1. Advent 03.12.2017 von Hans-Jörg Voigt

Die Predigt zum Mithören nach Manuskript :

Der komplette Gottesdienst zum Hören       :

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Predigt über Offenbarung 5, 1-5
1 Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln. 2 Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen? 3 Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun und hineinsehen. 4 Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen. 5 Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel.

1. „Das ist mir ein Buch mit sieben Siegeln! Ich verstehe davon kein Wort!" Liebe Gemeinde, so sagen wir doch, wenn wir eine Aufgabe, ein schweres Buch oder etwas Unlösbares vor uns haben. Das Buch mit den sieben Siegeln ist bei uns im Deutschen zu einem Sprichwort geworden für etwas sehr schwer Verständliches, das sich nicht von allein erklärt.
Wollte in früheren Jahrhunderten ein König einen wichtigen Brief geheim verschicken, so versiegelte er ihn Siegellack wurde erhitzt und auf den Umschlag getropft. Mit dem Siegelring an seinem Finger machte der König einen Abdruck und zeigt so, dass niemand als allein der Empfänger es wagen durfte den Brief zu öffnen. Das Siegel war Autoritätsbeweis. So trägt zum Beispiel der berühmte Friedensvertrag von Osnabrück, der den 30jährigen Krieg beendete, acht verschiedene Siegel.
In einer Kaserne wird die Waffenkammer versiegelt, damit niemand unbefugt eintreten kann. Jetzt in der beginnenden Adventszeit werden ja auch etliche Türen verschlossen, hinter denen gepackt gebastelt und vorbereitet wird.
Überhaupt liegt unsere ganze Zukunft wie versiegelt hinter einer verschlossenen Tür. Gern würden wir das Siegel aufbrechen, um zu
erfahren, was in Zukunft geschehen wird. Aber es gelingt uns nicht. Das Buch mit den sieben Siegeln ist die Zukunft und es lässt sich von uns Menschen nicht öffnen.
In den vergangenen Tagen fand die Novembersitzung der Kirchenleitung statt: Für unsere Kirchenleitungsarbeit liegt ja hier auch ein Grunddilemma, dass fast alle unserer Entscheidungen Auswirkungen auf Menschen und deren Zukunft haben. Und wir haben am Ende wirklich keine Ahnung, wie sich unsere ausgeklügelten Beschlüsse wirklich auswirken. In den vergangenen Jahren ist mir dies immer deutlicher geworden.
Wie gern wüssten wir genauer, was nächste Woche auf uns zukommt oder im nächsten Jahr. Vielleicht könnten wir dann auch noch etwas ändern.

Menschen sind immer neugierig auf die Zukunft. Viele gehen heute im 21. Jahrhundert zu einer Wahrsagerin und auf fast jedem Weihnachtsmarkt gibt es eine Bude, in der eine Wahrsagerin sitzt. Unsere Kinder haben neulich etwas Lustiges mit der Zukunft veranstaltet: Bei uns gibt es seit etwa einem Jahr einen kleinen Zwerghamster. Da haben sie im Spaß ein „Hamsterorakel“ gebaut. Aus Papier wurde ein doppeltes Portal geschnitten. Über der einen Tür stand „Ja“ über der anderen „Nein“. Dahinter lag das Futter. Nun musste man nur eine Frage stellen, den Hamster vor die beiden Türen absetzen und durch welche er zum Futter lief, das bestimmte die Antwort.  
Meine Kinder forderten mich auf: „Papa, stell eine Frage!“ Da stand ich vor dem „Hamsterorakel“ das Lachen gefror mir auf den Lippen und mit einem Schlag wurde mir die religiöse Bedeutung deutlich, die solch eine Konstruktion hatte und ich habe keine Frage über die Lippen gebracht. Vielleicht habe ich etwas zu humorlos reagiert aber niemand kann das Buch mit den sieben Siegeln – die Zukunft – öffnen – ein Zwerghamster schon gar nicht. „Niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun und hineinsehen."

