Miserikordias_Domini_05.05.2019 von G. Heyn

Die Predigt     :
Der Gottesdienst:

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Predigt über Joh 10,11-16.27-30
Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie –, denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe. Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt; und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Was mir mein Vater gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann es aus des Vaters Hand reißen. Ich und der Vater sind eins.

Liebe Gemeinde,
heute, am so genannten Hirtensonntag, ist natürlich die Rede von unserem Hirten Jesus Christus und von uns, seiner Gemeinde oder um im Bild zu bleiben: seinen Schafen.
Dieses biblische Bild von einer Schafherde und ihrem Hirten, das sowohl im Alten wie im Neuen Testament vorkommt, konnte ich mit eigenen Augen sehen und neue Eindrücke darüber sammeln, als ich am Maifeiertag einen Ausflug zum Wilseder Berg, der angeblich höchsten Erhebung Norddeutschlands, nördlich von Hannover, auf halbem Wege nach Hamburg, gemacht habe. Rund um den Wilseder Berg kann man durch bilderbuchhafte Heidelandschaft wandern und dabei erahnen, wie karg die Landschaft vor der Urbarmachung durch die Landwirte und Bauern gewesen ist, und wie schwer das Leben in dieser wenig fruchtbaren Gegend gewesen sein muss. Während unserer Wanderung am 1. Mai begegneten wir einer Schafherde mit Hirten und kamen ihr ganz nah. Meine Schwester meinte dazu, der Hirte sei bestimmt mit Absicht an diesem Tag in die Heide geschickt worden, damit die Wanderer und Touristen auch etwas zu sehen bekommen. Wie auch immer …
Im weiteren Tagesverlauf kamen wir dann auch auf den Wolf zu sprechen und die zunehmende Anzahl von durch Wölfe gerissenen Schafen. Die Zahl der Wölfe in Deutschland hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Was mir als Kind nur als Geschichte aus früheren Zeiten bekannt war, ist plötzlich wieder Realität: ein wildes Tier, das in unseren Breiten seinen natürlichen Lebensraum hat, ist wieder da, obwohl es schon als ausgerottet galt.
Die Geschichte vom Hirten, der seine Schafe vor dem Wolf schützen muss, ist plötzlich wieder ganz aktuell und anschaulich geworden!
Dass unser Herr Christus der gute Hirte ist, der uns, seine Schafe, vor dem Wolf schützt – wenn es sein muss unter Einsatz seines Lebens, das wissen wir und das ist beruhigend. Manche unserer Kirchen hier in Norddeutschlandsind in Anlehnung an Schafställe so ähnlich gebaut, und die Menschen, die dort zum Gottesdienst gingen und gehen, die wissen das. Die können sich in einer solchen Kirche, in einem solchen Schafstall geborgen fühlen, sicher und behütet.
Wenn wir jetzt wieder an die Geschichte denken, die der Herr Christus erzählt: Darin kommt auch der Wolf vor. Der Wolf in diesem Beispielbild ist der Feind des Hirten und der Herde, der Feind Gottes und der Menschen, die zu Gott gehören. Er wird hier nicht weiter benannt, aber wir dürfen wohl an den Teufel denken, der der große Feind und Gegenspieler Gottes ist und es darauf abgesehen hat, so viele Schafe wie möglich zu reißen.
Der Evangelist Johannes schreibt diese Geschichte auf, und es sind mehrere Gedanken darin, die auffällig sind, weil sie aus dieser Geschichte vom Hirten und der Schafherde herausfallen, weil sie nicht dazu passen, weil sie „irgendwie“ quer dazu stehen.

Drei Dinge, die mir aufgefallen sind, die über diese Beispielgeschichte hinausgehen bzw. die hier in den Worten des Evangelisten Johannes besonders sind, will ich kurz ansprechen:
1) Christus stellt eine gedankliche Verbindung zu seinem himmlischen Vater her.
2) Christus hat noch andere Schafe aus einem anderen Stall.
3) Christus verhindert unseren Tod.

1) Unser erster Gedanke: Christus stellt eine gedankliche Verbindung zu seinem himmlischen Vater her.
An zwei Stellen des Predigttextes kommt Christus direkt darauf zu sprechen, dass er Hirt und Herde mit Vater und Sohn vergleicht und das in ganz wunderbarer Weise beschreibt, wie die Herde sich zum Hirten verhält, wie sie auf die Stimme des Hirten hört. So wie Christus den Vater hört. Vielleicht ist das zunächst einmal nicht so sehr besonders. Aber wenn wir daran denken, dass Vater, Sohn und Heiliger Geist, die göttliche Trinität sind und miteinander reden, dass es innerhalb der Trinität Gespräche gibt, Vater, Sohn und Heiliger Geist reden miteinander, dann wird das Bild vom Hirten und der Herde nochmal ganz neu beleuchtet. Denn das Gespräch innerhalb Gottes strahlt auf Hirt und Herde ab. Wie die Herde auf den Hirten hört, ist das ein Abbild des innertrinitarischen Gesprächs.
Und dann kann man noch weiter sagen: Diese Herde, von der da die rede ist, ist eine ganz besondere Herde, weil ihr Hirte ein ganz besonderer Hirte ist. Es ist Jesus Christus, der Sohn Gottes, der den „direkten Draht“ zum himmlischen Vater hat.
Der Hirte ist ein ganz besonderer und deshalb ist auch die Herde eine ganz besondere, ja man könnte sogar sagen, sie ist eine göttliche, eine himmlische Herde.
Und jetzt merken wir, wie das aus dem Bild „herausfällt“, denn die Schafherde da am Wilseder Berg ist natürlich eine ganz irdische, die da durch die Heide läuft und die jungen Triebe von den Büschen frisst. Aber wir, die wir die Herde unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus sind und noch auf dieser Erde leben, sind aber zugleich schon göttliche und himmlische Herde.
Jesus Christus ist es, der diese Verbindung herstellt. Darauf werden wir heute hingewiesen. Daran erinnert er uns heute. Wir sind etwas Besonderes! Wir sind nicht nur ein Verein von Menschen mit gleichen Interessen, sondern wir sind die Herde Gottes!

