10. Sonntag nach Trinitatis 16.08.2020 von H.-J. Voigt

Die Predigt      :
Der Gottesdienst :

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Predigt über Römer 11, 25-32
25 Ich will euch, liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist; 26 und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. 27 Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.«
28  Im Blick auf das Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. 29 Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. 30 Denn wie ihr zuvor Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, 31 so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. 32 Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.

V 32 in der Übersetzung nach Ulrich Wilckens: „Gott hat nämlich alle in das Gefängnis des Ungehorsams eingesperrt, um sich aller zu erbarmen.“

Gliederung

Einleitung: Edmond Dantès

1. Das Volk Israel hat den Schlüssel und nutzt ihn nicht – erwählt aber „verstockt“
2. Ihr als Heidenchristen seid befreit aber bildet euch bloß nichts drauf ein
3. Das Geheimnis der Erlösung Israels am Ende
Schluss: ganz oder gar nicht

Einleitung:
Liebe Gemeinde, auf der Gefängnisinsel Château d’If war er völlig schuldlos eingesperrt,14 furchtbar lange Jahre! Erinnerst du dich an die Geschichte des „Grafen von Monte Christo“ im Roman von Alexandre Dumas? Kurz bevor der junge Seemann Edmond Dantès, der spätere Graf von Monte Christo und Titelheld, sich aus Verzweiflung das Leben nehmen will, langt der alte Abbé Faria in seiner Zelle an, weil er seinen Fluchttunnel falsch berechnet hatte. Faria unterrichtet ihn und nennt ihm das Geheimnis eines unermesslichen Schatzes auf der Insel „Monte Christo“. 
Als der Abbé stirbt, näht Edmond Dantès sich selbst in den Leichensack ein und wird über die Gefängnismauern ins Meer geworfen, wodurch er in die Freiheit und schließlich zu unermesslichem Reichtum gelangt.

Gefangenschaft ist etwas Furchtbares und wieviel Menschen für die Freiheit riskieren, kann man in diesen Tagen in Weißrussland sehen. Der bekannte Ausleger Ulrich Wilckens übersetzt den letzten Vers unseres Predigtabschnitts wie folgt: „Gott hat nämlich alle in das Gefängnis des Ungehorsams eingesperrt, um sich aller zu erbarmen.
Das ist unser menschliches Schicksaal, eingesperrt im selbstgebauten Gefängnis unseres menschlichen Eigensinns und Ungehorsams gegen Gott – alles andere als schuldlos!

1. Das Volk Israel hat den Schlüssel und nutzt ihn nicht – erwählt aber „verstockt“. Der Apostel Paulus schreibt der Christengemeinde in Rom, die er selbst noch gar nicht kannte. Er kann aber davon ausgehen, dass zu dieser Hauptstadtgemeinde Lateiner, Griechen, vielleicht ein paar Afrikaner aber eben auch Judenchristen gehören.
Deshalb denkt er drei lange Kapitel seines Briefes über das Verhältnis seines Volkes Israel zu den Christen aus anderen Völkern nach. Und jedes Jahr an diesem 10. Sonntag nach Trinitatis schließen wir uns diesem Nachdenken an.
Was macht ein Volk aus? Was macht unser deutsches Volk aus? Uns verbindet unsere Sprache und mit unserer Sprache die Kultur unserer Sprache. Uns verbindet unser christlicher Glaube, der rasant abnimmt in unserem Land. Uns verbindet aber auch unsere Geschichte und all dies ist kaum voneinander zu trennen. Wenn ich unseren kirchlichen Freunden auf einer internationalen kirchlichen Tagung begegne, überrascht es mich immer wieder, wie sehr deutsch ich selbst bin. Da wird zu einem Ausflug in die Stadt eingeladen. Alle erscheinen in Freizeitkleidung nur ich hatte irgendwas überhört und trete im Jackett und Pfarrerhemd. „He is a German!“ sagt einer meiner amerikanischen Freunde mit einem Lachen. (Als es dann um das Foto mit dem Bürgermeister ging, haben sie mich dann nach vorn geschoben.) Wir stehen bei anderer Gelegenheit mit einer großen Gruppe von Kirchenleitern vor der sogenannten „Judensau“ an der Stadtkirche in Wittenberg, einem mittelalterlich-antisemitischen Spottbild, vor dem man sinnvoll eine Holocaust-Gedenkplatte in den Boden eingelassen hat. Und plötzlich sind alle Augen fragend auf mich gerichtet. Ich beginne diesen Teil unserer deutschen Geschichte zu erzählen, von einer rassistischen Judenverfolgung, wie es sie schrecklich noch nie gegeben hatte. „He is a German!“- unentrinnbar.
Paulus als Jude leidet in seinem Römerbrief an seinem Volk und an der Frage, warum sie nicht alle an den Retter und Messias Jesus Christus glauben. Da ist Paulus unentrinnbar ein Jude. Er schreibt: „im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen.“ Mit den Vätern meint er die Stammväter des Volkes Israel, Abraham, Isaak und Jakob. Er meint damit die ganze Heilsgeschichte des Gesetzes, der Geschichtsbücher und Propheten. „Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.
Im Bild unserer Predigt gesprochen: Das Volk Israel hat den Schlüssel aus dem Gefängnis in der Hand, in den Schriften der hebräischen Bibel, die immer und immer wieder den Retter und Messias verkündigen. Aber Paulus muss konstatieren: „Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist“.
 
