22. Sonntag nach Trinitatis 23.10.2016, von P. Morrison

Die Predigt zum Mithören nach Manuskript:

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Predigt üb. Propheten Micha im 6. Kapitel
Der Beter spricht: „Womit soll ich vor den HERRN treten, mich beugen vor dem Gott der Höhe? Soll ich vor ihn treten mit Brandopfern, mit einjährigen Kälbern? Wird der HERR Gefallen haben an Tausenden von Widdern, an Zehntausenden von Bächen Öls? Soll ich meinen Erstgeborenen geben für mein Vergehen, die Frucht meines Leibes für die Sünde meiner Seele?"
Der Prophet Micha antwortet: "Er hat dir mitgeteilt, Mensch, was gut ist. Und was fordert der HERR von dir, als Recht zu üben und Güte zu lieben und bescheiden zu gehen mit deinem Gott?"

Liebe Gemeinde,         
Womit soll ich vor den Herrn treten?  Welches Opfer kann ich darbringen, das Gott annimmt?  Vor den Herrn treten, hieß für den Beter damals:  in den Tempel hineingehen, dem Gottesdienst beiwohnen und natürlich auch ein Tier- oder Pflanzenopfer darbringen.  Wir denken nicht mehr daran, solche Opfer darzubringen.  Der Gedanke aber der dahintersteht, dass wir Gott durch „ein Opfer“ gnädig stimmen könnten, ist bis auf den heutigen Tag geblieben.  Wie der Beter in diesem Text, haben wir manchmal den Gedanken, wenn uns unser Gewissen drückt, wenn wir viel zu weit gegangen sind—oder nicht weit genug.  Wir fragen uns:  „Was kann ich tun, um die Schuldgefühle loszuwerden?  Was kann ich tun, damit ich in den Spiegel schauen kann, ohne den Menschen zu verabscheuen, den ich da sehe, oder gar hier im Gottesdienst zu erscheinen, ohne mich zu schämen?  Welches Opfer kann ich bringen, welche gute Tat, welche Mühe meinerseits, welche Arbeit, welche Spende, welcher Verzicht?  Oder:  Wir haben diesen Gedanken, wenn irgendetwas im Leben im Argen liegt, schiefgegangen ist oder im Eimer ist, und wir uns nach Linderung, Veränderung, Besserung sehnen?  Welches Opfer kann ich bringen, was kann ich tun, damit Gott mir die Schmerzen nimmt, oder die Krankheit, damit er mir Arbeit gibt, damit der Umsatz im Geschäft steigt, damit die Probleme meiner Kinder, meiner Geschwister, meiner Eltern, meiner Freunde gelöst und beendet werden, damit ich wieder schlafen kann und nicht mehr weinen und mich sorgen muss und mich wieder des Lebens freuen kann?  In alledem haben wir das Gefühl, es muss oder es könnte an mir liegen, und wenn ich nur das richtige Opfer darbringe, könnte ich Gott auf meine Seite kriegen.  Womit kann ich vor Gott treten?
Michas Antwort auf diese Frage, dass man Recht üben, Güte lieben und vor Gott demütig sein soll, ist eine gute Antwort für Menschen des Alten Testaments.  Für uns Christen aber, ist das nicht die Antwort auf die Frage: „Was kann ich tun, um mein Gewissen zu entlasten, oder um Gott auf meine Seite zu kriegen?“  Die richtige Antwort auf die Frage heißt:  Nichts.  Wir können gar nichts tun.  Denn:  Gott hat die Frage schon für uns beantwortet.  Seine Antwort lautet:  Jesus Christus.  Er ist das Opfer, das für uns gebracht wurde.  Er trug die Folgen all unserer Verfehlungen und Faulheit am Kreuz, nahm sie mit in den Tod.  Und Gott hat sein großes Opfer bestätigt und bejaht, indem er Christus von den Toten auferweckt hat.  Wie kriege ich Gott auf meine Seite?  Er ist es schon.  Natürlich nicht so, dass ich alles bekomme, was ich will, sondern so, dass er bei mir ist und mich nicht alleine lässt, so schlimm es auch kommt, ja, dass er zu mir steht wie ein Vater zu seinem Kind.  So gibt er mir auch die Kraft, meine Tränen und Schmerzen durchzustehen.
Von dieser Warte aus müssen wir dann die Worte verstehen, die der Prophet spricht:  "Er hat dir mitgeteilt, Mensch, was gut ist. Und was fordert der HERR von dir, als Recht zu üben und Güte zu lieben und bescheiden zu gehen mit deinem Gott?"  Klar:  Das drückt die Erwartungen aus, die Gott noch heute an uns hat.  Aber wir erfüllen diese Erwartungen nicht, um ihn gnädig zu stimmen oder ihn rumzukriegen.  Im Gegenteil:  Wir tun es, weil das seinem Handeln an uns am besten entspricht und wir so am deutlichsten auf ihn zurückdeuten als unser Freund und Retter.  Der Prophet erwähnt hier drei Dinge:  Recht, Güte und Bescheidenheit.  Dass Recht geübt werden soll ist im Grunde genommen Gottes Erinnerung daran, dass du nicht alleine bist auf dieser Welt.  Es gibt andere Menschen, und sie haben Bedürfnisse und Träume genauso wie du.  Sich dessen bewusst zu bleiben und es auch durch dein Verhalten zu respektieren—das ist recht.  Jesus fasste es in der Bergpredigt so schön zusammen:  „So wie ihr von den Menschen behandelt werden möchtet, so behandelt sie auch.“  Wenn wir von Güte reden, dann zunächst einmal von einer Einstellung, von etwas im Herzen.  Diese Herzensgüte soll dann Frucht tragen im Alltag, und zwar in der Form von Verständnis, Vertrauen, Herzlichkeit, Anteilnahme, Liebe, Treue, Nachsicht. Zusammengefasst heißt das alles:  Dein Handeln am Mitmenschen soll geprägt sein einerseits von Rücksicht (das ist das Recht) und andererseits von herzlicher Freundlichkeit (von der Güte).  Dein Verhältnis zu Gott soll aber von der Bescheidenheit geprägt sein.  Das bedeutet u.a., dass du für ihn bereit bist:  hörfähig, aufmerksam, ansprechbar und willig, ihn zu lieben und zu ehren und zu erfreuen.  So zu leben, dass es klar ist, dass Gott dein Papa im Himmel ist und dass er eine wichtige Bezugsperson für dich ist.  An diesen drei Dingen:  Recht, Güte und Bescheidenheit sollen andere erkennen können, woher du kommst, wessen Kind du bist.  Amen.