2. Advent 10.12.2017 von A. Grünhagen

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Liedmeditation über "O Heiland reiß die Himmel auf…" ELKG 5

Liebe Schwestern und Brüder,
vor zwei Wochen, am Ewigkeitssonntag, hatte ich ein seltsames Erlebnis. Ich war bei der Adventsausstellung eines Blumengeschäftes. Ein Traum in weihnachtlichem Rot und Grün, Glühwein und im Hintergrund lief Weihnachten mit Helene Fischer“. Und plötzlich dachte ich: das passt heute noch nicht, das beißt sich. Nichts gegen Glühwein und Helene Fischer, aber am Ewigkeitssonntag war ich da innerlich noch nicht.

Mit dem zweiten Advent heute ist das so ähnlich, bloß anders herum. Nun hat die Adventszeit endlich begonnen, aber die gottesdienstlichen Lieder und Lesungen katapultieren uns quasi zurück ans Ende des Kirchenjahres. Denn gut zu merken gilt: Am 2. Advent geht es um den 2. Advent. Advent heißt ja Ankunft. Es geht also um die zweite Ankunft Jesu, wenn er am Ende der Welt wiederkommt. Und diese zweite Ankunft, die wird ganz anders sein als seine erste Ankunft im Stall von Bethlehem und auch ganz anders als sein Kommen heute in unsere Herzen. Gott hat sich unendlich kein gemacht bei seinem ersten Kommen im Stall von Bethlehem, bei seinem zweiten Kommen als Richter der Lebendigen und der Toten wird er unendlich groß sein. Sein erstes Kommen geschah weitgehend im Verborgenen, bei seinem zweiten Kommen wird er aufstrahlen wie ein Blitz von einem Ende des Himmels bis zum anderen. In Betlehem beugten die redlichen Hirten möglicherweise anbetend die Knie, am Ende der Welt wird sich jedes Knie vor ihm beugen müssen und jede Zunge bekennen, dass Jesus der Herr ist.

Ich nehme an, dass ich den meisten von euch damit nichts Neues erzähle. Und vielleicht ist der Gedanke sogar etwas störend. Da mag es einem so gehen wie dem Oberhofprediger des deutschen Kaisers, der Wilhelm II bei einer Fahrt über das Mittelmeer auf der Reise ins Heilige Land begleitete. Dabei gerieten sie in einen heftigen Sturm und besagter Oberhofprediger fragte den Kapitän: „Kommen wir heute noch nach Jerusalem?“ Darauf der Kapitän: „Aber sicher, ich weiß bloß noch nicht, ob ins irdische oder ins himmlische.“ Da entfuhr es dem Oberhofprediger vor Schreck: „Na, das wollen wir doch nicht hoffen.“
Jaja. Das will so mancher doch nicht hoffen, dass Jesus es auf einmal ernst nimmt, wenn wir so fromm in der Adventszeit in Liedern und Gebeten um sein Kommen bitten, und das womöglich auch tatsächlich am Ende tut. Womöglich jetzt, noch vor Weihnachten, wo wir doch grade so schön geputzt und eingekauft und es uns gemütlich gemacht haben.

Von Gemütlichkeit konnte allerdings auch nicht die Rede sein, als das Lied, das wir eben gesungen haben, gedichtet wurde. Und auch nicht zu der Zeit, als der Prophet Jesaja die Worte sprach, die wir in der alttestamentlichen Lesung gehört haben. Wir dagegen leben, vor allem wenn wir die spannungsgeladene Weltlage die meiste Zeit ausblenden, die Terrorgefahr ignorieren und momentan gerade nicht unter schweren Krankheiten leiden, doch eigentlich ganz komfortabel. Vielleicht geht es einigen von euch ja sogar so gut, dass es euretwegen eigentlich auch gerne immer so weitergehen könnte. Aber Jesus hat sich die Umstände seiner Geburt nicht angetan, damit wir eine nette Feiergelegenheit haben. Er ist gekommen, weil diese Welt und weil unser Leben eben nicht heil ist, sondern einen Heiland braucht. Er kommt als Sonne und Stern, weil es dunkel ist.

