Ostersonntag 01.04.2018 von G. Heyn

Die Predigt zum Mithören nach Manuskript :

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Predigt über Hes 37,1-14
Des Herrn Hand kam über mich, und er führte mich hinaus im Geist des Herrn und stellte mich mitten auf ein weites Feld; das lag voller Totengebeine. Und er führte mich überall hindurch. Und siehe, es lagen sehr viele Gebeine über das Feld hin, und siehe, sie waren ganz verdorrt. Und er sprach zu mir: „Du Menschenkind, meinst du wohl, dass diese Gebeine wieder lebendig werden?“ Und ich sprach: „Herr, mein Gott, du weißt es.“ Und er sprach zu mir: „Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Ihr verdorrten Gebeine, höret des Herrn Wort! So spricht Gott der Herr zu diesen Gebeinen: Siehe, ich will Odem in euch bringen, dass ihr wieder lebendig werdet. Ich will euch Sehnen geben und lasse Fleisch über euch wachsen und überziehe euch mit Haut und will euch Odem geben, dass ihr wieder lebendig werdet; und ihr sollt erfahren, dass ich der Herr bin.“Und ich weissagte, wie mir befohlen war. Und siehe, da rauschte es, als ich weissagte, und siehe, es regte sich, und die Gebeine rückten zusammen, Gebein zu Gebein. Und ich sah, und siehe, es wuchsen Sehnen und Fleisch darauf, und sie wurden mit Haut überzogen; es war aber noch kein Odem in ihnen. Und er sprach zu mir: „Weissage zum Odem; weissage, du Menschenkind, und sprich zum Odem: So spricht Gott der Herr: Odem, komm herzu von den vier Winden und blase diese Getöteten an, dass sie wieder lebendig werden!“
Und ich weissagte, wie er mir befohlen hatte. Da kam der Odem in sie, und sie wurden wieder lebendig und stellten sich auf die Füße, ein überaus großes Heer.
Und er sprach zu mir: „Du Menschenkind, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Siehe, jetzt sprechen sie: Unsere Gebeine sind verdorrt, und unsere Hoffnung ist verloren, und es ist aus mit uns. Darum weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der Herr: Siehe, ich will eure Gräber auftun und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf und bringe euch ins Land Israels. Und ihr sollt erfahren, dass ich der Herr bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole. Und ich will meinen Odem in euch geben, dass ihr wieder leben sollt, und will euch in euer Land setzen, und ihr sollt erfahren, dass ich der Herr bin. Ich rede es und tue es auch, spricht der Herr.“

Liebe Gemeinde,
die Auferstehungsvision des Propheten Hesekiel gehört zu den eigentümlichsten und gleichzeitig wichtigsten Texten des Alten Testaments.
Gemalt wird ein düsteres Bild von einem Feld voller Totengerippe. Das Bild könnte aus einem guten Horrorfilm stammen. Allerdings befürchte ich, dass die Größe dieses Bildes unsere Vorstellungskraft übersteigt.
Dem Propheten Hesekiel mutet Gott dieses Bild zu – mit dem Unterschied, dass Hesekiel dieses Bild nicht nur im Fernsehen oder auf der Kinoleinwand anschauen muss, sondern Gott stellt ihn mitten auf dieses Feld. Der Prophet ist plötzlich ganz allein auf diesem Feld und in dieser Gegend, wo nur verweste Leichname zu sehen sind.
Wenn es uns schon unheimlich ist, den Leichnam eines toten Menschen zu sehen oder sogar zu berühren, wie muss es da erst dem Propheten Hesekiel ergangen sein! Allein die Vorstellung ist schon gruselig genug!
Interessanterweise wird über die Gefühlslage des Hesekiel gar nichts berichtet. Dafür ist uns ein Dialog zwischen Gott und Hesekiel überliefert, der nicht weniger seltsam ist.
Und diesen Dialog will ich kurz aufgreifen:
1) Da ist die Frage Gottes.
2) Da ist die Weissagung des Propheten.
3) Da ist die Antwort Gottes.
1) Da ist die Frage Gottes.
Nachdem Gott den Hesekiel auf dieses mehr als gruselige Feld voller Totengerippe gestellt hat, fragt er ihn so, als wäre das eine Frage in der Schule oder in einer Quizshow: „Du Menschenkind, meinst du wohl, dass diese Gebeine wieder lebendig werden?“
Nach aller seiner Erfahrung und nach der Erfahrung aller Menschen hätte Hesekiel nichts Falsches gesagt, wenn er mit „Nein!“ geantwortet hätte. Wer einmal tot ist, der bleibt tot – noch dazu und erst recht wenn der Verwesungsprozess so weit fortgeschritten ist wie auf diesem Feld damals. Da braucht auch kein Arzt mehr eine Reanimation einzuleiten.
Hesekiel ist aber erfahren und weise genug, anders zu antworten. Immerhin redet er mit Gott, mit seinem Gott, in dessen Auftrag er Prophet ist. Da lernt man vielleicht so etwas: weise zu sein.
Er antwortet nicht mit „Nein!“, sondern sagt politisch klug: „Herr, mein Gott, du weißt es.“
Darauf setzt Gott diesen eigentlich, für menschliches Verständnis völlig widersinnigen Dialog fort und befiehlt dem Propheten, eine Weissagung zu sprechen.

