Exaudi 13.05.2018 von G. Kelter

Die Predigt zum Mithören nach Manuskript :

Der komplette Gottesdienst zum Hören       :

Für größere Schrift und Smartphone hier clicken

Predigt über Joh 14, 16-19
16 Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: 17 den Geist der Wahrheit, den die Welt (kosmos) nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein. 18 Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. 19 Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben.

"Doktor, denken Sie, dass es die Wurst war?" –
Liebe Brüder und Schwestern,
das waren am 23. Februar 1955 die letzten Worte des französischen Schriftstellers Paul Claudel, eines gläubigen katholischen Christen, der durch ein Erweckungserlebnis mit 18 Jahren zum bewußten Glauben fand. "Doktor, denken Sie, dass es die Wurst war?" – Hätte Claudel geahnt, wie nahe sein Tod schon war, hätte er vielleicht gerade diesen Satz nicht als sein letztes Wort der Nachwelt überliefert. Letzte Worte, Abschiedsworte vor dem Tod, sind manchmal sehr zufällig und banal, manchmal ganz bewußt und überlegt gesprochen. Man schwankt zwischen Lachen und tiefer Ergriffenheit, wenn man einmal eine Sammlung solcher letzten Abschiedworte durchliest. Manchmal kommt in letzten Worten auch noch einmal der Charakter oder die besondere Mentalität eines Menschen zum Ausdruck. So soll Konrad Adenauer den schluchzenden Angehörigen, die sich um sein Sterbelager versammelt hatten, auf gut kölsch gesagt haben: Do jitt et nix ze kriische, da gibt es nichts zu weinen. Und von Karl Marx wird ein schroffer Satz überliefert, mit dem er diejenigen hinauswarf, die in der Erwartung eines wohlgesetzten Vermächtnisses an die Menschheit sein Bett umstanden: "Hinaus! Letzte Worte sind für Narren, die noch nicht genug gesagt haben." Genug gesagt? Liebe Gemeinde, von Karl Marx, der in einem Artikel der ev. Nachrichtenagentur idea letzte Woche als „Gottesfeind und Menschenverächter“ bezeichnet wurde, mag die Welt mehr als genug gehört und gelesen haben, als er endlich starb. Oft genug aber bleiben Angehörige mit vielen offenen Fragen zurück, auf die der Verstorbene nicht mehr antworten konnte. Mit bangen Fragen, wie es weiter geht, wer z.B. die Nachfolge antreten soll, wer nun an der Stelle des Verstorbenen und in seinem Sinne eine angefangene Aufgabe fortsetzen soll, wer sich nun um die, die zurückbleiben, kümmern soll. Hinterbliebene fühlen sich oft vom Verstorbenen allein in der Welt zurück gelassen. Manchmal mischt sich deshalb in der ersten Zeit nach dem Tod eines geliebten Menschen in das Gefühl der tiefen Trauer sogar so etwas wie Wut. Übrigens sollte man dann nicht vorschnell solche Gefühle verdrängen, weil man sie für unpassend oder sogar sündig hält, sondern sie für eine Weile ruhig zulassen und annehmen. Auch das gehört zur Verarbeitung und Bewältigung von Trauer. Den Jüngern Jesu, den Frauen, die ihm nachfolgten, seiner Mutter Maria, den Aposteln - ihnen mag es vielleicht ähnlich gegangen sein, als sie durch die Abschiedsreden Jesu zu ahnen begannen, dass Jesus nicht mehr lange bei ihnen bleiben würde, dass er auf dem Weg in den Tod war. Der Evangelist Matthäus überliefert (Kap.16), dass Jesus irgendwann anfing, seine Jünger darauf gezielt vorzubereiten. So heißt es: "Von der Zeit an fing Jesus an und zeigte seinen Jüngern, wie er müßte hin gen Jerusalem gehen und viel leiden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tage auferstehen." Ganz bezeichnend die Reaktion des Apostels Petrus darauf: "HERR, schone dich selbst; das widerfahre dir nur nicht!" Und sicher schwingt hier bei Petrus auch der ihn beängstigende Gedanke mit: Du kannst uns, du kannst mich doch nicht verlassen, im Stich lassen. Es muß doch weitergehen. Es darf doch nicht alles jetzt mit einem Schlag zuende sein! Die Furcht vor dem Verlassenwerden: Jesus begegnet ihr in seinen Abschiedsreden nicht mit Vertröstungen, sondern mit einem starken Trost: "Ich will den Vater bitten, und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit.(...) Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch." Und: "Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben." Liebe Brüder und Schwestern, wenn ein Pfarrer nach langen Dienstjahren in einer Gemeinde eine Berufung in eine andere Gemeinde annimmt und man sich nicht heillos zerstritten und überworfen hat, dann herrscht oft auch Abschiedstrauer auf allen Seiten. Und dann versucht der scheidende Pastor zu trösten: Nun seid nicht traurig. Ihr bekommt sicherlich bald wieder einen neuen und sogar besseren Seelsorger. (Es soll dann jemand geantwortet haben: Ja, das hat ihr Vorgänger auch schon gesagt. Aber im Ernst:) Gemeinden müssen heutzutage davon ausgehen, dass das so klar gar nicht ist und vor allem: Sie wollen ja vielleicht gar nicht irgendwann einen neuen Pastor, sondern am liebsten den alten behalten. Und das gilt auch dann, wenn der Nachfolger vielleicht sogar schon feststeht und in absehbar kurzer Zeit seinen Dienst aufnehmen wird. Also: Der Hinweis auf einen anderen, einen Nachfolger tröstet durchaus nicht immer. Was oder wer ist der von Jesus angekündigte Geist der Wahrheit? Die Jünger möchten Jesus, den sie als Tröster kennen- und liebengelernt haben, behalten, festhalten, nicht loslassen. Sie wollen keinen anderen Tröster als ihn. Aber genau das sagt Jesus doch scheinbar: Ich will den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Tröster geben, den Geist der Wahrheit nämlich. Also doch nur die schwache Vertröstung auf einen Nachfolger oder einen Stellvertreter? Liebe Gemeinde, so wurde und wird der Begriff "anderer Tröster" durchaus verstanden. Zum Beispiel von der Sekte der Weißenberger, die sich selbst als "Johannische Kirche" bezeichnet und auf den 1941 gestorbenen Gründer Joseph Weißenberg zurückgeht. In dieser Gruppierung wird Weißenberg als der von Jesus verheißene andere Tröster verehrt, als fleischgewordener heiliger Geist der Wahrheit. Im Glaubensbekenntnis der Gruppe heißt es denn auch: "Ich glaube....an Gottes Offenbarungen durch Mose, Jesus Christus und Joseph Weißenberg." Aber, liebe Gemeinde, der von Jesus verheißene Tröster ist eben kein unbekannter Anderer, der einmal kommen wird, um Jesus zu ersetzen, sondern ein "alter Bekannter", sozusagen. "Ihr kennt ihn", sagt Jesus, "denn er bleibt bei euch und wird in euch sein." Ist das nun mit dem Begriff "ein anderer" sprachlich zu vereinbaren? - Wir verwenden das Wort anderer, andere, anders auch in der deutschen Sprache manchmal so, wie es hier im griechischen Wortlaut zu verstehen ist. Zum Beispiel, wenn man eine vielleicht etwas komplizierte Aussage gemacht hat und dann hinzufügt: "Oder anders:" - Und dann folgt inhaltlich exakt dieselbe Aussage noch einmal, nur in anderer Formulierung, in anderer Weise. Aber inhaltlich völlig identisch. Der von Jesus verheißene Tröster ist also derselbe Tröster wie Jesus. Dieser Tröster kommt auch nicht erst nach einer Zeit seiner Abwesenheit wieder, sondern, sagt Jesus "er bleibt bei euch". Aber eben nicht mehr in der bisherigen irdisch-körperlichen Weise und nicht mehr als äußerlich greifbares Gegenüber, sondern "er wird in euch sein". Und er