Wie können wir versuchen diesem Aufschrei, dieser Sehnsucht nach dem Kommen Gottes nachzuspüren, das auch zu fühlen, es wirklich begreifen? Begreifen ist das Stichwort, warum ich Bilder von einer Krippe mitgebracht habe, die jedes Jahr in der evangelischen Kirche in Hilden, das liegt in Nordrhein-Westfalen, aufgestellt wird. Anders als hier in Norddeutschland gibt es in West-und Süddeutschland eine lebendige Krippentradition. Da wird eben nicht nur so eben die heilige Familie, zwei Hirten, drei Könige und vier Schafe unter den Weihnachtsbaum gestellt, sondern ganze Krippenlandschaften aufgebaut. Eine Bekannte von mir ist Krippengestalterin und hat diese große Krippe, die wir auf dem Bild unten auf dem Blatt sehen können, gebaut. Sie hat uns auch freundlicherweise die Fotos zur Verfügung gestellt.

Das Besondere an dieser Krippe ist, dass sie einer alten Tradition folgt, nach der nicht nur die unmittelbar in der Weihnachtsgeschichte genannten Figuren dazugehören, sondern alle möglichen Personen, die mit der Heilsgeschichte etwas zu tun haben. Wenn biblische Geschichten und christliche Wahrheiten so dargestellt werden, dass man sie in die Hand nehmen und tatsächlich anfassen, also begreifen kann, dann begreifen der Kopf und das Herz auch eine ganze Menge.

Zwei der Krippenfiguren, die wir nun wenigstens anschauen, wenn auch nicht anfassen können, habe ich euch mitgebracht. Den Sternengucker und den Propheten Jesaja.

Was macht der Sternengucker mir seinem Fernrohr bei der Krippe. Das hat es doch damals noch gar nicht gegeben? Nun, der Sternengucker macht das, was die Weissagungen aus dem Alten Testament, die wir in den Lesungen des Advents und in der Christvesper hören, auch tun. Sie zeigen uns etwas vom Heilsplan Gottes. Wir staunen, wie früh und wie genau Gott die Rettung der Welt angekündigt und vorbereitet hat. Wenn ich mir den Sternengucker so anschaue, denke ich zum Beispiel an die Weissagung des Sehers Bileam. Die steht 4. Buch Mose, da haben die Israeliten noch nicht mal das Land Kanaan eingenommen: Bileam, ein heidnischer Seher, soll sie verfluchen, aber er muss stattdessen etwas anderes ankündigen: „Ich sehe ihn, aber nicht jetzt; ich schaue ihn, aber nicht von nahem. Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen, der wird die Moabiter zerschmettern…“ So ist es, die Seher und Propheten sehen, aber nicht von nahem, sie schauen, aber noch von ferne. Weil das so ist, gibt es den schönen Brauch, dass in der christlichen Gemeinde die Kinder diese Verheißungen des Alten Bundes lernen und zu Weihnachten aufsagen. Jede Generation soll neu in diesen großen Horizont der Versprechen Gottes hineinwachsen, das haben die Christen von den Juden gelernt, die so ihren Glauben weitergeben. Dabei begreifen die Kinder und die Erwachsenen, dass diese alten Worte weder Orakelsprüche noch genau Fahrpläne sind, sondern Versprechen Gottes – und dass Gott seine Versprechen hält.

In den allermeisten Fällen haben die ersten Hörer der Verheißungen noch gar nicht die ganze Tiefe dieser Ankündigungen verstanden. So ging es wohl auch dem Propheten Jesaja, als er die Worte sprach, die wir in Jesaja 64 lesen: Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kund würde unter deinen Feinden und die Völker vor die zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! – und das man von altern her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren. Jesajas Zeitgenossen hörten in diesen Worten die Ankündigung, dass Gott kommen und sein Volk ins recht setzen würde vor seinen Feinden. Wir sehen, was sie noch nicht wussten, dass Gott noch in viel größerem Maßstab getan hat, was man von altern her nicht vernommen hat und das niemand erwartet hat. Als er nämlich seinen Sohn in die Welt gesandt hat.

