Sexagesimae 31.1.2016, von P. Schaetzel

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Predigt üb. Hebräer 4,12-13 (Reihe II):
Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.

Worte sind wie Vögel“, so sagt es ein deutsches Sprichwort, liebe Gemeinde:Worte sind wie Vögel: Hat man sie einmal losgelassen, kann man sie nicht wieder einfangen.
Worte lösen immer etwas aus!
Wie viele Worte haben wir heute früh schon gesprochen? Und vor allem: Was für welche waren das? Freundliche, dankbare, ermutigende? Oder auch unfreundliche, ärgerliche, verletzende? Worte entfalten ja immer Wirkung. Schlechte – weil sie grob sind oder gemein. Gute – weil sie nett sind oder anerkennend. Manchmal sind Worte nichtssagend, belanglos und langweilig, manchmal spannend, belebend, erfreulich.
Und dann gibt es auch Worte, die kommen negativ daher, dienen aber dem Guten: wenn jemand einen Schaden diagnostiziert, der aber behoben werden kann etwa. Und es gibt auch vermeintlich gute Worte, die dienen dem Schlechten: wenn mir jemand Honig um den Mund schmiert, mir schmeichelt – mit dem Ziel, mich für etwas zu gewinnen, was eigentlich gegen meine Überzeugung ist.
Ein indisches Sprichwort aus der Zeit um das Jahr 1500 lautet; „Wort hat weder Hand noch Füße, aber eines Wunden schlägt, und das andre dient als Balsam, darum eure Worte wägt.
Worte entfalten immer Wirkung. Darum ist es gut, daran erinnert zu werden, bedachtsam mit ihnen umzugehen.
Auch Gottes Worte entfalten Wirkung. Und auf den ersten Blick, wie er sich angesichts des Bibelabschnittes zur Predigt einstellt, ist das eine Wirkung, die uns ziemlich an den Kragen geht.
Gottes Wort – wenn wir vernehmen, was er uns sagt – ist lebendig und kräftig: Es ist höchstaktiv und zeigt Wirkung, wenn wir es uns gesagt sein lassen. Es ist einschneidend und durchdringend. Das „zweischneidige Schwert“ von dem die Rede ist, meint nicht wie in unserem heutigen Sprachgebrauch etwas, das eine gute, aber auch eine schlechte Seite hat, einen Vorteil bringt, aber auch einen Nachteil. Sondern hier ist wirklich das Bild eines beidseitig geschliffenen Messers gemeint, das also doppelt scharf ist und umso wirkungsvoller eingesetzt werden kann.
Gottes Wort – wenn wir vernehmen, was er uns sagt – wirkt einschneidend und durchdringend wie ein doppelt scharfes Schwert: Und das, so ist mitzudenken, tut richtig weh.
Gottes Wort ist ein Richter, so lesen wir weiter: Ein Kritiker heißt es im unübersetzten Wortlaut: Es kritisiert, was wir denken und ersinnen, was wir planen und uns zurechtreimen: Es stellt uns auf dem Prüfstand – ganz und gar, nichts lässt es außen vor und zieht uns zur Rechenschaft!
Liebe Gemeinde, wenn das Wort – nach der zitierten indischen Weisheit – einerseits Wunden schlägt und andererseits wie Balsam als heilende Salbe wohltuend wirkt, dann sind wir hier zunächst eindeutig beim „einerseits“.
Gottes Wort – wenn wir vernehmen, was er uns sagt – wirkt aufdeckend und entlarvend, kritisierend, ja anklagend. Dabei geht es um den Anspruch Gottes, den er in seinen Worten an uns richtet.
Wenn er also beispielsweise sagt – 4. Mose 6, Vers 5: „Du sollst den Herrn deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“: Dann deckt dieses Wort Gottes sehr schnell und einschneidend schmerzlich auf, dass wir mit unserem Leben immer hinter diesem Anspruch zurückbleiben: weil uns Gott aus den Augen gerät, weil uns – verwoben mit aller Gottesgemeinschaft – doch auch immer wieder viel zu leicht egal ist, was sein Anspruch an uns ist, und wir kein wirkliches Zutrauen haben, dass er etwas zum Guten bewegen kann in dieser Zeit und Welt, in unserem Leben, weil uns andere und anderes wichtiger werden als auf Gott zu hören, zu ihm zu sprechen, auf ihn uns zu verlassen.
Wenn Gott uns, anderes Beispiel, ausrichten lässt – Hebräer 12, Vers 16: „Gutes zu tun und mit andern zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.“: Dann kritisiert dieses Wort unverblümt unsere Vergesslichkeit im Gutes tun und im Teilen mit anderen, wo uns eher Gedanken des Unfriedens und des Neids besetzt hielten oder die Angst, im großzügigen Teilen mit anderen am Ende selbst zu kurz zu kommen.
