Jubilate 26.4.2015, von P. Heyn

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Predigt üb. Joh 15,1-8
Jesus sprach zu seinen Jüngern: „Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie müssen brennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.“

Liebe Gemeinde,
das Jahr 1888 muss ein schlechtes Jahr für den Weinanbau in Deutschland gewesen sein. Ich kenne mich zwar nicht mit Weinanbau aus, weiß aber, dass der Zuckergehalt der Trauben in Grad Öchsle gemessen wird. Der Zuckergehalt bzw. die Süße der Trauben muss in dem genannten Jahr so niedrig gewesen sein, dass ein mir nicht näher bekannter Dichter mit dem schönen Namen Johannes Trojan ein Lied auf diese „sauren“ Weine gedichtet hat: „Die achtundachtziger Weine“. Darin werden die verschiedenen deutschen Weinanbaugebiete aufgezählt und der „saure“ Wein besungen. Unter anderem geht es auch um den Wein, der in und um die Stadt Grünberg, die heute in Polen liegt, angebaut wurde. „Aber der Grüneberger / ist noch sehr viel ärger …“ Obwohl es in unserer sozialistischen Schule totgeschwiegen wurde, dass Grünberg früher mal eine deutsche Stadt war, gerade einmal 50 km östlich von Guben gelegen, lernten wir diese Zeile von unserem Geschichtslehrer. Um Weinanbau geht es auch in unserem heutigen Evangelium. Allerdings viel grundsätzlicher als in dem eben zitierten Lied. Da wird nicht nur der Öchsle-Grad gemessen, sondern es geht um den ursächlichen Zusammenhang von Weinstock und Reben, damit überhaupt Wein zustande kommt. Jesus redet wieder in einem Bild, ganz ähnlich wie vorigen Sonntag im Evangelium vom guten Hirten. Er selbst, Jesus, ist der Weinstock, wir seine Gemeinde, sind die Reben, die am Weinstock wachsen. Und interessanterweise ist Gott der Vater auf diesem Beispielbild der Weingärtner. An anderer Stelle sagt Jesus: „Ich und der Vater sind eins.“ Hier allerdings scheint es einen Unterschied zu geben. Der Zusammenhang ist klar: Die Reben müssen mit dem Weinstock fest verwachsen sein. Ja, wenn man an das Bild denkt, dann ist klar, sie wachsen aus ihm heraus. Sie können nur in lebendiger und heiler Verbindung zum Weinstock ihre Frucht hervorbringen. Der Weingärtner, der Winzer hegt und pflegt seine Rebstöcke, er schaut danach, ob die Reben alle eine gute Verbindung zum Weinstock haben. Abgeknickte, gebrochene, wilde Reben werden abgeschnitten, damit sie nicht unnötig Kraft aus dem Weinstock ziehen. Dieses Bild überträgt Christus auf unser Verhältnis zu ihm: So, wie die Reben am Weinstock bleiben, damit sie schöne süße Trauben hervorbringen können, so soll unsere Verbindung zu Christus sein. Ist diese Verbindung zerstört, dann hat das eine ganz klare, ja knallharte Konsequenz: Trennung von Christus für immer und Verbranntwerden im Feuer. In dem ansonsten ganz schönen Bild ist das eine erschreckende Komponente! Die sollten wir nicht außer Acht lassen! Ich will drei Gedanken herausgreifen und kurz näher auf sie eingehen:

1.) Die Frage der Reinheit,
2.) Die Frage der Bitten,
3.) Die Frage der Verherrlichung des Vaters.

1.) Also zuerst: Die Frage der Reinheit. Vom Weingärtner wird gesagt, dass er die guten Reben, die also, die Frucht bringen, reinigen wird. Wie gesagt, ich habe vom Weinanbau keine Ahnung, deshalb weiß ich nicht, was ein Winzer da macht. Aber denkbar ist ja das, was man auch sonst aus dem Pflanzenbau kennt: im Herbst zurückschneiden, welke Blätter entfernen, neue Triebe anbinden, ihnen eine Wuchsrichtung geben, die Pflanzen gießen, Unkraut jäten, die Erde hacken, düngen. So etwas stell ich mir da vor. Das alles macht ein Gärtner, damit seine Pflanzen noch besser wachsen und schöner blühen, mehr Frucht geben. „ …eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen“. Und jetzt kommt plötzlich dieser Satz: „Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.“ Jesus verlässt sein eigenes Bild und sagt etwas ganz Entscheidendes. Das Wort Gottes, das Wort Jesu, das unter uns laut wird, das wir lesen und hören, bewirkt etwas bei uns, nämlich dass wir rein sind. Damit ist nicht gemeint, dass wir alle frisch geduscht sind ohne den Wasserhahn zu betätigen, sondern wir sind rein vor Gott, in seinen Augen. Um wieder ins Bild zu gehen: Wir sind gute Reben. Solche, die Frucht bringen und gehegt und gepflegt sind, damit wir mehr Frucht bringen. Indem wir das Wort Gottes hören, werden wir gereinigt wie die Reben durch den Winzer. Gottes Wort ist nicht nur einfach eine nette Geschichte, sondern es ist an uns und in uns wirksam. Es wirkt wie die Schere des Winzers, der welkes Laub und wilde Triebe abschneidet. Es tut kurz weh, aber danach kann die Rebe, umso besser weiterwachsen und ganz wunderbar große, saftige, süße Trauben hervorbringen! Weil sie in fester Verbindung mit dem Weinstock ist und vom Winzer gereinigt wurde. Ein Geheimnis Gottes!