2) Der zweite Teil unserer Predigt: Da ist die Weissagung des Propheten. Das Gespräch zwischen Gott und dem Propheten Hesekiel setzt sich jetzt auf anderer Ebene fort. Es klingt so, und man kann es sich gut vorstellen, wie Gott dem Propheten die Worte ins Ohr spricht, ihm die Worte seiner Prophetie eingibt, und der Prophet spricht sie mit seinem Mund aus. Er ist das Werkzeug Gottes. Er ist der Mund Gottes. Gott spricht ihm die Worte vor, und Hesekiel spricht sie ihm nach und spricht sie über diesen Totengerippen aus. Und plötzlich macht der Prophet die überraschende Beobachtung, dass das, was er im Auftrag Gottes ausgesprochen hat, geschieht. Stück für Stück, Schritt für Schritt werden aus den Totengerippen wieder lebendige Menschen: „ein überaus großes Heer.“
Und noch ehe Hesekiel irgendwie dazwischenreden kann oder Gott eine Frage stellen kann, redet Gott schon weiter: Er erklärt, wer die Totengebeine sind, nämlich das ganze Haus Israel.
(In Klammern: Das ist der Grund dafür, warum der neugegründete Staat Israel 1956 vor seinem Parlamentsgebäude eine Menora, einen siebenarmigen Leuchter, aufgestellt hat, an dessen Fuß genau diese Vision des Propheten Hesekiel dargestellt ist. Die Juden hoffen darauf, dass sich diese Vision für ihr Volk, für Gottes eigenes Volk erfüllt!)
Aber zurück zu dem Gespräch zwischen Gott und dem Propheten Hesekiel: Bevor Hesekiel etwas fragen kann, redet Gott schon weiter und nimmt Hesekiel quasi die Feststellung aus dem Mund: „Siehe, jetzt sprechen sie: Unsere Gebeine sind verdorrt, und unsere Hoffnung ist verloren, und es ist aus mit uns.“
Das ist die normale, menschliche Feststellung. Wer tot ist, der bleibt tot. Ohne wenn und aber!
Wo wir Menschen an einem Punkt sind, wo es keine Worte mehr gibt, wo wir nichts mehr sagen können, wo wir stumm werden vor der Endgültigkeit des Todes, da redet Gott weiter.

3) Der dritte Teil unserer Predigt: Da ist die Antwort Gottes. Gott gibt dem Hesekiel eine Antwort, die so unvorstellbar und unglaublich ist, dass es dem Hesekiel an Worten fehlt. War er eben schon sprachlos angesichts der Prophetie und der Wirkung seiner prophetischen Worte, die er im Auftrag Gottes gesprochen hat, so verschlägt es ihm jetzt absolut die Sprache. – Wenn es da überhaupt noch eine Steigerung gibt!
Hesekiel bringt kein Wort mehr heraus. Dafür sagt Gott ihm, was er mit den Totengerippen vorhat. Er wird ihre, und das sind auch unsere Gräber auftun und uns zu sich holen. Wir sollen wieder leben und Gott will uns in unser Land setzen. – Wenn ich den Hesekiel richtig verstehe, dann ist das eine Erinnerung an die Schöpfungsgeschichte. So wie Gott die ersten Menschen Adam und Eva in den Garten Eden setzte, so wird er uns in unser Land, in den neuen Garten Eden, die neue Schöpfung, die sein Land ist, setzen. Und spätestens dann werden wir sehen und verstehen und begreifen, wer der Herr über Leben und Tod ist.
Wahrscheinlich hat dem Propheten Hesekiel der Mund offen gestanden vor lauter Staunen. Deshalb bekräftigt Gott noch einmal am Schluss seine Antwort: „Ihr sollt erfahren, dass ich der Herr bin. Ich rede es und tue es auch, spricht der Herr.“

Liebe Gemeinde, die Auferstehungsvision des Propheten Hesekiel ist zu Ostern Wirklichkeit geworden. Mit der Auferstehung Jesu Christi von den Toten hat Gott bewiesen, dass er der Herr über Leben und Tod ist, und dass keine Macht der Welt ihn von seinem Sieg abhalten kann. Das feiern wir auch in diesem Jahr zu Ostern und lassen uns unsern Glauben stärken durch Gottes heiliges Wort selbst.
Amen.