Wenn sich Gott, noch ein weiteres Beispiel: 1. Thessalonicher 5, Vers 18, an uns wendet mit „Seid dankbar in allen Dingen.“: Dann überführt uns dieses Wort all unserer Undankbarkeit und Unzufriedenheit, dann behaftet es uns bei unserer Lust am Kritisieren und Besserwissen, bei unserem Mäkeln und Nörgeln.
Liebe Gemeinde, so entlarven uns Gottes Worte – und das waren jetzt nur drei Beispiele –, und sie tun das in jedem Fall, mit oder ohne unserem Glauben und Wahrnehmen, weil Gott sein Wort als Maßstab an eines jeden Leben hält. Und weil sich in jedem Fall erweisen wird, dass die schmerzliche Erkenntnis zutage tritt: Ein jeder Mensch bleibt mit seinem Leben hinter den Ansprüchen Gottes zurück.
Liebe Gemeinde, entscheidend wichtig bei alledem, was jetzt zu sagen war, ist: Gott hat keinen Gefallen, keine Schaden-Freude an unserem Scheitern. Es macht ihm keinen Spaß, uns zu entlarven und zu überführen. Sondern: Wie der – wenn auch narkotisiert nicht spürbar – schmerzliche Schnitt bei einer Operation der Heilung dient, so will Gott uns gewahr werden lassen, wie es um unsere geistliche Gesundheit steht und uns heilen im Blick auf unsere Beziehung mit ihm, will er das, was diese Beziehung durch unser Scheitern an seinen Ansprüchen verletzt, verbinden und genesen lassen, will er die Trennung, in die wir uns durch unsere Eigenwilligkeiten von ihm begeben, überwinden.
Liebe Gemeinde, Wunden schlagen ist das eine, mit Balsam pflegen und fördern ist das andere. Gottes Wort entfaltet nicht nur einschneidend, aufdeckend Wirkung, sondern auch verbindend und heilend.
Wenn Gott – zum Beispiel – zu dir sagt, Psalm 103, Vers 8: „Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte.“: Dann will sich in dir die Gewissheit breitmachen, dass Gott dir trotz allem liebevoll zugewandt ist, dass er seinen Sohn Jesus Christus für dein Scheitern in die Bresche hat springen lassen, dass er dir vergibt und neu mit dir anfängt.
Wenn es, anderes Beispiel, Jesaja 40, Vers 29, von Gott heißt: „Er gibt den Müden Kraft und Stärke genug den Unvermögenden.“: Dann will dieses Wort in dir Mut und Hoffnung wachsen lassen, wo du dich am Ende deiner Kräfte wähnst oder resigniert nicht weißt, wie es weitergehen soll in einer Angelegenheit oder in deinem Leben überhaupt.
Wenn der Gottessohn Jesus Christus, um noch ein drittes Beispiel anzuführen, Matthäus 28, Vers 20 verspricht: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“: Dann vermag dieser Zuspruch in dir zu bewirken, dass du dich begleitet und unterstützt weißt. Wann und wo immer es auch sei: Dein starker Herr, dem alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf Erden, dem kein Ding unmöglich ist, der ist immer und überall an deiner Seite – dir zugute!
Liebe Gemeinde: Gottes Wort entfaltet immer Wirkung. Es tut, was es sagt. Das darfst du hoffnungsvoll erwarten, darauf darfst du dich getrost verlassen – wie du dich auf die Wirkung der Lebensmittel verlässt, die dich satt machen und stärken, ohne dass du dir erst groß die naturwissenschaftlichen Prozesse bewusst machen müsstest oder würdest, die sich abspielen.
Und weil das alles so ist, ist die Empfehlung des Tages, dieses Sonntages im Kirchenjahr: Bleib dran an diesem Wort, setz dich ihm reichlich aus, höre es, lies es, lass es an dir wirken: Es wird dir gute Dienste tun, verlass dich drauf!
Und, falls dieser Gedanke im Blick auf den Bogen dieser Predigt aufkommen sollte: Gottes Balsam ist keine billige Gnade, sondern teuer erkauftes Heilmittel. Mit seinem Anspruch bleibt es ihm ernst. Und du und ich: Ja, wir werden weiter scheitern, wir werden weiter auf sein vergebendes, zusprechendes Wort angewiesen bleiben. Und doch brauchen wir uns mit unserem Scheitern nicht abzufinden. Denn in dem Kreislauf von Scheitern und Genesen will Gottes Wort Wirkung entfalten, das uns gewiss macht: Es bleibt nicht immer alles beim Alten, Veränderung ist möglich: mit Gott an unserer Seite – 2. Korinther 5, Vers 17: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ Amen.