2.) Unser zweiter Gedanke: Die Frage der Bitten. „Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.“ Wieder „fällt“ Jesus aus seinem eigenen Bild raus. Gerade noch ging es um die Reben, die eine feste Verbindung zum Weinstock brauchen, jetzt geht es um seine Worte, die in uns bleiben sollen. Offenbar sind die Worte Jesu, ist das Wort Gottes, der Lebenssaft, der durch die Adern des Weinstocks in die Reben läuft. Und dort angekommen soll der Lebenssaft etwas bewirken, nämlich das Wachstum der Früchte. Die Reben ziehen aus dem Weinstock die Nährstoffe, damit an ihnen tolle Trauben wachsen können. So, in derselben Weise sollen wir Gott bitten, wie die Reben Lebenssaft und Nährstoffe aus dem Stock saugen. „… werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.“ Kann man das glauben? Ist das überhaupt vorstellbar? In der Geschichte von Mark Twain fragt Huckleberry Finn seinen Kumpel Tom Saywer, ob er Gott um einen Angelhaken bitten dürfe. Bisher hatte das nicht geklappt. Die Frage wird dort nicht beantwortet. Das hat mich schon als Kind immer beschäftigt. Heute bin ich mir sicher, wenn ich einen Angelhaken brauchen würde, also wirklich brauchen würde, dann könnte ich Gott darum bitten, und er würde ihn mir geben. Vielleicht würde der anders aussehen, als handelsübliche Angelhaken. Oder Gott würde mir etwas vor die Füße legen und in die Hände geben, was tausendmal besser ist als ein Angelhaken. Aber dieser Satz ist genauso gemeint, wie ihn Jesus gesagt hat: „… werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.“ Ein Geheimnis Gottes.

3.) Unser dritter Gedanke: Die Frage der Verherrlichung des Vaters. Am Ende seiner kleinen Beispielgeschichte kehrt Jesus in sein Bild zurück. „Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.“ Es kommt noch einmal der Weingärtner ins Spiel. Sein wirtschaftlicher Erfolg, sein Ansehen bemisst sich daran, wie groß und süß seine Ernte ist. Je höher der Öchslegrad der Trauben ist, desto schwerer und vollmundiger wird der Wein, der am Ende daraus gewonnen wird. So etwas spricht sich unter Weinkennern herum, wenn der Jahrgang ein besonders guter war. Der Wein wird dann richtig teuer. Genauso ist es bei Gott. Er wird gelobt, in höchsten Tönen gepriesen, wird weiterempfohlen, gilt als Geheimtipp, wenn sein Wein besonders gut ist. Das heißt doch mit anderen Worten: Das Ansehen Gottes hängt davon ab, was wir tun, ob wir gute Früchte hervorbringen, in seinem Sinn handeln. Damit wir noch besser verstehen, was damit gemeint ist, sagt Jesus diesen letzten kleinen Nebensatz: „…und werdet meine Jünger.“ So wie die Jünger damals ihrem Herrn nachgefolgt sind, so sollen wir es heute tun. Alles daran setzen, ihm immer ähnlicher zu werden. Das gelingt nur, wenn wir eine ganz starke und gesunde und intensive Verbindung zu ihm haben, zu unserem Weinstock, zu seinem Wort. Und damit das gelingt, lässt er selbst uns das Wort immer wieder sagen in der Predigt – und damit es nicht so trocken ist – im heiligen Abendmahl verborgen unter Brot und Wein. Ein Geheimnis Gottes. Liebe Gemeinde, die deutschen Weine aus dem Jahr 1888 müssen so „sauer“ gewesen sein, dass es einem buchstäblich die Schuhe ausgezogen hat. Das eine Lied von Johannes Trojan erzählt davon. Der Wein, den der Weingärtner in unserer Beispielgeschichte erzielt, ist so gut, dass darauf jede Menge Lieder gedichtet wurden. Die Bücher mit Lobliedern auf unseren Gott werden immer mehr! Zum Lob Gottes gehört auch unser Dank für den Ort, an dem er uns sein heiliges Wort sagen lässt: das ist unsere kleine Kirche hier. Seit 128 Jahren. Ein Geheimnis Gottes. Amen.