7. Sonntag nach Trinitatis 15.07.2018 von H.-J. Voigt

Die Predigt zum Mithören nach Manuskript :

Der komplette Gottesdienst zum Hören       :

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Predigt über Philipper 2,1-4
1 Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit, 2 so macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid. 3 Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, 4 und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.
5 Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht…

Liebe Gemeinde!
Es war während der Zeit des Kirchenbaus, die ich miterleben durfte. Diese Zeit hat mich durchaus geprägt, die vielen Menschen, die mitgebaut haben, Handwerker, Freiwillige, eine Künstlerin, Glockenbauer, Orgelbauer. Noch bevor es losging, sagte ein älterer Pfarrer zu mir: „Und passt nur auf, dass ihr euch nicht zerstreitet.“ Es dauerte nicht lange, bis ich begriff, was er damit meinte. Eine Kirchenvorsteherin sagte in dieser Zeit zu mir, ich treibe die Gemeinde in den Ruin. Von der Überschuldung werde sich die Gemeinde niemals erholen. Ich lud sie zum Gespräch ein und wusste nun spätestens, was der alte Pfarrer gemeint hatte. (Übrigens: Man kann darauf warten, dass überall dort, wo in der Kirche etwas wächst und aufbricht, der Teufel ein unmittelbares Interesse daran hat, Streit und Uneinigkeit zu säen.)
Und dann saßen die Kirchenvorsteherin und ich an einem Montag im Amtszimmer und redeten ganz ruhig miteinander. Ich merkte aber wie sie immer noch innerlich aufgeregt war. Wir schauten die Zahlen an, wir rechneten. Im richtigen Moment brachte meine Frau den Kaffee und es war als ob mit dem Duft der Kaffeebohnen auch der Heilige Geist durch den Raum wehte und Versöhnung schenkte.
            Der Apostel Paulus weiß um die große Bedeutung der Einigkeit in einer Gemeinde und auf der anderen Seite um die riesige Gefahr des Streites und der Uneinigkeit. Deshalb richtet er mit eigentlich zärtlichen Worten eindringliche Bitten an die Gemeinde in Philippi.

1. Gefühlvolle Bitten an die Gemeinde. Es fällt wirklich auf, wie eindringlich gefühlvoll Paulus hier an die Philipper schreibt: „1 Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit, 2 so macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid.“ Schon das erste Hauptwort in dieser Reihe, „Ermahnung“, kann man auch mit „Ermutigung“ oder „Stärkung“ übersetzen. Findest du bei uns in der Bethlehemsgemeinde Ermutigung, Trost der Liebe, Gemeinschaft des Geistes, herzliche Liebe, Barmherzigkeit? Kennst du eine Gemeinde, die das in Vollkommenheit lebt?
Der Apostel Paulus schreibt hier an seine Lieblingsgemeinde. Die Philipper waren ihm besonders ans Herz gewachsen. Im vierten Kapitel schreibt er: „Denn ihr Philipper wisst, dass am Anfang meiner Predigt des Evangeliums, als ich auszog aus Mazedonien, keine Gemeinde mit mir Gemeinschaft gehabt hat im Geben und Nehmen als ihr allein.“ (4,15). Damit meint er, dass er nur von dieser Gemeinde Gaben für seinen Lebensunterhalt angenommen hat. Paulus schreibt diesen Brief aus der Gefangenschaft im fernen Rom und ich kann richtig mitfühlen, wie er sich nach seiner Lieblingsgemeinde sehnte. Der Philipperbrief ist eine einzige Liebeserklärung an die Gemeinde.
Es gibt ein Gemeindeaufbauprogramm, das nennt „Liebevolle Beziehungen“ als den entscheidenden Schlüsselfaktor für das Gedeihen einer Gemeinde. Wer wollte dem widersprechen? Dort wo Menschen liebevoll miteinander umgehen, um es mit den Worten des Apostels zu sagen in Ermutigung, Trost der Liebe, Gemeinschaft des Geistes, herzlicher Liebe und Barmherzigkeit, da fühlen Gäste sich wohl.
Historisch und ganz menschlich gesehen, war der liebevolle Umgang der ersten Christen miteinander der entscheidende Faktor für die Ausstrahlungskraft der ersten christlichen Gemeinden. Der Kirchenschriftsteller Tertullian beschreibt im 2. Jahrhundert die Außenwahrnehmung der Christen: „Seht, wie haben sie einander so lieb.“
Ich persönlich merke viel von diesen Tugenden in unserer Bethlehemsgemeinde. Mir geht es aber ein bisschen wie dem Apostel Paulus: Ich bin viel unterwegs. Und ich weiß auch von Menschen, die häufiger da sind als ich, die es in unserer Gemeinde nicht so leicht haben und dass es natürlich auch Konflikte gibt. Lassen wir uns die liebevolle Ermahnung des Apostels auf für uns und unsere Gemeinde gesagt sein, dass wir „einmütig und einträchtig sind“.

