Palmarum_14.04.2019 von G. Heyn

Die Predigt     :
Der Gottesdienst:

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Predigt über Jes 50, 4-9
Maria stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein und sieht zwei Engel in weißen Gewändern Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Aber Gott der Herr hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! Siehe, Gott der Herr hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie ein Kleid zerfallen, Motten werden sie fressen.

Liebe Gemeinde,
geht es euch so ähnlich wie mir angesichts dieser Sätze aus dem Buch des Propheten Jesaja? Ich frage mich, was soll mir dieser seltsame Prophetenspruch sagen? Was sollen die eigenartigen Aussagen am Palmsonntag? Was hat das überhaupt mit dem Palmsonntagsgeschehen zu tun, an das wir uns heute erinnern: den triumphalen Einzug Jesu in Jerusalem?
Eigentlich nichts, müsste man sagen!
Und ob uns diese alten Worte des Propheten Jesaja heute noch etwas sagen, darf auch bezweifelt werden.
Also legen wir diesen Text einfach beiseite und denken lieber an die Palmwedel und den Einzug Jesu in Jerusalem? Diese Geschichte kann man sich doch vorstellen! Da entstehen Bilder im Kopf! Da kann man sich hineindenken! Und die Palmwedel können wir anfassen. Jeder darf sich nachher einen mit nach Hause nehmen!

Ich will euch trotzdem dazu einladen, ein wenig bei den Worten des Propheten Jesaja zu verweilen.
Seit alter Zeit haben Prediger darüber nachgedacht, wie man diese seltsamen Worte des Propheten verstehen könnte. Für mehrere Abschnitte des Jesajabuches in den Kapiteln 42 bis 53 hat sich die Bezeichnung der sog. Knechts-Gottes-Lieder eingebürgert. Darin ist von einem Menschen die Rede, der als Knecht, als Sklave Gottes bezeichnet wird. Und dieser Knecht wird beschrieben: was ihn auszeichnet, was er tut, warum er ein Knecht Gottes ist.
Schillernd bleibt in diesen Beschreibungen, wer denn nun wirklich dieser Knecht ist: Ist es der Prophet Jesaja? Ist es eine andere Gestalt? Ist es das Volk Israel? Ist es gar der Messias?
Und genauso schillernd bleibt auch die zeitliche Schiene: Ist dieser Knecht Gottes ein Zeitgenosse des Jesaja, also, hat er rund 700 Jahre vor Christi Geburt gelebt? Ist es eine Gestalt, die erst in der Zukunft auftritt?
Es ist so, wie wir das aus anderen Prophetensprüchen auch schon kennen. Es bleibt an vielen Stellen geheimnisvoll.

Schon die Christen, die das Alte Testament als ihre Bibel hatten, als es noch gar kein Neues Testament gab, haben diese Texte immer so gelesen, dass sie gesucht haben, was sie darin über unseren Herrn und Heiland finden können. Sie haben das Alte Testament von Christus her und auf Christus hin gelesen. Sicher, es ist der Teil der Bibel, in dem der Messias erst angekündigt wird, in dem er noch nicht „da ist“. Das kommt dann erst im Neuen Testament. Da erfüllen sich die prophetischen Weissagungen des Alten Testaments. Aber genau in diesem Bewusstsein haben die ersten Christen das Alte Testament gelesen: Darin redet der eine Gott, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott des alten Bundes, der Gott, der den kommenden Retter hat ankündigen lassen. Dieser Gott ist auch unser Gott. Er ist der Vater Jesu Christi. Deshalb dürfen wir die prophetischen Worte des Jesaja auch auf Jesus hin deuten.
Und das haben christliche Ausleger mit den sog. Knechts-Gottes-Liedern getan. Der Knecht Gottes, von dem da die Rede ist, ist der angekündigte Messias, der Sohn Gottes, unser Herr Jesus Christus.

