Sexagesimae 04.02.2018 von H.-J. Voigt

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Predigt über 2. Korinther 12,1-10
1 Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn. 2 Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es auch nicht; Gott weiß es –, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. 3 Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es –, 4 der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. 5 Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit. 6 Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört.
7 Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. 8 Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. 9 Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. 10 Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.


Disposition
Einleitung
1. Paulus soll verzichten
2. Die Bewältigungsstrategien des Paulus
3. Der Pfahl im Fleisch
4. Schwachheit und Gnade
Schluss

Liebe Gemeinde,
Dieser Tage war es, liebe Gemeinde. Mein Zeitplan war eng gesteckt. Mein Zug sollte um 19.07 Uhr auf dem Hauptbahnhof in Hannover sein. Ich freute mich auf einen Abend mit meiner Familie. Am nächsten Tag würde es weitergehen. Dann kommt die Durchsage im Zug: „Wegen eines Notarzteinsatzes im Gleis endet unsere Zugfahrt in Treysa.“ Später dann: „Unsere Verspätung wird circa 120 Minuten betragen.“ Unfreiwillig musste ich auf Freizeit verzichten. Mein erstes Gefühl war Zorn, Wut – nur auf wen? Niemand war Schuld nur ein Mensch der wahrscheinlich psychisch erkrankt, keinen Ausweg mehr sah.
Verzichten gehört zu jedem Leben dazu und wir verzichten an vielen Stellen sehr gern, weil wir viel gewinnen. Ihr habt heute Morgen darauf verzichtet, zur Kegelbahn zu gehen. Du hast aber eine Menge dafür gewonnen – die Gemeinschaft mit Christus und dieser wunderbaren Gemeinde.
Als ich geheiratet habe, habe ich darauf verzichtet, einen Porsche zu fahren. Ist mir nicht schwergefallen, weil ich unendlich viel mehr gewonnen habe, nämlich die Beziehungen zu vielen Menschen meiner Familie.
Wenn der Verzicht von uns erzwungen wird, unfreiwillig wird, dann werden wir zornig, dann wehren wir uns, dann kann es sein, dass wir sogar krank werden.

1. Paulus soll verzichten. Paulus soll auf seinen geistlichen Einfluss in der Gemeinde Korinth verzichten. Im Kapitel vor unserem Predigtwort wird berichtet, dass nach dem Weggang des Apostels Paulus in seine geliebte Gemeinde in der reichen Hafenstadt Korinth, sogenannte Überapostel eingezogen sind, geistliche Lehrer, die alles besser zu machen glaubten als der Gemeindegründer Paulus. Sie scheuten sich auch nicht, Paulus als ihren Vorgänger schlecht zu machen. Paulus schreibt: „Ich meine doch, ich sei nicht weniger als die Überapostel.  Und wenn ich schon ungeschickt bin in der Rede, so bin ich’s doch nicht in der Erkenntnis.“ Grundregel für junge Pfarrer: Mache niemals deinen Vorgänger schlecht, denn du wirst selbst einmal Vorgänger sein.
In Korinth geht es um noch viel mehr. Die Überapostel wollen den Korinthern weismachen, dass das mit Christus nicht genüge. Man brauche ganz besondere Geisteserfahrungen und Geistesgaben. Paulus beginnt um seine Gemeinde zu fürchten. Unfreiwilliger Verzicht droht.
Kennst du das, dass jemand diene Arbeit schlechtmacht, dass du unfreiwillig auf etwas verzichten sollst, dass jemand deinen Glauben schlechtmacht, weil du vielleicht nicht fromm genug bist?

2. Die Bewältigungsstrategien des Paulus. Was macht der Paulus? Man sieht in richtig an seinem Schreibtisch sitzen und innerlich kochen. Jetzt bin ich denen nicht mehr gut genug, nicht mehr fromm genug. Also verssucht er sich groß zu machen, sich aufzublasen. In der Nordsee und in afrikanischen Gewässern gibt es sogenannten Kugelfische. Wenn ein solcher Kugelfisch angegriffen wird, bläst er sich auf. Paulus gibt hier den Kugelfisch: „Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn. Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren … da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. Und ich kenne denselben Menschen … der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. Für denselben will ich mich rühmen.“
Paulus hat eine wunderbare geistliche Schau erlebt. Er war geistlich im Himmel gewesen. Daran denkt Paulus hier. Er erinnert die Korinther daran, dass er kein wertloser oder unchristlicher Mensch ist.
Womit könntest du dich großmachen, mit deiner Autorität? „Ich war schon in der Firma, das konntest du noch nicht Lesen und Schreiben!“  Womit bist du versucht, dich groß zu machen: „Ich schaffe hier das Geld ran, deshalb wir hier gemacht, was ich sage!“  
Auch im Glaubensleben gibt es solches „Aufblasen“ bis heute.

3. Es ist jetzt als ob Gott dem Kugelfisch zu dem Paulus sich aufblasen will, die Luft rauslässt. Paulus schreibt das ganz wörtlich so. Er schreibt: „Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe.“ Der „Pfahl im Fleisch“ ist im Deutschen sprichwörtlich geworden. Die Ausleger haben viel gerätselt, was hier gemeint ist. Vielleicht meint Paulus eine chronische Krankheit oder auch eine Missbildung. Man hat auch über einen Sprachfehler nachgedacht. Vielleicht hat Paulus gestottert.
Wir wissen es nicht. Was wir von Paulus selbst wissen: Gott hat verhindert, dass er sich selbst überhebt.

4. Schwachheit und Gnade: Nachdem Paulus den Korinthern in seinem Brief vorgeführt hat, wie er sich selbst aufblasen könnte und wie Gott ihm immer wieder die Luft rauslässt, kommt er auf den eigentlichen Punk. Gott hat ihm nämlich das Geheimnis des Glaubens offenbart und ihm gesagt: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Unsere Ohnmacht – ist Gottes Macht.
Unsere Verlegenheiten – sind Gottes Gelegenheiten.
Wir sind zu schwach, um perfekt zu sein. Gott gibt uns seine Liebe umsonst. Wir sind zu schwach, um ohne uns selbst aus Schuld und Versagen zu befreien. Gott schenkt uns seine Gnade.
            Liebe Gemeinde in diesen Tagen erleben wir, wir zahlreiche unserer Brüder und Schwestern der Konvertierten Christen aus Iran und Afghanistan ihren Abschiebungsbescheid erhalten, weil Christsein für Menschen aus islamischen Ländern hier in Deutschland nicht mehr als Asylgrund anerkannt wird.
Doch wer wollte bezweifeln, dass ihnen zu Hause Gefahr für Leib und Leben droht. Unfreiwilliger Verlust ist für unsere Brüder und Schwestern schwer zu ertragen. Und auch wir stehen ohnmächtig daneben, wenn dieses Unrecht geschieht.
Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Schluss: Ich sitze im Zug und der Zug steht still. Mein ohnmächtiger Zorn über den Verlust meiner Freizeit ist verraucht. Ich spreche innerlich ein Gebet für den Menschen und den Notarzt im Gleis. Mehr kann ich in meiner Ohnmacht nicht tun.
Wir wollen heute beten in unserer Ohnmacht für unsere Glaubensgeschwister, die hier in Deutschland in Not sind.
Und die Auflehnung, der Zorn, die Wut verfliegen, denn Gott spricht auch zu uns: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Amen.