wird für die, die an Jesus glauben, nicht verborgen bleiben. Die Welt kennt ihn nicht und wird ihn auch nicht wiedererkennen. Aber die Gläubigen kennen ihn jetzt schon und werden ihn auch dann als denselben Tröster wiedererkennen, der er zu irdischen Lebzeiten für sie war. Liebe Gemeinde, Jesus spricht hier also von sich selbst. Und zwar als von einem "Tröster". Paraklet heißt das auf griechisch und meint wörtlich einen Beistand, einen Fürsprecher oder Anwalt. Der Begriff stammt auch aus der Gerichtssprache. Ein Rechtsanwalt ist jemand, der einem zurecht oder zu Unrecht Angeklagten gegenüber dem Ankläger beisteht, ihn verteidigt und im besten Fall auch einen Freispruch erwirkt. Ein guter Anwalt ist aber durchaus auch einer, der seinen Mandanten tröstet, ermutigt und ihm Hoffnung macht. Einer, der die Mittel und Beweise, die Zeugen herbeischafft, die zur Entlastung beitragen können. Einer, der sich im Rechtswesen besser auskennt und den Mandanten durch seine Beweisführung und sein Plädoyer vor Gericht vertritt. Das alles ist Jesus auch für uns und in diesem Sinne ein Anwalt. Er tritt für uns vor dem Vater ein, bittet für uns, damit wir im Gericht freigesprochen werden und Freiheit von Sünde und Schuld und vom Tod erlangen. Aber der Anwalt, der Tröster Jesus Christus, hat eben noch mehr getan als ein Rechtsanwalt. Auch der beste Rechtsanwalt kann für den Freispruch auch eines unschuldig Angeklagten nicht garantieren. Am Ende entscheidet das Gericht. Unser Anwalt Jesus Christus aber garantiert denen, die an ihn glauben, den Freispruch. Und zwar, weil er selbst, anstelle der zu Recht Angeklagten, an unserer Stelle nämlich, die Folgen unserer Schuld auf sich nimmt, also die Strafe an unserer Stelle selbst verbüßt. Als Jesus seinen Jüngern die Abschiedsreden hält, können sie alle diese Zusammenhänge noch nicht ansatzweise verstehen und begreifen. Aber Jesus sagt: Ich werde als Geist der Wahrheit in euch sein. Und so werdet ihr auch in alle Wahrheit, die ihr jetzt noch nicht erkennen könnt, geleitet und dann begreifen, dass mein Tod euer Leben ist und meine Auferstehung die Garantie dafür, dass auch ihr leben werdet. Und meine Rückkehr zum Vater versichert euch, dass ich sowohl vor dem Thron Gottes als auch in euch lebendig für euch eintrete, euch bewahre und beschütze. Der Apostel Paulus ist ein Zeuge dieser Wahrheit geworden. An die Gemeinde in Kolossä schreibt er (Kap. 1): "Ich bin ein Diener der Gemeinde geworden durch das Amt, das Gott mir gegeben hat, dass ich euch sein Wort reichlich predigen soll, nämlich das Geheimnis, das verborgen war seit ewigen Zeiten und Geschlechtern, nun aber ist es offenbart seinen Heiligen, denen Gott kundtun wollte, was der herrliche Reichtum dieses Geheimnisses unter den Heiden ist, nämlich Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit." Liebe Brüder und Schwestern, die letzten Worte und Sätze von Menschen sind Worte, nach denen dieser Mensch tot, weg, unumkehrbar verschwunden und verstummt ist. Die Abschiedsworte Jesu sind dagegen gewisse Zusagen, dass er bleibt, gegenwärtig bleibt und sogar in nicht überbietbarer Weise näher gegenwärtig bleibt als zu irdischen Lebzeiten: Nämlich in uns. Als Geist der Wahrheit, des Trostes, der Liebe, als Geist des Glaubens, des Gebetes in uns, als Geist des Bekennens, der Stärke, des Gehorsams und der Zucht, die uns nicht züchtigt, sondern immer mehr zum Vater zieht. Christus in uns, sein Leib und sein Blut in uns: Kommt, schmeckt und seht, wie freundlich der gegenwärtige Tröster auch heute wieder zu uns ist. Alles ist bereit. Amen.