Jubilate 7.5.2017 von Gottfried Heyn

Die Predigt zum Mithören nach Manuskript:

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Predigt üb. Mk 4,30-32
Jesus sprach: Womit wollen wir das Reich Gottes vergleichen, und durch welches Gleichnis wollen wir es abbilden? Es ist wie ein Senfkorn: wenn das gesät wird aufs Land, so ist’s das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden; und wenn es gesät ist, so geht es auf und wird größer als alle Kräuter und treibt große Zweige, so dass die Vögel unter dem Himmel unter seinem Schatten wohnen können.

Liebe Gemeinde,
die Stichworte „Reich“ und „Reich Gottes“ lösen wahrscheinlich bei jedem von uns bestimmte Reaktionen aus:
Man könnte zuerst an die sog. „Reichsbürger“ denken, die im vergangenen Jahr von sich reden machten: Menschen, die in einer eigenartigen Traumwelt leben. Dabei ist das nicht neu. Rio Reiser sang schon 1986 „Wenn ich König von Deutschland wär“ und wünschte sich damit in eine rosarote Realitätsferne.
Beim Stichwort „Reich“ werden wir Deutsche immer hellhörig, weil es uns an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte, an das sog. „Dritte Reich“ erinnert. Das Wort „Reich“ ist bei uns „verbrannt“, belastet, hat keinen guten Klang mehr. Man umgeht es nach Möglichkeit oder ersetzt es durch andere Worte und Begriffe. Das geht bis dahin, dass unser ganzes Gemeinwesen, unsere Gesellschaft und unser Staat sich von diesem Gedanken und der Vorstellung eines Reiches gelöst haben.
Beim Stichwort „Reich Gottes“ geht es vielen von uns – mich eingeschlossen – ganz anders: Reich Gottes? Was ist das denn? Und wie soll ich das erklären? Was fällt mir dazu ein?
Eigenartig, dass wir da fast immer irgendwie ins Schleudern kommen und nach Worten, Bildern und Erklärungen suchen und ins Stottern kommen. Dabei sind wir doch so dicht dran an der Sache, quasi Bestandteile, Mitspieler, Bewohner des Reiches Gottes! Wir gehören dazu – spätestens seit unserer heiligen Taufe – und können es trotzdem nicht richtig erklären! Das ist doch irgendwie komisch, oder?

Da finde ich es geradezu beruhigend, dass es unserm Herrn und Heiland scheinbar ähnlich geht: In immer neuen Wendungen sucht er nach Bildern, Begriffen, Vergleichen, um seinen Jüngern und uns zu erklären, was es mit dem Reich Gottes auf sich hat: „Mit dem Reich Gottes ist es wie …“
Und heute ist Jesus sogar an einer Stelle, wo er fragt: „Womit wollen wir das Reich Gottes vergleichen, und durch welches Gleichnis wollen wir es abbilden?“
Fast könnte man den Eindruck haben, als würde er selbst mit den Erklärungen für das so schwer beschreibbare Reich Gottes ringen, als würde er nach Worten und Bildern und Vergleichen suchen, die wir verstehen können und die uns einleuchten.

Jesus vergleicht das Reich Gottes mit einem Senfkorn, das gesät wird und zu einem großen Baum heranwächst.
Lasst uns ein bisschen über dieses Bild nachdenken.
Ich habe dazu drei Gedanken formuliert:
1) Das Reich Gottes ist etwas Wachsendes.
2) Das Reich Gottes wächst auf geheimnisvolle Weise.
3) Das Reich Gottes wächst für andere.

1) Also zunächst der erste Gedanke: Das Reich Gottes ist etwas Wachsendes. Das finde ich spannend: Jesus bleibt nicht bei unserer Vorstellung des Reiches als von einem Land, einer Staatsform, einer juristischen Person, sondern er macht einen ganz anderen Vergleich auf. Das Reich Gottes ist wie ein kleines Samenkorn, aus dem eine Pflanze wird, wenn man es in die Erde steckt.
So etwas selbst zu machen und zu beobachten, hat seinen ganz eigenen Reiz! Ich weiß noch, wie ich mich als Kind über die ersten selbstgezogenen Radieschen im Garten meiner Großmutter gefreut habe!
Das Reich Gottes – oder wir könnten auch sagen, der Be-reich Gottes – ist etwas, das wächst, das sich entwickelt, das größer wird. Es ist nichts Statisches, nichts, was fertig verpackt in Einheitsgröße im Baumarkt zu haben ist, von dem wir beliebig viele gleich große Ersatzteile nachkaufen können, wenn mal was kaputt ist oder wir Nachschub brauchen.
Das Reich Gottes ist in Bewegung und es wächst, es wird größer!