Wir können uns den Jesaja mal auf dem Bild hier anschauen, der gehört auch an die Krippe. Sein Volk Israel war aus der Heimat in die babylonische Gefangenschaft weggeführt worden, der Tempel in Jerusalem war zerstört, das Land verwüstet, wie das so nach verlorenen Kriegen ist. Äußerlich war es in Babylon ganz erträglich, so wie es in unserem Leben ja auch oft so ganz erträglich, bloß nicht wirklich gut ist. Die Juden im Exil quälten sich nämlich mit einer Frage herum. Gott hatte ihnen doch versprochen, dass er ihr Gott und sie sein Volk sein würden. Er hatte doch angekündigt, sie vor anderen Völkern zu beschützen, wie z.B. vor den Moabitern in der Bileamsweissagung, er wollte doch im Tempel in Jerusalem wohnen. Er war doch schon auf der Wanderung durch die Wüste zu ihnen gekommen, war ihnen erschienen, in Feuer und Rauch und Erdbeben am Berg Sinai. Und an dem Punkt begann ihre Anfechtung, begannen die bohrenden Fragen: Ja Gott, und jetzt? Gilt das alles nicht mehr? Hast du uns im Stich gelassen? Warum kommst du nicht, warum zeigst du dich nicht, wo bist du, Gott? Nun zerreiß doch endlich den Himmel, komm herab. Gedacht ist hier: wie du am Sinai herabgekommen bist ist Feuer und Rauch.
Aber was bedeutet, den Himmel zerreißen? Gedacht ist hier nicht an die Himmelskuppel, wie in der Schöpfungsgeschichte, die müsste Gott der Logik nach ja auch zertrümmern oder ein Loch hinein machen, sondern die Vorstellung ist wie in den Psalmen: der Himmel als ein Teppich, den Gott ausgespannt hat. Und Stoff zerreißt man natürlich, wenn man hindurch will.

Der Dichter des Liedes O Heiland reiß die Himmel auf zu Gott geschrien hat diese Worte des Alten Testamentes zu einem Lied gemacht. Auch er fleht um die Erscheinung Gottes. So sehr, dass er nicht nur die Himmel, sondern die ganze Natur einbezieht in diese Bitte um sein Kommen

Der Mann der dieses Lied geschrieben hat, hieß Friedrich von Spee. Er lebte vor ungefähr vierhundert Jahren und gilt als der bedeutendste katholische Liederdichter des 17.Jahrhunderts, vergleichbar bei uns mit Paul Gerhardt. Friedrich von Spee war ein Mönch, er war Jesuit. Das ist nun spannend, dass das Lied eines Jesuiten es in evangelische Gesangbücher geschafft hat. Denn die Jesuiten waren ein Orden der Gegenreformation, sie arbeiteten gezielt daran, Länder und Menschen, die in der Reformationszeit evangelisch geworden waren, wieder katholisch zu machen. Und das nicht immer ganz gewaltfrei. Darüber hinaus waren die Jesuiten aber auch intelligente Theologen, sehr gebildet und oft auch gute Seelsorger. Das galt auch für Friedrich von Spee. Geboren 1591 wurde er mit 19 Jahren Mönch und mit 31 Jahren zum Priester geweiht. Neben Theologie hatte er auch Jura studiert.
Friedrich von Spee konnte wirklich dichten, die Jesuiten waren recht umfassend ausgebildet. Seine Strophen und Reime sind geschickt aufeinander abgestimmt. Die zehn Rufe in dem Lied, die mit O beginnen, 7 an Christus 3 an die Erde, deuten auf Gesänge aus dem Abendgottesdienst der Kirche, der Vesper, an den letzten sieben Tagen vor Weihnachten hin. Diese richten sich auch an Christus, nehmen Begriffe aus dem AT auf und beginnen mit O, also O Morgenstern, o Wurzel Davids und so weiter.
Das Lied O Heiland reiß die Himmel auf war Schon 16666 war es so verbreitet, dass es in einem Gesangbuch abgedruckt wurde.
Wirklich erstaunlich ist allerdings, woher Friedrich von Spee eigentlich die Zeit und die Kraft nahm, Lieder zu dichten. Denn die Zeit, in der er lebte war in vieler Hinsicht schrecklich. Das Lied entstand irgendwann in den ersten fünf Jahren des Dreißigjährigen Krieges. Dieser Krieg verwüstete halb Europa und dezimierte die Bevölkerung geschätzt um Zweidrittel. Friedrich von Spee wirkte als Seelsorger, Lehrer und Theologieprofessor in Speyer, Würzburg, Bamberg Köln Hildesheim und Trier. In Köln begann er, sich mit dem Thema Hexenverfolgung auseinanderzusetzen. Zur zeit des Dreißigjährigen Krieges kam es verstärkt zu einer Massenhysterie in Sachen hexen, denn die leidende Bevölkerung konnte sich die Seuchen und Hungersnöte, die eigentlich Kriegsfolgen waren, nicht anders erklären als dass sie durch einen Schadenszauber entstanden sein müssten. Friedrich von Spee mußte diese armen als Hexe beschuldigten Frauen als Seelsorger vor ihrer Hinrichtung begleiten. Zum Tode Verurteilte zu begleiten ist mit das Härteste, was einem Seelsorger passieren kann. Von dem amerikanischen Militärchaplain, übrigens ein Pfarrer der Missourisynode, der die in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen zum Tode verurteilten Nazis begleiten musste, gibt es Berichte, was ihn das innerlich gekostet hat. Und die hatten ihr Urteil verdient. Friedrich von Spee hatte es mit Unschuldigen zu tun und es wußte es. Er wandte sich mit einer Streitschrift gegen gegen diesen Hexenwahn und wäre daraufhin fast selbst angeklagt worden, konnte aber durch eine rechtzeitige Versetzung noch gerettet werden. Als 1634 der Krieg in Trier tobte, brauch auch noch die Pest aus. Spee folgte der Aufforderung sich in Sicherheit zu bringen nicht, sondern pflegte Verwundete und gefangene. Er steckte sich dann selbst mit der Pest an und starb 1635.

