7. Sonntag nach Trinitatis 10.07.2016, von P. Heyn

Die Predigt zum Mithören nach Manuskript:

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Predigt üb. Apg. 2,41a.42-47
Die das Wort annahmen, ließen sich taufen. Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. Es kam aber Furcht über alle Seelen, und es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostel. Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nach dem es einer nötig hatte. Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.

Liebe Gemeinde,
was muss das für eine tolle Gemeinde gewesen sein! Was müssen das für ja beinahe paradiesische Zustände gewesen sein, die dort in der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem geherrscht haben!
So jedenfalls könnte man denken, wenn man den Bericht des Evangelisten Lukas hier in der Apostelgeschichte liest.
Wir sind historisch und inhaltlich ganz nah dran am Anfang der Kirche, bei der Entstehung der ersten Gemeinde, der Urgemeinde der Kirche, der Muttergemeinde aller anderen christlichen Gemeinden.
Und es gibt gar keinen Grund an dem zu zweifeln, was der Evangelist Lukas hier schreibt. Oder doch?

Nein, es gibt keinen Grund daran zu zweifeln, weil Lukas in der Vollmacht des Heiligen Geistes geschrieben hat.
Und doch könnte uns so ein Gefühl beschleichen, dass er hier mit etwas zeitlichem Abstand, die Dinge durch eine rosarote Brille sieht, dass er sich an die gute alte Zeit erinnert: „Früher! Da war noch richtig was los in unserer Gemeinde! Da haben wir noch Säle gefüllt zum Missionsfest! Da waren wir noch viele Konfirmanden! Da haben wir noch den ganzen Katechismus auswendig gelernt! Da wurden noch alle Kinder getauft!“
Zugegeben, das ist jetzt nicht mehr der Evangelist Lukas. Aber kennen wir nicht alle solche Gedanken und Redeweisen? Und könnte es nicht sein, dass das bei Lukas so ähnlich ist?
Zumindest könnte der Evangelist Lukas auch solche Gedanken gehabt haben. Er war schließlich genauso ein Mensch wie wir.
Ist das, was er hier an den Theophilus geschrieben hat also nur der Blick in eine verklärte Vergangenheit? Wie schön es doch früher war? Oder zeichnet Lukas ein Idealbild des wirklichen, echten Christentums, von dem wir meilenweit entfernt sind?
Nein, ich denke, der Evangelist Lukas war Realist genug, um seinem Leser Theophilus nicht irgendeine christliche Utopie, ein unerreichbares Idealbild vor Augen zu führen. Er baute vielmehr auf die Kraft des Vorbilds.
Er erzählt von der ersten christlichen Gemeinde, damit alle, die danach kommen, sich am Vorbild dieser ersten Gemeinde in Jerusalem orientieren.
Denn das wissen wir aus unserer Erfahrung – und die Psychologie hat es inzwischen bestätigt – das Vorbild, an dem wir uns orientieren hat eine viel prägendere Kraft, als man oft denkt.
Lasst uns drei Gedanken aufgreifen, die in dem Bericht des Lukas angestoßen werden:
1) Die Orientierung am Vorbild.
2) Die Wiedererkennung des Vorbilds.
3) Und die Langzeitwirkung des Vorbilds.

1) Die Orientierung am Vorbild.
Die Urgemeinde in Jerusalem dient zur Orientierung. Wir kommen ja immer mal wieder in die Verlegenheit, dass wir nicht weiterwissen oder in Zweifel kommen, ob das richtig ist, was wir machen. Dann soll und kann uns das Vorbild der Urgemeinde helfen. Was haben die Christen damals in Jerusalem gemacht, um auf dem richtigen Weg zu bleiben?
Die Antwort gibt Lukas gleich im zweiten Satz: „Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.“
Das geistliche Leben stand an erster Stelle. Vielleicht sagt ihr jetzt: „Ja, ist doch logisch!“ Mag sein. Und doch wissen wir, dass uns so eine Erinnerung guttut. Denn bei aller Geschäftigkeit und dem kirchlichen Aktionismus, den wir ab und zu verbreiten, gerät das geistliche Leben manchmal gefährlich ins Abseits oder „geht bei uns sogar ganz flöten“.
Man muss es nicht so überspitzen wie Martin Niemöller und bei jeder Entscheidung fragen: „Was würde Jesus dazu sagen?“ Aber dass wir unser tägliches Leben an Gottes Wort ausrichten, ist ein Kennzeichen von Christen.
Genauso wie die anderen Punkte, die Lukas aufzählt: Die durch Christus gestiftete Gemeinschaft, die geistliche Nahrung durch das heilige Abendmahl, das ständige Gespräch mit Gott im Gebet.
Das ist das Vorbild der Urgemeinde in Jerusalem.

