8. Sonntag nach Trinitatis 06.08.2017 von G. Heyn

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Predigt üb. Jes 2,1-5
Dies ist’s, was Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat über Juda und Jerusalem: Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des Herrn Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des Herrn gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege, und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem. Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des Herrn!

Liebe Gemeinde,
vor dem Hauptgebäude der Vereinten Nationen in New York steht eine Bronzeplastik. Sie stellt einen Schmied dar, der ein Schwert zu einer Pflugschar umschmiedet. Diese Bronzeplastik nimmt direkt Bezug auf das, was hier in Jesaja 2 steht, diesen Zukunftswunsch, diese prophetische Vorausschau des Jesaja: „da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen.“
Das Spannende an dieser Plastik ist, dass sie ein Geschenk der Regierung der ehemaligen Sowjetunion an die UNO ist. Ausgerechnet! Ausgerechnet die kommunistische Diktatur der ehemaligen Sowjetunion schenkt so etwas den Vereinten Nationen!
Wir wissen ja, dass man in der ehemaligen Sowjetunion – ich untertreibe jetzt etwas – nicht so sehr viel vom Wort Gottes hielt.
Aber ich kann mir vorstellen, dass 1949 – wenn ich richtig informiert bin, ist in diesem Jahr diese Plastik dort aufgestellt worden – 1949 die Prophetie des Jesaja durchaus der Wunsch vieler Menschen auf unserem Planeten gewesen ist, nämlich, dass die Zeit des Krieges endlich vorbei sein möge!
Mit diesem Wunsch kommen wir den Sätzen des Jesaja ein wenig näher. Diese Sätze sind prophetisch! Sie schauen in die Zukunft. Sie formulieren Wünsche an die Zukunft und für die Zukunft.
Natürlich wissen wir, dass es mit solchen Zukunftswünschen immer ein bisschen schwierig ist. Natürlich haben auch wir Wünsche an die Zukunft und für die Zukunft. Aber uns so hineinzudenken in so ein prophetisches Wort und dann auch noch zu erkennen, dass es für uns eine Bedeutung haben könnte, das fällt uns in der Regel etwas schwer.
Ich meine aber, dass diese Sätze des Propheten Jesaja sehr aktuell sind und uns deshalb durchaus etwas angehen, und dass wir uns darin auch wiederfinden können und uns davon ansprechen lassen können.

Die prophetischen Sätze des Jesaja haben mehrere Aspekte, mehrere Blickrichtungen. Ich will drei Gedanken herausgreifen.

1) Da ist zuerst einmal das völlig Naheliegende, was ja auch mit Worten ausgedrückt ist, die Prophetie für Jerusalem und Juda. Vielleicht könnte man in Klammern noch hinzusetzen: ausgedehnt auf das ganze Volk Israel. Das kommt dann im weiteren Verlauf des Textes ja auch zur Sprache.
Aber in dieser Prophetie über Jerusalem und Juda geht es ganz konkret um den Berg Zion. Er wird als der Berg Gottes schlechthin bezeichnet.
Wir wissen aus dem Alten Testament, dass es auch andere, besondere Berge im heiligen Land gibt, die in der Geschichte Gottes mit seinem Volk und mit den Menschen eine wichtige Rolle spielen. Denken wir nur an den Berg Sinai, der wahrscheinlich identisch ist mit dem Berg Horeb, und verschiedene andere Berge im heiligen Land – ich muss sie jetzt nicht alle aufzählen –, die für die Geschichte Gottes bedeutsam sind. Aber der Zion hat eine besondere Bedeutung!
Wenn wir uns vorhin noch gefragt haben, was haben diese alten Prophetien mit uns zu tun, denken wir nur an die aktuellen Auseinandersetzungen um den Tempelberg in Jerusalem, und wie hochexplosiv das alles ist, was da abläuft! Dieser umstrittene Tempelberg ist der Berg Zion! Dann wissen wir, wie hochaktuell die prophetischen Worte des Jesaja sind.

Wie auch immer dieser Konflikt im Nahen Osten ausgehen wird – und wahrscheinlich ist er mit menschlichen Mitteln und zu menschlichen Zeiten nicht zu lösen, die Prophetie des Jesaja bleibt bestehen. Und sie gilt. Der Berg Zion wird am Ende dieser Welt, am Ende der Zeiten die alles entscheidende Rolle spielen! Weil Gott sich von diesem Berg aus den Menschen, nicht nur seinem Volk, zuwenden wird!
Der Berg Zion, der Tempelberg, der Berg, auf dem die Stadt Jerusalem liegt, das ist zugleich auch der Hügel Golgatha, auch wenn sich die konkreten topographischen Punkte um wenige Meter unterscheiden, wenn man durch die Altstadt von Jerusalem geht. Dort ist das für uns alles Entscheidende geschehen! Und dort wird das für uns alles Entscheidende geschehen, nämlich dass Christus am Ende der Zeiten die Menschen zu sich ruft, uns zu sich ruft, in seinen Himmel und in seine Gegenwart.