Gemütlich hatte er es also wirklich nicht in seinem Leben. Wenn man das weiß, wird auch manches an seinem Lied verständlicher. Mit Krieg und Pest und Scheiterhaufen vor Augen, kann man durchaus schon mal von Elend und Jammertal sprechen.
Nun müssen wir momentan gerade nicht solche Extremsituationen bestehen. Aber dunkel werden kann es in unserem Leben auch. So dass auch wir die Frage stellen: Wo bleibst du Trost der ganzen Welt? An den Klagen der Israeliten im babylonischen Exil und dieses Priesters Friedrich von Spee können wir sehen, dass das nicht die theoretischen, vielleicht spöttischen Fragen der Leute sind, die von Gott eigentlich gar nichts wissen und denen er auch eigentlich egal ist. Die fragen zwar auch manchmal, wo Gott ist, aber sie wollen es eigentlich gar nicht wissen. Nein, das sind die Anfechtungen der Gläubigen, die nicht damit fertig werden, dass Gott scheinbar so gar nichts von all seinen Verheißungen wahrmacht, dass er weit weg ist, nicht mehr zu spüren oder mit Gebeten zu erreichen, dass er einfach nichts tut. Das ist das schlimmste, dieses Nichts. Und dann trotzdem auf das Kommen Gottes, das ist ja sein Eingreifen meint, an die rettende Wende, an den Weg ins Helle zu glauben, das ist hohe Kunst des Vertrauens auf Gott gegen Gott, wie er sich gerade zu zeigen scheint.

Wir könnten also heute, jeder für sich, mal bei allen Lichtern des Advents und der Vorweihnachtsstimmung einen Blick in die Dunkelheit bei uns selbst werfen. Die kann klein oder groß sein. bei dem einen vielleicht ein wenig Stress, bei dem anderen eine schwierige Beziehung, oder eine Krankheit, oder irgendein anderes Problem. Je dichter man allerdings gerade an der Dunkelheit sowieso schon dran ist, desto kürzer sollte man hinschauen. Nur so kurz, um eine Hoffnung dagegen setzen zu können. Vielleicht kann diese Hoffnung ja sogar Gestalt gewinnen in etwas Handgreiflichem. Welche Figur könntest du als Hoffnungszeichen an deine Krippe zuhause stellen? Nur in der Vorstellung oder vielleicht sogar wirklich. Ein Symbol zum Anfassen, dass Gottvertrauen ausrückt oder eine Verheißung Gottes an der du dich festhält. All die vorweihnachtliche Freude mit Glühwein und allem drum und dran darf auch sein. Aber man sollte die Frage dabei nicht vergessen: Welche Hoffnungs – Figur stellst du an die Krippe?
Amen.