2. Was Paulus der Christengemeinde in Rom dann deutlich macht ist Folgendes: Ihr als Heidenchristen seid befreit aber bildet euch bloß nichts drauf ein! Paulus schreibt: „Denn wie ihr zuvor Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen.
Liebe Gemeinde, ein bisschen müsst ihr euch das vorstellen wie in der Geschichte des Grafen von Monte Christo: Der junge Edmond Dantès gelangt in die Freiheit, weil der alte Abbé Faria zurückbleibt.
            Wir, als ein nichtjüdisches Volk, wir als Deutsche, haben Anteil an der ganzen Heilsgeschichte Gottes mit seinem Volk. Durch Jesus Christus ist unser Gefängnis aufgeschlossen. Durch den Tod des Messias ist unsere Schuld vergeben, sind wir auf ewig frei.
Aber bildet euch nichts drauf ein, sagt Paulus: „Ich will euch, liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist“.

3. Das Geheimnis der Erlösung Israels am Ende: Wenn die Zahl der zum ewigen Leben Berufenen aus den Heidenvölkern vollzählig ist, wird schließlich auch das Volk Israel gerettet werden. „so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen.“ Gott wird sich aller erbarmen, auch des Volkes Israel.
Dabei ist für Paulus völlig klar, dass dieses geheimnisvolle Geschehen nicht an Jesus Christus vorbeiführen kann. Er hatte ja den Römern gerade erst geschrieben: Alle sind Sünder und haben bei Gott keinen Ruhm „und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.
Edmond Dantès findet auf der Insel Monte Christo, was man mit „Berg Christi“ übersetzen kann, einen unermesslichen Schatz und damit seine Freiheit. Unser „Monte Christo“ ist der Hügel Golgatha, wo Jesus Christus unsere Freiheit erkämpft hat.

Schluss:
Liebe Gemeinde, Hannah Arendt, die jüdische Denkerin aus Hannover, sagt: eine Diktatur herrscht entweder ganz oder gar nicht. Das können wir zurzeit in Weißrussland sehen: Entweder Lukaschenko herrscht ganz und unterdrückt alle brutal oder er ist ruckzuck verschwunden. Die chinesische Diktatur herrscht entweder im ganzen Land, auch in Honkong, oder sie ist ruckzuck verschwunden.
Die Diktatur der Unfreiheit von Sünde, Tod und Teufel herrscht entweder auf der ganzen Erde oder gar nicht. Um sein Volk Israel von dieser Diktatur zu retten, hat Gott gleich die ganze Welt durch Jesus Christus mit befreit. Anders gings nicht, denn die göttliche Freiheit in Christus ist grenzenlos. Also wird die Erlösung auch das Volk Israel noch erreichen. Wie Gott das macht, wissen wir nicht. Bis dahin aber sind wir dem Volk Israel das Glaubenszeugnis von Jesus Christus schuldig: mit Hochachtung und Respekt, mit tiefer Demut vor dem Hintergrund unserer deutschen Geschichte und mit Klarheit.
Amen.