4. Sonntag nach Epiphanias 03.02.2019 von H.-J. Voigt

Die Predigt     :
Der Gottesdienst:

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Predigt über 1. Korinther 1,4-9
4 Ich danke meinem Gott allezeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch gegeben ist in Christus Jesus, 5 dass ihr durch ihn in allen Stücken reich gemacht seid, in aller Lehre und in aller Erkenntnis. 6 Denn die Predigt von Christus ist in euch kräftig geworden, 7 sodass ihr keinen Mangel habt an irgendeiner Gabe und wartet nur auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus. 8 Der wird euch auch fest erhalten bis ans Ende, dass ihr untadelig seid am Tag unseres Herrn Jesus Christus. 9 Denn Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.

Liebe Gemeinde,
mit unserem Predigtabschnitt haben wir den Briefanfang des ersten Paulus-Briefes an die christliche Gemeinde in Korinth vor uns. „Vom Briefeschreiben“ ist Thema der Predigt.
In Köln hat man ganz nahe dem heutigen Hauptbahnhof eine alte römische Siedlung ausgegraben. Die zahlreichen Gegenstände, die man dort gefunden hat, sind heute im „Römisch-Germanischen Museum“ ausgestellt. In einer der Vitrinen liegen bronzene Schreibfedern. Verschiedene metallene Röhrchen, vorn leicht zugespitzt und abgeflacht mit einem schmalen Spalt in der Mitte. So sehen Federn heute noch aus. Am hinteren Ende sind die Feder-Röhrchen aufgebogen und angeschliffen. So konnte man Tintenklexe ausradieren und wegschaben. Und der Apostel Paulus oder sein Schreibgehilfe nutzten solch eine Feder.
Die Tinte stellte man aus dem Ruß von Holzöfen her, den man mit Wasser vermengte. Neueste Forschungen haben ergeben, dass man dieser Tinte auch Blei beigemischt hat. Die alten Brieffunde - sogenannter Papyri - belegen, wie haltbar solche Tinte ist.
Man schrieb die Briefe auf Papyrus oder Pergament, ganz dünn geschabte und gebleichte Tierhaut, rollte die Bögen zusammen. Der Empfänger wurde auf die Rolle von außen geschrieben, und ein Bote übernahm die Zustellung.
Wann hast du deinen letzten Brief geschrieben? Ich selbst schreibe so zu sagen beruflich recht viele Briefe. Doch die Zahl der E-Mails übersteigt längst die der Briefe. Wann hast du deinen letzten Brief handschriftlichen Brief geschrieben?

1. Der positive Anfang (V 4).
Paulus hat sich seinen Briefanfang sehr genau überlegt, denn dieser Predigtabschnitt ist genau durchkomponiert. „4 Ich danke meinem Gott allezeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch gegeben ist in Christus Jesus…“
Manchmal muss ich Briefe schreiben, die eine schwierige Mitteilung enthalten, von der ich weiß, dass sie dem Empfänger nicht gefallen wird. Dabei habe ich gelernt, dass es gut ist, dem Empfänger zunächst meine grundsätzliche Wertschätzung zu versichern. Denn wir Menschen können Kritik eigentlich nur annehmen, wenn wir uns von dem, der kritisiert auch angenommen oder gar geliebt wissen. Gegen Kritik, die einen Menschen grundsätzlich in Frage stellt, setzen wir uns sofort zur Wehr und der Kritikpunkt hat keine Chance, gehört und beachtet zu werden.
Paulus weiß das. Er beginnt seinen Brief ganz positiv, denn was er dann inhaltlich schreiben muss, beinhaltet schwerwiegende Kritik. (Darauf kommen wir noch.) Er schreibt den Briefempfängern, dass er in Sachen „Kirchgemeinde Korinth“ zu Gott betet, in diesem Fall dankt er Gott für die Gnade, die Gott den Korinthern gegeben hat.
Manchmal bekommen wir im Kirchenbüro Post von unserer Kanadischen Schwesterkirche, in der sie vom dortigen Kirchenbüro schreiben: „Wir haben in unserer Morgenandacht für euch und eure Kirche gebetet.“ Diese Karte stellen wir dann an den Platz, an dem wir unsere Morgenandachten halten.
Häufig scheue ich mich, Menschen zu sagen, dass ich für sie beten will. Ich tue das aber doch immer öfter. Statt „Ich denke an dich!“ schreibe ich „Ich bete für dich.“ Und das hilft mir dann wiederum, mich selbst an diese Zusage zu erinnern.