Und dann beschreibt er das noch ein bisschen genauer: Sie nahmen sehr intensiv gegenseitig an ihrem Ergehen Anteil – sag ich jetzt mal sehr bürgerlich. Das heißt, sie kümmerten sich umeinander. Sie sorgten füreinander: „… je nach dem es einer nötig hatte.“
Wir haben in der Bethlehemsgemeinde gerade so einen Gesprächsprozess, wer was nötig hat von uns.
Und der St. Petri-Gemeinde möchte ich sagen: Jetzt, wo ihr vakant seid, wo ihr keinen Pastor und Hirten habt, da ist es wichtig, dass ihr euch an einem Vorbild orientiert, damit ihr auf dem richtigen Weg bleibt!
Das führt uns zu unserem zweiten Gedanken:

2) Die Wiedererkennung des Vorbilds.
Das gute an Gottes Gemeinde ist, dass man sie überall auf der Welt wiedererkennen kann – egal wie sehr sie unter Traditionen und Bräuchen, unter Eigenheiten und sicher auch manchen Fehlentwicklungen verborgen ist: Wo das Wort Gottes laut wird, so wie es die Apostel überliefert und gelehrt haben, wo christliche Gemeinschaft sichtbar wird, wo das Mahl des Herrn gefeiert wird, wo gebetet wird, da versammelt sich eine christliche Gemeinde. Und das Wunderbare ist, dieser Wiedererkennungseffekt geht über unsere engen Kirchengrenzen hinaus. Er sprengt die von Menschen gezogenen Grenzen geradezu. Weil die Gemeinde, die Kirche kein von Menschen installierter Verein ist, sondern weil sie von Christus gestiftet ist, weil sie Gott gehört, weil wir der Leib Christi sind!
Kirche Jesu Christi hat eine universale Dimension. Sie ist nicht auf ein Land, ein Volk, eine Sprache, einen Kulturkreis begrenzt. Sondern Gott hat sein Volk unter allen Völkern auf dieser Erde.
Christen erkennen sich gegenseitig – auch wenn sie nicht dieselbe Sprache sprechen!
Aus der ersten Christenheit ist das Geheimsymbol des Fisches bekannt, an dem sich Christen untereinander erkannten.
Die Kennzeichen der christlichen Gemeinde haben einen viel stärkeren Wiedererkennungseffekt als alle Geheimsymbole.

Bleibt noch unser dritter Gedanke:
3) Und die Langzeitwirkung des Vorbilds.
Man könnte befürchten, dass das Vorbild der Urgemeinde in Jerusalem über die Jahre hin verblasst.
Richtig ist sicher, dass der zeitliche Abstand, der uns von der Urgemeinde trennt, nicht unbedeutend ist. Und wenn es nur von uns und dem Vorbild abhinge, wie sehr wir uns noch am Vorbild orientieren, dann wäre manches bestimmt schon „den berühmten Bach runtergegangen“.
Aber der Evangelist Lukas weist uns ganz am Schluss auf ein Detail hin, das unabhängig von uns wirkt: „Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.“
Wenn wir die ganze Zeit von der Gemeinde und Kirche geredet haben, gehört auch dieses mit hinzu, dass Christus der Herr der Kirche ist und er seine Kirche baut. Und das geschieht seit dem ersten Anfang in Jerusalem, dass täglich hinzugefügt werden, die gerettet werden.
Wir hier in Hannover erleben das nicht täglich. Die Gemeinde Gottes hat sich ja inzwischen über die ganze Welt ausgebreitet!
Aber es kommen täglich irgendwo auf der Welt Menschen zur Kirche hinzu. Es werden täglich irgendwo auf der Welt Menschen getauft, die in die Gemeinde eingefügt werden. Es werden täglich irgendwo auf der Welt Menschen vom ewigen Tod gerettet und dem Leib Christi eingefügt.

Liebe Gemeinde, was muss das damals in Jerusalem für eine tolle Gemeinde gewesen sein! Was müssen das für ja beinahe paradiesische Zustände gewesen sein, die dort in der ersten christlichen Gemeinde geherrscht haben!
So jedenfalls könnte man denken, wenn man den Bericht des Evangelisten Lukas hier in der Apostelgeschichte liest.
Und sicher bewegen uns dann auch so einige Fragen im Blick auf uns heute.
Aber allen Zweifeln und allen Fragen und allen Befürchtungen, die wir im Blick auf uns heute und unsere Zukunft als Kirche und Gemeinde haben, tritt der Herr mit seiner Gegenwart machtvoll entgegen! Der Herr ist noch und nimmer nicht / von seinem Volk geschieden! / Er bleibet ihre Zuversicht, / ihr Segen, Heil und Frieden. / Mit Mutterhänden leitet er / die Seinen steig hin und her. / Gebt unserm Gott die Ehre.
Amen.