4. Sonntag_nach_Trinitatis_14.07.2019 von G. Heyn

Die Predigt     :
Der Gottesdienst:

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Predigt über Lukas 6,36-42
Jesus sprach: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen. Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? Ein Jünger steht nicht über dem Meister; wer aber alles gelernt hat, der ist wie sein Meister. Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.

Liebe Gemeinde,
könnt ihr euch noch daran erinnern, wie es als Kind war, wenn ihr euch einen Splitter in den Finger gezogen hattet? Und die Mutter dann mit einem Seifebad und anschließend mit Hilfe einer Pinzette den Splitter aus der aufgeweichten Haut entfernt hat? Es ist nur ein sehr kleines Holzstück, aber es bereitet doch große Schmerzen. Wenn man mit dem verletzten Körperteil irgendwo anstößt oder mit der Hand drüberfährt, dann tut es weh. Wenn man versucht, sich von dem Splitter zu befreien, tut es auch weh. Wenn ein anderer daran „herumdoktert“ tut es ebenfalls weh! Am besten ist es wohl, wenn jemand da fachmännisch herangeht – ein Arzt oder eben auch die Mutter.
Jesus nennt dieses Beispiel mit dem Splitter und dem Balken im Auge, weil wir uns das vorstellen können. Einen Splitter im Auge kann man sich nun vielleicht gerade nicht so gut vorstellen, aber wenn man „etwas“ im Auge hat, dann ist man ganz schön beeinträchtigt – obwohl es doch nur ein kleines Dreckkörnchen ist.
Jesus nennt dieses Beispiel, um uns daran einen wichtigen Aspekt des gegenseitigen Vergebens deutlich zu machen.
Und damit lasst uns in den Anfang der heutigen Evangelienlesung „einsteigen“.
Da stehen sehr klar mehrere Aufforderungen hintereinander, wie wir uns verhalten sollen. Es sind allerdings keine begründungslosen Verhaltensmaßregeln, die man nicht verstehen kann und deshalb vielleicht sogar zu Recht ihren Sinn anzweifeln will. Nein, es handelt sich um sehr gut begründete Aufforderungen.
Die Begründung lautet: „Ihr sollt so handeln wie euer Vater handelt!“
Zweierlei Einwände könnte man sofort dagegen vorbringen: Was ist, wenn wir einen Vater haben oder hatten, der uns nicht als Vorbild dienen konnte, weil er selbst nicht so gehandelt hat, wie Jesus es hier fordert? Oder weil der Vater gar nicht da war/da ist und schmerzlich vermisst wird? Und was ist, wenn man den zweiten und dritten Satz liest, wo ja gerade gesagt wird, was wir nicht tun sollen?
Die Aussagen sind nicht ganz so einfach, wie sie vielleicht auf den ersten Blick erscheinen mögen.

Drei Gedanken will ich herausgreifen und kurz zur Sprache bringen:
1) Das Beispiel des Vaters.
2) Das Geschenk des Vaters.
3) Das Urteil des Vaters.

Um eins noch vorauszuschicken, was eben bei dem kritischen Einwand schon angeklungen ist: Es geht hier um Gott, unseren himmlischen Vater. Vergleiche mit unseren irdischen, leiblichen Vätern sind durchaus erlaubt, stehen aber im Moment nicht im Mittelpunkt der Äußerungen Jesu.