2) Unser zweiter Gedanke: Das Reich Gottes wächst auf geheimnisvolle Weise. Das ist vielleicht das unglaublichste an diesem Vergleich, an diesem Gleichnis unseres Herrn. Er erklärt nicht, wie das Reich Gottes wächst. Es bleibt das Geheimnis des Schöpfers, es bleibt sein Geheimnis, wie es scheinbar ganz von allein, und ohne dass wir das erklären können, geschieht, dass aus einem klitzekleinen Senfkorn plötzlich ein großer Baum wird.
Wie Gott und auf welche Weise er bei einem Menschen wirkt, den Glauben in unser Herz gibt, macht, dass wir ihm vertrauen, an ihn glauben, zu ihm beten können, das bleibt sein Geheimnis.
Klar, so ein paar wesentliche Grundlagen des Wachstums des Reiches Gottes kennen wir: das Hören auf Gottes Wort und der Empfang seiner Sakramente sind dabei ganz wichtig. Daran hat Gott sich selbst gebunden. Da ist er ganz bestimmt zu finden. Aber wie es geschieht, dass ein Mensch anfängt zu glauben, wird damit nicht erklärt – jedenfalls nicht so, dass wir es erklären könnten.
Es bleibt Gottes Geheimnis, auf welche Weise sich sein Reich ausbreitet. Vielleicht ist es oft auch gar nicht so, wie wir uns das vorstellen oder erwarten. Vielleicht sieht die Pflanze, die aus dem kleinen Samenkorn wächst, – um im Bild zu bleiben – ganz anders aus, als wir uns das vorgestellt haben!

3) Bleibt noch unser dritter Gedanke: Das Reich Gottes wächst für andere.
Vielleicht sieht die Pflanze, die aus dem kleinen Samenkorn wächst, ganz anders aus, als wir uns das vorgestellt haben!
Jede Pflanze hat zuerst einmal einen Selbstzweck: Sie ist von Gott so geschaffen, dass sie aus sich selbst heraus wieder eine neue, eine Nachfolgepflanze hervorbringen kann.
Jede Pflanze hat auch einen Fremdzweck: Sie lobt durch ihre Schönheit und Einzigartigkeit unseren Gott, den Schöpfer und Erhalter des Lebens.
Und fast jede – oder wahrscheinlich überhaupt jede – ich bin kein Biologe – Pflanze hat auch einen Zweck, eine Aufgabe für andere oder anderes: als Futter, Klimaanlage, Wasserspeicher, Schattenspender usw. usw.
So ist es mit dem Reich Gottes auch, sagt Jesus: Es wächst für andere. Das Reich Gottes, der Be-reich Gottes, ist niemals ein Land, ein Gebiet, ein Areal, das gegen andere abgegrenzt und verteidigt werden muss. Sondern Gott will, dass sein Reich, sein Be-reich für andere da ist, für Menschen, die einen Zufluchtsort suchen. Bei Gott sollen wir uns ausruhen können, Schatten finden vor der Hitze des Tages und des Lebens. In Gottes Bereich dürfen und sollen auch andere Menschen dieselben Vorzüge genießen wie wir: im Sommer bei großer Hitze unter einem schönen großen alten Baum im Schatten zu sitzen und sich auszuruhen, den Sommer zu genießen, die Seele baumeln zu lassen … Wer mag, kann dieses Bild gern für sich in Gedanken weitermalen.

Liebe Gemeinde, Jesus vergleicht das Reich Gottes mit einem kleinen Senfkorn, das auf geheimnisvolle Weise zu einem großen Baum heranwächst und dann anderen Menschen als Wohn- und Lebensraum dient.
In der gerade zurückliegenden Fasten- und Passionszeit sind wir darauf hingewiesen worden und daran erinnert worden, dass unser Herr und Heiland selbst so ein kleines Samenkorn ist, dass auf geheimnisvolle Weise heranwächst, nachdem es in die Erde gelegt wurde, und nun uns Menschen den Weg in den Lebensbereich Gottes eröffnet.
Ich will nicht zuviel in dieses Gleichnis hineingeheimnisen: Aber vielleicht ist ja auch unsere kleine Bethlehemskirche hier in Hannover seit 130 Jahren so ein Senfkorn: unscheinbar, klein, von vielen übersehen, umgeben von viel größeren Häusern – und doch seit 130 Jahren ein Ort, an dem Gott zu uns Menschen kommt, an dem das Reich Gottes gepredigt und in die Herzen gesät wird, an dem Glauben angestoßen und gestärkt wird, ein Ort, an dem Menschen sich zu Hause fühlen und im Schatten Gottes sich ausruhen können.
Dafür wollen wir unserem Herrn und Heiland danken, dass er sein Reich auf geheimnisvolle Weise auch durch unsere Kirche und Gemeinde wachsen lässt.
Amen.