2) Der zweite Gedanke: Die Prophetie für die Heidenvölker – damit sind alle Völker gemeint, die nicht zum Volk Israel gehören.
Es ist mindestens genauso bedeutsam und wichtig wie der erste Gedanke, dass Jesaja hier voraussieht, dass die Völker zum Berg Zion kommen werden, am Ende der Zeiten. Auch wenn wir uns das jetzt vielleicht noch nicht vorstellen können und nicht wissen, wann das sein wird.
Es wird geschehen am Ende der Zeiten, am Ende dieser Welt, dass die Völker zum Zion kommen. Man kann dies hier durchaus in einer doppelten Bedeutung verstehen: ganz physisch, dass die Völker, die dann noch auf der Erde leben, zum Zion kommen werden! Und zum anderen in einem übertragenen Sinn – diese Bedeutung schwingt hier immer mit: dass Menschen sich zu dem lebendigen Gott bekehren, das ist damit gemeint. Und wenn das geschieht – in diesen beiden Blickrichtungen: am Ende der Zeiten, aber auch immer schon jetzt – dann wird das eintreten, was die Bronzeplastik in New York als Wunsch formuliert, dass Menschen aufhören, Krieg gegeneinander zu führen.
Die Prophetie des Jesaja geht sogar noch weiter: „Sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“
Es wird ein ganz neuer Zustand sein und anbrechen. Der wird aber nur in der Nähe Gottes möglich sein. Und deshalb müssen alle Völker zum Zion, zu Gott kommen, in seine Nähe, in seine Gegenwart.

3) Bleibt noch ein dritter Gedanke: Am Ende dieser prophetischen Sätze des Jesaja verschwimmt das ja irgendwie eigentümlich: Wer ist denn jetzt eigentlich gemeint! Juda und Jerusalem? Oder das Volk Israel? Oder die Heidenvölker? Oder wer?
Ich glaube, dass es „mit Absicht“ so ist in dieser Prophetie, dass das so undeutlich wird. Weil diese Prophetie für alle Menschen, d.h. auch für uns ausgesprochen ist. Es bleibt seltsam offen, wer da redet! Wer den Text vor Augen hat, kann nochmal reinschauen. Da heißt es dann einfach: „Kommt nun, ihr vom Haus Jakob, lasst uns wandeln im Licht des Herrn!“
Es bleibt offen, wer da redet. Es ist aber deutlich, dass es sich nicht mehr nur auf Juda und Jerusalem beschränkt; das Haus Jakob – damit ist mindestens das ganze Volk Israel gemeint. Und wenn wir als Christen das Neue Testament richtig verstanden haben – und ich glaube, an dem Punkt haben wir es richtig verstanden! – dann sind wir das neue Volk Israel, das auch an diesen Gott des Alten Testaments glaubt, der in seinem Sohn Jesus Christus zu uns gekommen ist. D.h., wir sind von dieser Anrede auch betroffen: „Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, – ihr, liebe Bethlehemsgemeinde, könnte dort auch stehen – lasst uns wandeln im Licht des Herrn!“
Diese Aufforderung ist an alle Menschen gerichtet. Das alte Volk Israel und das neue Volk Israel, die Christen: „Lasst uns wandeln im Licht!“
Und auch hier wieder gilt, was an ganz vielen anderen Stellen dieser Prophetie gilt, dass sie viele Facetten hat: Das gilt jetzt schon – „lasst uns jetzt schon im Licht wandeln, im Licht des Evangeliums, im Licht des Wortes Gottes, in seiner Nähe, auf seinen Wegen!“ Und genauso gilt diese Aufforderung natürlich für unsere Zukunft: „Lasst uns wandeln im Licht des Herrn!“ Also nicht nur jetzt, in dieser einen Stunde, in der wir in der Kirche sitzen, sondern alle übrigen Stunden, Tage und Jahre unseres Lebens auch! „Lasst uns wandeln zum Licht des Herrn hin!“ Das darf man hier mithören! – „Im Licht“, das heißt, im Licht des Evangeliums, in der Nähe Gottes, nach seinen Geboten.

Liebe Gemeinde, die Bronzeplastik, die vor dem Hauptgebäude der UNO in New York steht, ist ein Zukunftswunsch. Gott wird diesen Wunsch wahrwerden lassen. Diese Prophetie des Jesaja wird sich erfüllen.
Aber das Wunderbare an Gottes Zukunft ist, dass sie nicht irgendwann am Sankt Nimmerleinstag auf uns wartet, sondern dass sie jetzt schon begonnen hat durch unseren Herrn und Heiland Jesus Christus, der der Friedenskönig schlechthin ist.
Amen.