1) Das Beispiel des Vaters.
Jesus fordert uns auf, uns am Beispiel unseres himmlischen Vaters zu orientieren: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Und dabei denkt Jesus nicht an irgendein Anschauungsbeispiel, das man sich etwas distanziert aus sicherer Entfernung anschauen kann und dann darüber fachsimpelt, wie es sich denn nun mit der Barmherzigkeit des Vaters verhält. Nein, Barmherzigkeit ist etwas, das man nur am eigenen Leib, im eigenen Erleben wirklich wahrnehmen und erfahren kann. So, wie Gott uns gegenüber barmherzig ist und uns unsere Schuld nicht zurechnet, mit uns nicht so handelt, wie wir es eigentlich verdient hätten, so will er, dass wir auch handeln: großzügig, ein Herz habend für die, die an uns schuldig geworden sind, die Fehler zudeckend, darüber hinwegsehend, uns der Not des anderen annehmend.
Interessant ist, wo wir nicht dem Beispiel des Vaters folgen sollen: beim Richten und Verdammen. Das bleibt Gott vorbehalten. Gott ist der souveräne, unabhängige Herr unseres Lebens und dieser Welt. Er behält sich Einiges vor, das nur ihm zusteht, nämlich alles das, wo Leben zerstört, ausgelöscht und beendet wird, beim Richten und Verdammen.
Aber das, was Leben, auch unser Zusammenleben ermöglicht, davon will Gott, dass wir ihm nacheifern, dass wir ihm darin immer ähnlicher werden. Und dazu gehört das Vergebenkönnen.

2) Das Geschenk des Vaters.
Es wird hier in unserem Abschnitt im Lukasevangelium eigentlich nur angedeutet. Man könnte denken, das Geschenk unseres himmlischen Vaters ist noch gar nicht ganz ausgepackt. Und vielleicht ist es ja auch so: „Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben.“ „Ein überfließendes Maß wovon?“, könnte man fragen!
Aus dem Gesamtzusammenhang geht hervor, dass es sich um ein überfließendes Maß an Barmherzigkeit Gottes handelt. Er kommt uns voller Liebe und Barmherzigkeit und Vergebungsbereitschaft entgegen, so wie der Vater dem verlorenen Sohn entgegengelaufen ist, als er ihn in der Ferne gesehen hat.
Gott knausert nicht mit seiner Barmherzigkeit. Er spart damit nicht. Er hat keine Tabelle, in der die Bemessungsgrundlage steht, nach der unser Bedarf an Barmherzigkeit berechnet würde. Denn unser Bedarf an Barmherzigkeit und Gnade und Vergebung Gottes ist riesengroß. Und deshalb ist das Geschenk Gottes, seine Barmherzigkeit, noch viel größer. Sie ist ein überfließendes Maß. Gott spart nicht mit seiner Liebe zu dir!

3) Und damit hängt noch unser dritter Gedanke zusammen: das Urteil des Vaters.
Denn so geht der Satz mit dem überfließenden Maß weiter: „denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen.“
Der Sinn wird nochmal eigenartig gewendet. Es gibt wieder eine Aufforderung an uns. Das Maß, in dem Gott uns seine Barmherzigkeit erweist, sollen wir als Maßstab unseres Handelns anlegen. Und daran werden dann wiederum wir gemessen werden.
Es kommt mir die Geschichte von dem Knecht in den Sinn, dem sein Herr eine riesige Schuld erlassen hat, und der nichts besseres zu tun hat, als rauszugehen und seinem Kollegen, der eine vergleichsweise geringe Schuld bei ihm hat, ins Gefängnis stecken zu lassen.
Es gehört zum Wesen der Barmherzigkeit Gottes, dass sie von uns weitergegeben wird. Wo das nicht geschieht, werden wir wieder neu schuldig an Gott.

Gott ist der, der richtet und im Ernstfall auch verdammt! Das sollen wir uns als ernsthafte Warnung gesagt sein lassen.
Wer Gottes Barmherzigkeit nicht weitergibt an seine Mitmenschen, sondern unbarmherzig ist, wer nicht vergeben kann, der wird erleben, wie Gott mit ihm Millimeter um Millimeter abrechnet. Und wie diese Abrechnung ausgeht, darüber besteht kein Zweifel.

Liebe Gemeinde, das Beispiel mit dem Splitter im Auge ist vielleicht ein sehr drastisches. Aber wie es ist, wenn wir uns einen Splitter in den Finger gezogen hatten, und die Mutter uns dann geholfen hat, den kleinen Splitter, der so große Schmerzen bereitet, wieder loszuwerden, haben wir hoffentlich noch in Erinnerung.
Gott ist wie eine Mutter. Er ist mit uns barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Güte und Treue.

Amen.