2. Wodurch Gemeinschaft gefährdet ist – Eigennutz und Geltungsdrang. Paulus schreibt: Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen“. „Eitle Ehre“ das ist nach dem Griechischen Wort κενοδοξία – Prahlerei, Ruhmsucht, Eitelkeit oder eben Geltungsdrang. Wenn ich nur meinen eigenen Vorteil in der Gemeinde suche, dann gefährdet das die Gemeinschaft.
Das gilt ja übrigens auch für das andere große Gemeinwesen, in dem wir leben, für den Staat. Wenn alle nur darauf aus sind, den Staat auszunehmen und Steuern zu hinterziehen, wird das Gemeinwesen zugrunde gehen.
Was Paulus hier anspricht, ist die bleibende Realität der Sünde, mit der wir natürlich auch in unserer Gemeinde und in unserem Miteinander rechnen müssen.
Paulus nennt hier auch das Rezept. Gegen „Eigennutz“ hilft folgendes: „ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient“.  
Und gegen „eitle Ehre“, also den Geltungsdrang, hilft: „in Demut achte einer den andern höher als sich selbst“.
Damit stellt ja der Apostel die Frage, wozu wir als Kirche und Gemeinde hier zusammenkommen. Warum sind wir Kirche und Bethlehemsgemeinde? So eine Grundsatzfrage muss man ja mal stellen und ich gebe folgende Antworten:
1. Wir sind Kirche und Gemeinde, weil Gott es geboten hat: Du sollst den Feiertag heiligen.
2. Wir sind Kirche und Gemeinde, weil Christus bei der Einsetzung des Abendmahls geboten hat: „Solches tut zu meinem Gedächtnis“.
3. Wir sind Kirche und Gemeinde, weil Christus geboten hat: „Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur.“
4. Und schließlich sind wir Gemeinde, weil Christus spricht: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“
Wir sind Kirche und Gemeinde, weil wir den Auftrag haben, den Mitmenschen zu dienen mit der Verkündigung des Evangeliums und mit unserem Dienst am Nächsten. Das schließt mit ein, dass wir auch einander dienen. Und eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts.

3. Schließlich nennt der Apostel für die Gemeinde in Philippi einen ganz wesentlichen Grund, auf dem die liebevollen Beziehungen einer Gemeinde ruhen. Paulus fügt nämlich seiner gefühlvollen Ermahnung den Text eines der ältesten „Gesangbuchlieder“ an, nämlich den sogenannten Christushymnus. Der beginnt so: „Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht…“ Wir haben Gemeinschaft untereinander, weil wir mit Christus Gemeinschaft haben. Wir gehen miteinander so um, wie es der Gemeinschaft mit Jesus Christus entspricht.
Der heutige Sonntag hat ja in seinen Lesungen und Gebeten das Heilige Abendmahl zum Schwerpunkt. Unsere Gemeinschaft, unser liebevoller Umgang miteinander hat seine Quelle in Jesus Christus, jetzt, wenn wir sein heiliges Wort gepredigt bekommen und jetzt gleich, wenn wir das Heilige Abendmahl feiern.
Christus begegnet dir ganz leiblich, jetzt im Abendmahl: Er nimmt dich in den Arm. Er berührt deinen Mund. Er hat innigste Gemeinschaft mit dir. Er schenkt dir Vergebung und reinigt dein Herz. Auf den Gottesdienstblättern ist der Altar der Kapelle in der „Alten Lateinschule“ zu Wittenberg abgebildet. Die dicke stienerne Altarplatte ist nach unten durchgebogen. Der Künstler will damit sagen: So schwer wiegt die Liebe Gottes, die er uns im Abendmahl mit Leib und Blut seines Sohnes Jesus Christus austeilen lässt.
Christus ist wie die Nabe im Rad der Gemeinde. Christus ist die Mitte um die sich alles dreht und wir sind die Speichen. Solange wir mit ihm wie die Speichen mit der Nabe verbunden sind, berühren wir uns auch untereinander. Er ist die Mitte, um die sich alles dreht.

Es könnte ja sein, dass du an unserer Bethlehemsgemeinde sehr leidest, dass du dich doch gar nicht wohl fühlst. Dann möchte ich dich um folgendes bitten: Sprich doch mal mit Pfarrer Heyn, oder einem anderen vertrauten Menschen oder gern auch mit mir darüber.
Manche Last wird leichter, wenn man sie teilt. Und dass wir alle hier auch die Gemeinschaft von Sündern sind, die die vergebende Liebe Christi brauchen, steht außer Zweifel.
In diesen Tagen habe ich etwas erlebt, das mich an die Geschichte der beiden Mönche erinnerte, die sich aufmachten um den idealen Glaubensort zu finden, an dem sich Himmel und Erde berühren. Sie durchwandern die ganze Welt und am Ende landeten sie wieder in ihrer Klosterzelle.
Jemand hatte unsere Kirche verlassen, die Gemeinschaft von Sündern, jeder kennt jeden. Es wird in diesem „Laden“ viel zu viel getratscht und wir haben die Neigung, andere schlecht zu machen. Ja, so ist es! Jetzt kam er am Ende seiner Reise wieder an, in dieser Gemeinschaft von Sündern, in der jeder jeden kennt, in der viel zu viel getratscht wird,
- aber in der Christus die Mitte ist,
- die Nabe, um die sich alles dreht,
- der unsere Gemeinschaft selbst schenkt im Mahl,
- der unsere Liebe zueinander selbst nährt
- mit seiner unendlichen Liebe.
Amen.