übrigens in seinem Lobpreis: „dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart.“
Da gibt es also einen Unterschied, der sogar von Gott selbst angelegt wurde. Die Unmündigen, also die, die nichts zu sagen haben oder noch nichts sagen können, die erkennen, wer Gott ist und beten ihn in der richtigen Weise an. Das ist schon ungewöhnlich!

2) Die Selbstaussage über den Sohn Gottes.
Wenn es mit den Worten Jesu schon ungewöhnlich losging, dann geht es nicht weniger eigenartig weiter: Jesus redet von seinem Verhältnis zu Gott, zu seinem Vater im Himmel. Er ist quasi der Alleinerbe Gottes. Was ein Alleinerbe ist, ein Juniorchef, der von seinem Vater den Betrieb übernommen hat und nun die Fäden in der Hand hält, das können wir uns vorstellen. Dass dieser Alleinerbe nun aber für sich in Anspruch nimmt, der einzige Zugang zu Gott zu sein, der Einzige zu sein, der den Vater kennt, dass ist doch schon anmaßend!
Das war damals ein Angriff auf die Frömmigkeit des jüdischen Volkes und ist heute genauso eine Anmaßung, wo doch viele sich ihre eigenen Wege und Vorstellungen darüber machen, wie sie zu Gott kommen könnten, oder welche Vorstellungen sie von Gott haben.

Damit kommen wir zu unserem dritten Predigtpunkt:
3) Die Handlungsaufforderung an uns. Mit uns hat diese ganze Rede Jesu nämlich zu tun. Es ist nicht einfach das aufgestellte Schild eines vermeintlich religiösen Spinners, über das man lachen oder für das man sich fremdschämen kann. Jesus wendet sich einem jeden von uns einzeln und direkt zu: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“
Wer könnte von sich sagen, dass er sich nicht mit irgendetwas Mühseligem herumschlagen muss oder mit unsichtbaren Lasten beladen ist, die ihn niederdrücken?
Es mag sein, dass es Menschen gibt, die mit einem sonnigen Gemüt ausgestattet sind und scheinbar keine Probleme im Leben haben. Aber die Erfahrung lehrt, dass jeder sein Päckchen zu tragen hat.
Kein geringerer als der Alleinerbe Gottes lädt dich ein, mit deinen Lasten und Mühen zu ihm zu kommen, um dich von ihm erquicken zu lassen. Was es bedeutet, nach einer anstrengenden Wanderung eine Handvoll kalten Wassers aus einem Bergbach zu trinken oder sich nach einer schweren Schufterei ein kühles Bier zu genehmigen, der versteht, was hier mit „erquicken“ gemeint ist.
Offenbar geht die Erquickung Jesu noch darüber hinaus: Wir sollen seine Last aufnehmen! Das sieht nach einem Gepäckwechsel aus. Er nimmt unsere Last auf sich, wir dagegen seine. Und er sagt, dass seine Last leicht ist und dass sie uns seelische Ruhe schenken wird!
Das glaubst du nicht? Dann probiere es aus. Es kann dabei nichts Schlimmes passieren.

Liebe Gemeinde, vielleicht ist es so, dass wir dafür ausgelacht werden, dass wir zu Christus gehören und das andere deswegen peinlich berührt sind, wenn wir unseren Gott anbeten. Aber wir wissen, dass dieser Gott, zu dem wir gehören, uns keine unerträglichen Lasten aufbürdet. Im Gegenteil: er nimmt uns das ab, was für uns unerträglich und untragbar ist. Du brauchst nur zu ihm zu kommen.
Amen.