10. Sonntag nach Trinitatis 05.08.2018 von G. Heyn

 

 

Predigt üb. Jes 62,6-12
O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den Herrn erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen, lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden! Der Herr hat geschworen bei seiner Rechten und bei seinem starken Arm: Ich will dein Getreide nicht mehr deinen Feinden zu essen geben noch deinen Wein, mit dem du so viel Arbeit hattest, die Fremden trinken lassen, sondern die es einsammeln, sollen’s auch essen und den Herrn rühmen, und die ihn einbringen, sollen ihn trinken in den Vorhöfen meines Heiligtums. Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker! Siehe, der Herr lässt es hören bis an die Enden der Erde: Saget der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her! Man wird sie nennen »Heiliges Volk«, »Erlöste des Herrn«, und dich wird man nennen »Gesuchte« und »Nicht mehr verlassene Stadt«.

Liebe Gemeinde,
in keiner Armee der Welt ist es ein beliebter „Job“, wenn man „Wache schieben“ muss, also auf Wache gehen, Wache halten, auf Streife gehen oder fahren – wie es bei der Polizei heißt.
Normalerweise muss man als jemand, der Wache zu halten hat, mehrere Eigenschaften gleichzeitig haben bzw. mehrere Tätigkeiten gleichzeitig ausführen: Man muss hellwach sein. Man muss leise sein. Man muss seine Augen offenhalten. Man muss in die Nacht hinaus lauschen. Man muss vorsichtig sein. Man muss selbst beinahe geräuschlos sein, mutig und furchtlos. Höchstens, um sich selbst Mut zu machen, tritt man mal laut und geräuschvoll auf, sonst eigentlich nicht. Und man hat einen Auftrag: für die Sicherheit der anderen, die schlafen, zu sorgen.
Die Wächter, von denen der Prophet Jesaja hier schreibt, sind irgendwie anders. Es ist mir erst nach einigem Lesen und Betrachten aufgefallen, was hier alles anders ist.
Lasst uns das Bild, das der Prophet Jesaja malt, anschauen und dabei besonders achten
1) auf die Wächter
2) auf den Herrn
3) auf das Volk

1) Also schauen wir als erstes auf die Wächter: Sie sind irgendwie anders als die Wächter, die wir eingangs vorgestellt haben: „wenn man Wache halten muss“.
Die Wächter, von denen hier die Rede ist, sind nicht von der Stadt Jerusalem aufgestellt, sondern von dem Propheten, oder beinahe scheint es so, als hätte Gott selbst die Wächter über seine Stadt Jerusalem aufgestellt. Sie stehen oben auf der Stadtmauer – noch heute kann man auf der Stadtmauer in Jerusalem oben entlanggehen. Wer mal in Jerusalem ist, sollte das unbedingt machen. Man gewinnt einen ganz neuen Blick auf die Stadt!
Die Wächter stehen oben auf der Stadtmauer und machen ein lautes Geschrei. Normalerweise schlagen Wächter nur Alarm, wenn eine Gefahr droht, wenn es brennt oder wenn Feinde sich auf die Stadt zu bewegen. Diese Wächter hier schreien Tag und Nacht – aber nicht etwa, weil sie die Stadtbewohner alarmieren sollen, sondern weil sie Gott alarmieren! Er soll endlich aufwachen! Er soll endlich eingreifen! Er soll seine Macht zeigen! Diese Wächter hier haben als einzigen Auftrag, den Herrn zu erinnern, und bei dieser Tätigkeit nicht auszuruhen, sich keine Pause zu gönnen, ihm keine Ruhe zu lassen!
Wir könnten uns bei diesen Wächtern ein bisschen abgucken, wie wir Gott in den Ohren liegen können und sollen, wenn wir ein dringendes Anliegen haben.

2) Unser zweiter Gedanke: Wir schauen auf den Herrn, wie er uns hier beim Propheten Jesaja gezeigt wird, und was hier anders ist.
Die Wächter auf den Mauern von Jerusalem sollen den Herrn daran erinnern, dass er seine Stadt Jerusalem wieder aufrichten, großmachen, aufbauen soll, „zu einem Lobpreis auf Erden“ wie es hier heißt.
Das dringende Anliegen, was die Wächter haben, mit dem sie Gott in den Ohren liegen, ist sein Versprechen, seine Zusage, sein eigener Schwur, dass er sein Volk retten will. Und wie das gemeint ist, das wird in diesen wunderschönen Bildern gemalt: „Ich will dein Getreide nicht mehr deinen Feinden zu essen geben noch deinen Wein, mit dem du so viel Arbeit hattest, die Fremden trinken lassen, sondern die es einsammeln, sollen’s auch essen und den Herrn rühmen, und die ihn einbringen, sollen ihn trinken in den Vorhöfen meines Heiligtums.“
Also, was hier anders und besonders ist, ist, dass die Hilfe von außen kommt. Jerusalem, das Volk Gottes muss sich nicht selbst retten, ja, es kann sich gar nicht selbst retten! Sondern die Hilfe kommt vom Herrn. – Der Himmel und Erde gemacht hat – so sagen auch wir es heute noch zu Beginn unseres Gottesdienstes.
Die Hilfe kommt von außen. Und die Wächter rufen sie sozusagen herbei. Und gleichzeitig – das kann man sich denken – kann in der Stadt kein Mensch mehr schlafen bei diesem Geschrei. Die Wächter werden so zu Wegbereitern des Herrn. Im Neuen Testament werden wir aufgefordert, mit brennenden Lichtern auf unseren Herrn zu warten – so wie die fünf klugen Jungfrauen.
„Saget der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt!“

3) Unser dritter Gedanke: Lasst uns auf das Volk schauen.
Es klingt ja beinahe adventlich, wenn die Wächter aufgerufen werden, der Tochter Zion ihr Heil anzusagen. Und genau das ist auch gemeint: Die Wächter, die Gott über seine Stadt Jerusalem hat aufstellen lassen, die kündigen das Kommen des Herrn an. Das Volk soll nicht mehr schlafen, sondern seinem Retter entgegengehn.
Und auch hier ist etwas anders – anders als gedacht, anders als erwartet. Aus den adventlichen Texten kennen wir es so: „Bereitet dem Herrn den Weg!“ Hier heißt es anders: „Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker!“
Bereitet dem Volk den Weg! Der Prophet hat sich nicht versprochen! Sondern er malt das Bild, das wir auch aus dem Neuen Testament kennen: Die auf den Herrn warten, gehen ihm entgegen und ziehen mit ihm gemeinsam nach Jerusalem und in den Tempel ein.
In den letzten beiden Sätzen bei Jesaja wird das auch so formuliert: „Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her.“
Wir kennen dieses Bild aus dem Neuen Testament vom Einzug Jesu in Jerusalem. Und es ist zugleich Inhalt unseres Glaubens und unserer Hoffnung, dass wir als die Erlösten mit Christus ins himmlische Jerusalem einziehen werden, wenn unser irdisches Leben hier zu Ende ist.

Liebe Gemeinde, dieser kurze Text aus dem Propheten Jesaja hat einen wunderbar hoffnungsvollen Inhalt, nämlich dass es mit Jerusalem noch nicht aus ist – auch wenn es im heiligen Land bisher keinen Frieden gibt, dass es mit dem Volk Israel noch nicht aus ist, auch wenn sie mehrheitlich bisher ihren Retter noch nicht erkannt haben, und dass es mit uns auch nicht aus ist, weil wir an diesen Retter glauben, weil das Geschrei der Wächter auf den Mauern auch uns geweckt hat und immer wieder neu weckt.
Amen.