2. Johannes weint. Ein Engel stellt die große Frage: „Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen?“ Und weil niemand das Buch, das Johannes in seiner Vision schaut, zu öffnen vermag, weint er darüber sehr: „Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen."  Johannes hat dazu allen Grund, denn er hätte gern eine bessere-Zukunft gesehen. Er selbst war in der Verbannung auf eine einsame Insel geschickt worden: Fern von seiner Familie, fern von seiner Kirche, fern von allen seinen Freunden. Das stelle ich mir schrecklich vor. Als Johannes dieses Wort unserer Predigt aufschrieb, herrschte im römischen Reich die bis dahin schrecklichste Verfolgung der Christen überhaupt. Kaiser Domitian hielt sich für einen Gott. Er begann seine Briefe mit den Worten: „Unser Herr und Gott befiehlt, daß folgendes geschieht.“ Er forderte das Kaiseropfer, weil er sich für einen Gott hielt. Das war von außen gesehen nicht viel verlangt: Die Christen sollten wie alle Staatsbürger lediglich ein paar Körnchen Weihrauch in ein Feuerchen vor dem Kaiserstandbild streuen, wie für einen Gott. Wer das aber nicht tat, wurde aus seiner Werkstatt vertrieben, von seinem Land, aus seinem Büro und wurde gefoltert, eingekerkert und ermordet. Die Kirchen leerten sich zunehmend. Gottesdienst wurde schon unterirdisch versteckt in den Katakomben von Rom gehalten, jenem ausgedehnten Kellersystem unter der Stadt. Wenn dieser Kaiser Domitian noch zwei Jahre so weitermachte, dann wäre es endgültig aus mit der Kirche.
Was hatte Gott nur vor mit der Kirche? Was steht in dem Buch mit den sieben Siegeln?
Was hat Gott mit der Kirche in unseren Tagen vor? Manchen ist auch sehr bange um die Kirche. Die Christenverfolgungen in anderen Ländern nehmen überhand.
Johannes weint. Weinen ist ein Ausdruck von Ohnmacht. Ein Säugling weint und ruft damit in seiner Ohnmacht nach der Mutter. Wann hast du das letzte Mal geweint. Manchmal komme ich abends nach Hause und denke: Eigentlich müsstest du mal wieder weinen – ein merkwürdiges Gefühl.
Wir haben die Kirche und unser Leben nicht in der Hand. Unser Tun und Entscheiden versetzt uns zu leicht in den Wahn, als hinge alles von uns ab.
Vielleicht müssten wir mal wieder weinen – nicht jetzt! Mal in einer stillen Kammer.
Johannes weint über das Buch mit den sieben Siegeln, weil er sich bessere Zeiten für die Kirche und sicher auch für sich wünscht.

3. In jenem Traumbild, dass Johannes hat, ist alles wie in der himmlischen Kirche. Ein Priester kommt auf Johannes zu und tröstet
ihn: „Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel.
Ein Löwe und eine Wurzel Davids werden genannt – dass muss wieder erklärt werden. Beide sind auf ihre Art stark. Ein Löwe hat so gut wie keine Feinde in der Tierwelt. Er zieht als der Stärkste durch die Steppe und muss kein Tier fürchten. Er ist der König.
Auch eine Wurzel ist auf ihre stille Art stark. Wurzeln können sogar ein ganzes Haus ausheben. An der Martinskirche in Angermünde standen große Linden, die zu dicht gepflanzt waren und mit ihren Wurzeln schon die ganze Kirche aushoben.
Wenige Verse weiter wird noch ein weiteres Bild aus der Tierwelt genannt. Da heißt es: „Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft... und ich sah, dass das Lamm das erste der sieben Siegel auftat…"
Jetzt wird es klar: Löwe, Wurzel und Lamm sind Bilder für keinen anderer als Jesus Christus. Er ist der Stärkste! Er hat die Kraft einer Wurzel und hat diese Stärke durch seine Sanftmut. Still wie ein Lamm ist er am Kreuz gestorben und unsere Sünde weggenommen und alles Unrecht besiegt. Gerade darin hat er seine Stärke gezeigt – er, der Löwe aus Judas Stamm, er, der starke Wurzeln hat.
Weil Jesus Christus unsere böse Vergangenheit in Ordnung bringt, deshalb ist er auch der die Zukunft kennt. Jesus Christus darf das Buch mit den sieben Siegeln öffnen.
In dem Buch, dass Johannes sieht zeigt sich die Zukunft zunächst nicht rosig. Den ersten sechs Siegeln entspringen nämlich die apokalyptischen Reiter, die Tod und Untergang bringen. Und das siebente Siegel ist das Ende der Welt.

Das entscheidende daran ist, dass alles in den Händen des Lammes ist. Christus ist die Zukunft. Christus ist die Kirche. Christus ist es der kommt.

Schluss: Der Hamburger Theologe Helmut Thielicke schreibt in seinem Buch „Die Lebensangst und ihre Überwindung“ einen sehr bedeutenden Satz:
Wer Angst hat und um Christus weiß, darf dessen gewiss sein: Ich bin mit meiner Angst nicht allein, sondern er hat sie auch durchlitten. Damit entsteht ein ganz neues Verhältnis zur Zukunft: Sie ist nicht mehr die vernebelte Landschaft, in die ich angsterfüllt Ausschau halte, weil sich dunkle Fährnisse dort gegen mich zusammenbrauen. Nein, es ist alles ganz anders: Wir wissen nicht, was kommt, aber wir wissen, wer kommt. Wem aber die letzte Stunde gehört, der braucht die nächste Minute nicht mehr zu fürchten.
Mit diesem Satz können wir dann wieder fröhlich und getröstet durch den Advent gehen, durch den Advent in diesem Jahr, durch den Advent der Ewigkeit: „Wir wissen nicht, was kommt, aber wir wissen, wer kommt“, nämlich der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, das Lamm, Jesus Christus“ Amen.


Lose, Eduard, Umwelt des Neuen Testaments, Göttingen, 1983, S. 162

Helmut Thielicke, Die Lebensangst und ihre Überwindung, 1954, S. 229