Neujahr 01.01.2015 von Bischof Voigt

(Die Predigt zum Mithören nach Manuskript: )
(Der komplette Gottesdienst zum Hören: )

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Predigt über Lukas 4, 16-21
16 Und er kam nach Nazareth, wo er aufgewachsen war, und ging nach seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge und stand auf und wollte lesen. 17 Da wurde ihm das Buch des Propheten Jesaja gereicht. Und als er das Buch auftat, fand er die Stelle, wo geschrieben steht (Jesaja 61,1–2): 18 »Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, 19 zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.« 20 Und als er das Buch zutat, gab er’s dem Diener und setzte sich. Und aller Augen in der Synagoge sahen auf ihn. 21 Und er fing an, zu ihnen zu reden: Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.

Einleitung: zum Tag der Namensgebung Jesu
1. Das gottesdienstliche Geschehen in Nazareth
2. Die Ankündigungen des Jesaja sin erfüllt
2.1. Das Evangelium den Armen, den Blinden und Zerschlagenen
2.2. predigen den Gefangenen Freiheit
3. Das Gnadenjahr im Namen Jesu

Liebe Gemeinde,
der Neujahrstag ist bekanntlich der Tag der Namensgebung Jesu. Wir haben das kurze Evangelium vorhin gehört: entsprechend der Ankündigung des Engels wurde das Kind „Jesus“ genannt. Ich traf einmal bei einem Geburtstagsbesuch ein kleines Mädchen, das den schönen Namen „Angelina“ trug. Als ich ihr die Bedeutung des Namens erklärte, dass sie eigentlich „Engel“ heiße, seufzte die Mutter leicht und meinte: „Ach, wenn’s nur so wäre!“ Bei Jesus ist es so! Will sagen: sein Name ist wirklich Programm und er enttäuscht niemanden mit seinem Namen . Der Name Jesu ist die griechisch-lateinische Form des hebräischen Jeschua und diese Form kommt aus dem Namen Jehoschua und bedeutet: „Der Herr ist Heil / Rettung“ Die Heilige Schrift kennt mehrere Träger dieses Namens aber nur in einem ist das Heil Gottes wirklich ganz in Erfüllung gegangen: In Jesus Christus. Und indem wir „Jesus Christus“ sagen, sprechen wir das älteste Bekenntnis der Kirch aus, denn wir sagen damit, dass Jesus der „Christus“, der Gesalbte ist, der Sohn Gottes, unser Retter. Unser Predigtwort aber, liebe Gemeinde, ist diesmal das Evangelium zum Neujahrstag und es zeigt uns diesen Jesus als Retter, wie er dann als Erwachsener sein Wirken in der Öffentlichkeit Nazareths beginnt. Wir hören den Abschnitt aus St. Lukas 4, 16-21 Liebe Gemeinde, lass uns zunächst einen kleinen Ausflug in die Synagoge in Nazareth machen. Synagogen waren oft recht schlichte, meist rechteckige Versammlungsorte, die man in fast jedem kleinen Ort baute. Die Synagoge war kein Tempel, deshalb gab es keine Priester und auch kein Tieropfer. Vielmehr wurden hier an jedem Samstag die heiligen Schriften aus dem Alten Testament gelesen, aus der Thora, den 5 Büchern Mose, und auch aus den Prophetenbüchern. Jeder Mann durfte in der Synagoge lesen und Jesus zeigt, indem er sich von seinem Platz erhebt, an, dass er lesen mochte: „und ging nach seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge und stand auf und wollte lesen.“ Das durfte er, das war so üblich. Später gehen auch die Apostel in den Städten immer zuerst in die Synagogen, um zu lesen und von Jesus Christus zu predigen. Der Synagogendiener reicht Jesus das Buch des Propheten Jesaja. Jesus nimmt die große Schriftrolle aus Pergament. Pergament, das waren besonders gegerbte und zum Schrieben präparierte Tierhäute, die zunächst in einer Kalklösung aufgeweicht wurden, bevor man die Haare abschabte und das Pergament gewaschen wurde. Dann wurden etliche dieser Pergamentstücke aneinander genäht und es entstand eine lange Schriftrolle. Diese wurde an zwei langen Stäben befestigt und dann sorgfältig Buchstabe für Buchstabe mit Tinte beschrieben. Solch eine Schriftrolle war oft wertvoller, als das Synagogengebäude selbst. Zum Lesen verwendete Jesus wahrscheinlich auch einen sogenannten „Daktylos“, das war ein goldener oder bronzener Stab, mit einer kleinen Hand mit ausgerecktem Finger oben dran. Mit diesem Daktylos konnte man die Buchstaben verfolgen, ohne dabei die wertvolle Schriftrolle mit dem Schweiß der Finger zu beschädigen. So hat Jesus diesen Abschnitt aus Jesaja 61 gelesen: „»Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.«“