2. Die Inhaltszusammenfassung des Briefes.
Der Apostel benennt hier die entscheidenden Stichworte seines Briefes: „dass ihr durch ihn (Jesus Christus) in allen Stücken reich gemacht seid, in aller Lehre und in aller Erkenntnis. 6 Denn die Predigt von Christus ist in euch kräftig geworden, 7 sodass ihr keinen Mangel habt an irgendeiner Gabe.“ Über die Lehre, über die Erkenntnis und über die Gaben möchte Paulus den Korinthern schreiben.
Jetzt denkt man ja wirklich, dass die Korinther ganz fromme Leute sind, wenn es hier um „Lehre, Erkenntnis und Gaben“ geht.
Ich zähle euch aber mal auf, was bei den Korinthern so los war:
- Die Gemeindeglieder in Korinth spielen die verschiedenen Missionare und ihre Lehre gegeneinander aus (1. Kor 1,12).
-Einige meinten ganz besonders kluge Erkenntnis, sogenannte Gnosis, zu haben. (1. Kor 1 und 2).
- Die Gottesdienste der reichen Korinther sind vor dem Abendmahl zu Sauf- und Fressgelagen geworden (1. Kor 11,17ff.).
- Wieder andere Gemeindeglieder meinten vom Geist Gottes ergriffen zu sein und stellen sich in den Gottesdiensten selbst mit ihren Gaben der Zungenrede und Prophetie in den Mittelpunkt (1. Kor 12–14).
- Einige glauben nicht an die leibliche Auferstehung Jesu von den Toten (1. Kor 15,12ff.).
Auch der Lebenswandel einiger Gemeindeglieder in der großen Hafenstadt passt nicht zum christlichen Glauben:
- Manche Gemeindeglieder besuchen regelmäßig Prostituierte und finden das völlig in Ordnung (1. Kor 6,16ff.).
- Jemand lebt mit der Frau seines Vaters zusammen (1. Kor 5,1).
- Einige Konflikte der Gemeindeglieder untereinander werden vor sogar Gericht ausgetragen (1. Kor 6).
- Und für Paulus, den Gründer und Apostel ihrer Gemeinde, haben etliche Korinther nur Spott übrig (2. Kor 10ff).
- Bei alledem halten sich diese Korinther auch noch für eine Mustergemeinde (1. Kor 3,1ff.; 1. Kor 4,6ff.), die anderen zeigen will, wie „Gemeinde“ wirklich geht.
Wenn ich das hier alles so zusammenzähle, dann scheint mir die große Sehnsucht nach der „Urgemeinde“ nicht wirklich begründet zu sein. Früher war nicht alles besser!
Dennoch sieht der Apostel Paulus eine gemeinsame Basis des Miteinanders: „Denn die Predigt von Christus ist in euch kräftig geworden…
Wie ist das bei uns als Gemeinde und Kirche, in meinem Leben? Was liegt in unserer Gemeinde und bei mir persönlich im Argen? Wenn Paulus die Gemeinde in Korinth nicht aufgibt, dann sollten wir unsere Gemeinde und uns selbst auch nicht aufgeben. Denn wir haben ja auch die „Predigt von Christus“ – auf die kommt nämlich alles an. Dieser Jesus Christus vermag den unsäglichen Lebenswandel der Korinther zu ändern mit seiner Vergebung. Er vermag auch unseren unsäglichen Lebenswandel zu vergeben und zu ändern.