2) Christus hat noch andere Schafe aus einem anderen Stall. Das kommt ja auch vor in unserem Predigttext und es scheint beinah der rätselhafterste Satz zu sein. Denn es wird dort nicht weiter erklärt, wer oder was gemeint ist. Wir werden dem Herrn Christus nicht unterstellen wollen, dass er in fremden Gebieten wildert. Das ist auch nicht gemeint. Aber Christus selbst sagt es: „Ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall.“ Man könnte jetzt fragen, was sind das für Schafe? Sind die in einem anderen Stall? Oder sind sie ohne Stall? Sind sie schutzlos dem Wolf in der Heide ausgeliefert? Sind es Schafe, die keinen Hirten haben? Oder nur einen gemieteten Hirten, der im Ernstfall wegläuft? Das bleibt seltsam rätselhaft, was der Herr Christus hier meint.
Ich habe nicht die gesamte Auslegungsgeschichte gelesen, aber denkbar ist auf jeden Fall der folgende Gedanke, den die christliche Kirche immer damit verbunden hat, dass hier natürlich daran gedacht ist, Menschen für den Glauben, Menschen für Christus zu gewinnen. Das Stichwort „Mission“ verbirgt sich dahinter.
Bei manch einem von uns geht da sofort eine Warnlampe an: „Ach, jetzt muss ich ja was machen! Und was ist, wenn ich nicht genug missioniere? Und irgendwie stelle ich fest, das klappt ja nicht so richtig!?“
Die Warnlampe darf ruhig bei uns angehen und leuchten! Aber der Herr Christus sagt hier von sich selber: „Ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall, auch sie muss ich herführen.“ Der Herr Christus ist es, der diese anderen Schafe zu sich holt, in seine Herde holt, in seinen Schafstall holt.
Er nimmt uns dafür dann ab und zu in den Dienst. Das hat er angekündigt. Das gehört zu unserem Christsein dazu. Wir dürfen uns von ihm in den Dienst nehmen lassen. Aber wir sind es nicht, die göttliche Herde vergrößern, sondern es ist Gott selbst.

3) Unser dritter Gedanke: Christus verhindert unseren Tod. Das geht zunächst mal von dem ganz naheliegenden Bild aus: Die Schafherde, muss vom Hirten und den Hütehunden bewacht werden, damit der Wolf eben kein Schaf reißen kann, und es zu Tode kommt. Für Schäfer, die mehrere solche Verluste erlitten haben, ist das wirtschaftlich einschneidend, wenn da plötzlich mehrere Mutterschafe gerissen wurden und tot sind.
Was der Herr Christus hier sagt, geht aber über unseren irdischen Tod noch hinaus. Denn er sagt uns, die wir seine göttliche Herde sind, zu, dass wir „unreissbar“ sind. Wir können nicht aus der Hand unseres himmlischen Vaters gerissen werden. Weil er, der Herr Christus selbst, unser Hirte ist und weil er uns davor bewahrt und behütet, dass wir in die Gefahr kommen könnten, vom Wolf gerissen zu werden.

An dieser Stelle merken wir, wie es anfängt zu knirschen. Wir wissen, dass wir alle jeden Tag in der Gefahr stehen und müssen immer auf der Hut sein, ob wir nicht doch dem Wolf über den Weg laufen, bzw. er uns irgendwo auflauert. Das Schöne ist, dass wir nicht in dieser Angst zu verharren brauchen und in dieser Angst leben müssen, sondern der Herr Christus sagt: Ich habe diese Angst für euch ausgeräumt! Weil ihr in meiner Hand seid, kann der Wolf euch gar nicht aus der göttlichen Herde, aus der Hand Gottes herausreißen! Was für eine wunderbare Botschaft zu Ostern! Der Herr Christus, hat den Tod, den Teufel und die Hölle, er hat den Wolf, der uns bedroht, besiegt!

Liebe Gemeinde, wenn wir heute am Hirtensonntag die Geschichte von der Herde und dem Hirten hören und miteinander bedenken und beten und singen, dann lasst uns auch daran denken, dass das nicht nur eine schöne, rührselige Geschichte ist mit einem schönen Bild aus dem 19. Jahrhundert, von Hermann Löns mit dichterischen Versen versehen, sondern es hat ganz konkret mit uns zu tun, die wir heute morgen hier im Gottesdienst sind. Wir sind die Herde Gottes, die behütet wird von dem einen guten Hirten Jesus Christus! Wunderbar!
Amen.