2. Stille! Jetzt kommt nach der Gottesdienstordnung der Synagoge die Predigt. Nun erwartete man von Jesus, dass er den Abschnitt auslege, lang und breit. Es herrscht gespannte Stille. Was würde der Zimmermannssohn Jesus hier predigen? Aber seine Predigt ist bemerkenswert kurz: „Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.“ Das ist alles! Diese Predigt ist Dynamit in den Ohren der Leute aus Nazareth. Sie haben sofort verstanden, dass dieser Jesus damit zum Ausdruck bringt, dass er der Messias, der Retter ist. Was für eine Anmaßung in den Augen der Nazarener. Deshalb treiben sie ihn auch zum Ort hinaus und versuchen ihn den Abhang hinunter zu werfen. Jesus aber geht einfach mitten durch sie hinweg.

2. 1. Dabei tun die Menschen von Nazareth im bitter Unrecht, denn Jesus ist der Retter der Welt. Das Prophetenwort, das er gelesen hat, hat er erfüllt: „zu verkündigen das Evangelium den Armen. … den Blinden, dass sie sehen sollen… den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen.“ - er hat es getan. Mit den armen Schluckern, den Bettlern und Sündern hat er sich abgegeben, die Blinden hat er sehend gemacht. Für die „Zerschlagenen“ steht hier im Griechischen wieder ein Wort, dass es als Fremdwort auch in unserer Sprache gibt: „τεθραυσμένους“. Das sind die Traumatisierten vom Bürgerkrieg in Syrien vom Terror im Irak. Denen wendet sich Jesus zu. Und er hat das sehr nachhaltig getan: er hat seinen Jüngern, seiner Kirche den Auftrag gegeben, sich um die Armen, die Bettler und die Traumatisierten zu kümmern. Tun wir das? Ich habe den Eindruck, dass wir uns zu sehr bürgerlich eingerichtet haben und es mit unserer Spende für Brot für die Welt und die Kirchenmission zufrieden geben. Es macht mich unruhig, dass die Armut in unserem Land zunimmt - ich weiß aber auch nicht genau, was man dagegen konkret und nachhaltig tun könnte. Es beunruhigt mich, dass Experten sagen, dass die Flüchtlingsproblematik in Europa zunehmen wir. Und ich habe keinen Plan, was konkret zu tun ist. Hat jemand von euch eine Idee? Gott zeige uns Wege und Möglichkeiten!

2. 2. „zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen.“ Auch darin hat sich Jesus als der wahre Retter erwiesen. Er hat durch seinen Opfertod am Kreuz uns aus der Gefangenschaft von Schuld und Sünde befreit. Von Friedrich dem II. wird folgende Geschichte erzählt, dass er einmal eines seiner Gefängnisse besucht habe, um mit den Gefangenen zu sprechen. Er fragte sie alle, warum sie im Gefängnis säßen. Alle beteuerten ihr Unschuld. Ein einziger sagte, dass er schuldig sei und bekannte, was er getan hatte. Darauf soll Friedrich II. gesagt haben: „Was will er hier unter all den Unschuldigen? Geh er heim, er ist frei!“ Christus predigt uns, die wir in Schuld und Sünde gefangen sind, dass wir frei sein sollen. Du bist frei! Die Kerkertüren des Lebens sind offen, du bist frei! „Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.“

3. Und schließlich liest Jesus Christus hier bei Jesaja von der Verkündigung des „Gnadenjahres des Herrn.“ In Israel gab es die bemerkenswerte Vorschrift, dass alle 50 Jahre ein „Erlassjahr“ stattfinden sollte. „Und ihr sollt das fünfzigste Jahr heiligen und sollt eine Freilassung ausrufen im Lande für alle, die darin wohnen, es soll Erlassjahr für euch sein. Da soll ein jeder bei euch wider zu seiner Hab und zu seiner Sippe kommen.“ So heißt es im dritten Buch Mose. (3. Mose 25,20) Dieses Jahr nannte man das „Jobel-Jahr“ (יֹובֵ֥ל). Unser deutsches Wort „Jubiläum“ kommt von diesem „Jobel-Jahr“. In einer Redensart sagen wir auch, dass etwas „Jubeljahre“ mal vorkommt. Stellt euch dass mal vor: 2015 würde die Bundesregierung zum Jobel-Jahr erklären und alles dein Bankschulden erlassen. Geistlich gesehen und vom Glauben her wird 2015 ein Jubeljahr: Alle deine Schuld ist erlassen. Du bist frei. „Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.“ Durch Jesus Christus! Amen.