3. Warten auf die Offenbarung Christi (V 7-8)
Walter Kempowski hat eine riesige Sammlung von Brieftexten wie ein Tagebuch nach Kalendertagen geordnet. „Das Echolot“ heißt diese Sammlung. Am 22. Dezember 1941 schrieb Hans Scholl, Student und Mitbegründer der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ in einem Brief an seinen Freund Carl Muth: „Einige Worte des Dankes möchte ich an Sie richten, die sich leichter schreiben als sagen lassen. … Ich hörte den Namen des Herrn und vernahm ihn. In diese Zeit fällt meine erste Begegnung mit Ihnen. Dann ist es von Tag zu Tag heller geworden. Dann ist es wie Schuppen von meinen Augen gefallen. Ich bete. Ich spüre einen sichern Hintergrund und ich sehe ein sicheres Ziel. Mir ist in diesem Jahr Christus neu geboren.“ Christus ist für Hans Scholl zu einem „sicheren Ziel“ geworden. Paulus schreibt den Korinthern in Vers 7 und 8: „wartet nur auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus. 8 Der wird euch auch fest erhalten bis ans Ende, dass ihr untadelig seid am Tag unseres Herrn Jesus Christus.
Wenn ich mich selbst befrage, wie es in meinem Leben um das Warten auf die Offenbarung Christi bestellt ist, dann warte ich meistens mehr auf den nächsten Urlaub als auf Jesus Christus. Dabei ist das Wiederkommen Jesu am Ende aller Zeit die schönste Urlaubserwartung, die man haben kann, denn wir werden frei sein von aller Last, von aller Unvollkommenheit. Mit dem Tag der „Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus“ beginnt der schönste Urlaub, den wir uns denken können, ohne Bergfest, ohne Ende in tiefster Vollkommenheit.

Schluss:
Zum Schluss unserer Briefpredigt müssen wir noch einmal an den Anfang unseres Predigtwortes zurückgehen. Dort beginnt Paulus mit: „Ich danke meinem Gott“ Dieses griechische Wort kennen wir vielleicht: „εὐχαριστέω“. Dieses Wort hat in der hebräischen Sprachwelt des Apostels Paulus keine Entsprechung. Es war ein griechisches Allerweltswort, für eine kleine Dankbarkeit, etwa für so eine schnell hingeworfenes: „Dank auch!“ oder noch kürzer „thanks“. Paulus aber füllt dieses Wort ganz neu und prägt es in seinen Briefen neu. Das wird an diesem Vers 4 erkennbar: denn dieses Wort „εὐχαριστέω“ enthält das Wort „χάρις“ für Gnade. So wird dieser Vers 4 zu einem Wortspiel, das wir im Deutschen etwa so wiedergeben könnten: „Ich danke meinem Gott allezeit euretwegen für die ‚Dankenswürdigkeit‘ Gottes…“ Wenn wir jetzt die Brücke zu Vers 9 schlagen, wird die „Dankenswürdigkeit“, die „Gnade Gottes“ erläutert: „Denn Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.“ Und kein Zweifel, die Treue Gottes zeigt sich in der „Eucharistie“, im Abendmahl, in dem wir die „Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus“ erfahren. Kurz gesagt: Wenn Paulus das Wort „εὐχαριστέω“ verwendet, dann schwingt für ihn die Gemeinschaft mit Christus im Heiligen Abendmahl mit.

Der ewige Urlaub beginnt heute schon hier.
Amen.


Die Zusammenstellung ist der Predigt von Pfr. Klaus Bergmann entnommen (Predigtwerkstatt).

Walter Kempowski, Das Echolot, Barbarossa ’41, S. 567f

Diese Einsicht verdanke ich einer Predigtmeditation von Prof. em. Volker Stolle, die er auf dem Begegnungskonvent in Engelthal am 30. Januar 2019 gehalten hat.