Und wenn wir daraufhin jetzt unseren kleinen Abschnitt lesen und hören, dann bekommen die Worte einen bestimmten Klang und dann wird dieser seltsame Prophetenspruch doch ein bisschen verständlich.
Ich will einfach noch drei kurze Passagen dieses Textes ansprechen, die uns auf Jesus Christus hinweisen:
1) Die Anrede Jesu
2) Das Leiden Jesu
3) Die Hoffnung Jesu

1) Die Anrede Jesu. In den ersten beiden Versen des Predigttextes könnte man denken, dass der Prophet von sich selbst spricht. Und vielleicht tut er das auch. Er formuliert jedenfalls in der Ich-Form. Gott hat ihn in seinen Dienst genommen. Gott hat ihn mit Fähigkeiten ausgestattet, wie sie Jünger haben. Er ist Gott in besonderer Weise verbunden, weil Gott ihn jeden Morgen weckt, weil er Gottes Stimme hört, weil Gott ihm Gehorsam und Einsicht geschenkt. Vielleicht dürfen wir diese Sätze sogar so lesen, als wenn sie von uns sprechen! Wir stehen ja auch in einer besonderen Verbindung zu Gott. Wir sind seine Kinder und durch die Taufe zu seinen Jüngern geworden! – Wie gesagt: Die Worte sind schillernd!

Und mittendrin steht dann da dieser Satz: „dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden.“ Das ist ein Hinweis auf Christus! Er redet mit uns zur rechten Zeit. Er spricht uns freundlich zu, wenn wir traurig sind. Er weiß, wann wir müde und abgespannt sind und nicht mehr können. Er weiß auch, wann wir seine Hilfe am nötigsten haben.

2) Das Leiden Jesu. Im nächsten Vers ist es sehr deutlich, dass hier von Jesus die Rede sein könnte: „Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.“ Die Parallelen zur Leidensgeschichte kommen uns in Erinnerung.
Und gleichwohl: Es könnte auch sein, dass der Prophet von sich selbst spricht. Vielleicht hat er so etwas erlebt. Vielleicht ist er dafür verspottet und verfolgt worden, dass er ein Prophet Gottes war!?
Und genauso könnte auch die Rede von uns sein oder von anderen Christen in der Gegenwart, die um ihres Glaubens willen verfolgt werden! –

Wusste Jesus bei seinem Ritt auf dem Esel nach Jerusalem hinein schon, was ihn erwartet? Was er erleben würde? Hatte er vielleicht sogar diese Worte des Propheten Jesaja im Kopf?

3) Und noch der dritte Gedanke: Die Hoffnung Jesu. In den letzten drei Versen redet Jesaja von einer Hoffnung, die geradezu überwältigend ist: „Gott der Herr hilft mir!“
Die darauf folgenden Fragen sind rhetorisch, bzw. sie tragen ihre Antworten bereits in sich: Was wollt ihr eigentlich von mir? Ich habe den stärksten auf meiner Seite! Wer will mich verdammen? Niemand kann mich verdammen! Ich bin in Gottes Hand geborgen. Ich werde ewig bei ihm sein und leben. Die anderen werden wie ein von Motten zerfressenes Kleid zerfallen.
Das bedeutet für Jesus: Auch wenn sein Weg jetzt nach Jerusalem hinein, ins Leiden, in die Hände der Menschen, in die Hände seiner Feinde und ans Kreuz führt, er ist trotzdem in Gottes Hand. Die Macht Gottes ist größer und stärker als alle gottfeindlichen Mächte.
Und das Wunderbare ist: Dasselbe gilt auch für uns.

Liebe Gemeinde, wenn wir uns fragen, was dieser seltsame Prophetenspruch soll, dann können wir diesen Gedanken heute mitnehmen: Wir leben in der Nachfolge unseres Herrn. Und das heißt, dass wir ihm heute nach Jerusalem hinein folgen. Das heißt auch – und das müssen wir in aller Deutlichkeit sagen –, dass wir ihm durch das Leiden nachfolgen. Deshalb gehen wir heute im übertragenen Sinn mit ihm den Weg hinein nach Jerusalem. Das heißt aber auch, dass wir als seine Jünger in einer besonderen Beziehung zu ihm stehen. Wir hören sein Wort. Wir weichen vor den Herausforderungen und Anfechtungen des Lebens im Glauben an den dreieinigen Gott nicht zurück. Wir hoffen darauf, dass dieser Gott uns hilft, in allem, wo wir Hilfe nötig haben. Und wir wissen, dass diese Hoffnung nicht zuschanden werden lässt.
Sicher: Es ist ein Wissen, dass man nicht mathematisch beweisen kann. Aber es ist ein Wissen, dass Gott uns schenkt und dass im Glauben erprobt und bewährt ist. Amen.