Estomihi 15.2.2015, von Bischof Voigt

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Predigt üb. Markus 8,31-39
31 Jesus fing an, sie zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen. 32 Und er redete das Wort frei und offen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren. 33 Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Geh weg von mir, Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist. 34 Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. 35 Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten. 36 Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden? 37 Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse? 38 Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem abtrünnigen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln.

Disposition
Einleitung
1. Das Kreuz auf sich nehmen V 34
2. von der Paradoxie des Glaubens V 35
3. Die Seele gewinnen V 36
Schluss

Einleitung:
Ernst Ginsberg, liebe Gemeinde, war ein seinerzeit berühmter Schauspieler und Hörspielsprecher. Er starb 1964 in der Schweiz. Er war katholischer Christ jüdischer Herkunft und musste deshalb 1933 aus Deutschland in die Schweiz flüchten. In Zürich spielte er große Rollen. Als berühmter Schauspieler war er wie kaum ein anderer mit seinem Beruf auf die Sprache der Stimme und Ausdruck des Körpers angewiesen. Da erkrankte er an einem degenerativen Nervenleiden, das ihn zunächst an den Rollstuhl fesselte, dann völlig erlahmen ließ. Als er sich schon nicht mehr bewegen und nicht mehr sprechen konnte, beginnt er Gedichte zu verfassen und diktierte diese seiner Pflegerin mit Hilfe des Morsealphabets, mit den Augenlidern zwinkernd. Ich lese eines dieser Gedichte:
Ernst Ginsberg „Dem kranken Freunde
Als ich die Sprache verlor, hab ich die Sprache gefunden
Also sei Gott uns gnädig: Wir Sterbenden werden gesunden.“

Was für eine Geschichte, liebe Gemeinde! Das muss man sich vor Augen führen: Da liegt einer im Bett und kann nichts mehr, als mit den Augenliedern zu wackeln und schreibt als Christ solch ein Gedicht für seinen kranken Freund! Über den Sinn des Leidens ist heute zu predigen.

1. Das Kreuz auf sich nehmen:
Christus spricht: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ Ich weiß ja nicht, wie es dir heute Morgen hier in der Kirchenbank so geht - ich hoffe gut. Du freust dich auf einen erholsamen Sonntag und die Sonne scheint - wenigstens in deinem Herzen. Das soll dir diese Predigt nicht nehmen, dass will dir Christus nicht nehmen, denn es gilt genau zu lesen: Es heißt hier: „der nehme sein Kreuz auf sich.“ Es heißt ja nicht „der suche sich ein Kreuz“ oder „der mache eine traurige Miene, wenn es ihm gut geht.“ Nein, sei fröhlich, wenn du fröhlich bist und Christus will deine Freude vertiefen und zu ewiger Freude machen. Die guten Tage unseres Lebens genießen wir Christen und freuen uns daran in vollen Zügen. Wenn wir aber dann dem Leid begegnen, wenn „unser Kreuz“ kommt, dann laufen wir nicht davon. Das meint das Wort „Selbstverleugnung“. Als ich junger Vikar kurz nach der Wende in Cottbus war, da machte mich mein Vikarsmentor mit Herrn Flieger bekannt. Herr Flieger arbeitete im Schlachthof und borgte sich zum Monatsende immer 20 Mark, die er dann aber am Zahltag immer zurückgab. Eines Tages machten meine Frau in ich bei Herrn Flieger und seiner Lebensgefährtin, Frau Noack, Gott hab sie beide selig, einen Besuch. Und da hat Gott uns ein bisschen Selbstverleugnung zu lernen gegeben. An einem hellen und sonnigen Tag betraten wir ein vom Rauchen völlig schwarzes Zimmer, in dem es grauenhaft roch und noch grausiger aussah. Teer floss in Tropfen von den Fensterscheiben. Ich wollte ausreißen und weglaufen und redete mir selbst zu: „Nein, du bleibst hier! Das ist auch das Leben. Den Würgereiz im Hals musst du nicht haben.“ Das war eine winzig kleine Lektion in Selbstverleugnung, die ich nicht vergessen werde. Nicht davonlaufen - wenn das Kreuz, das Leiden, kommt. - Gott, schenke mir und dir die Kraft dazu, wenn es einmal ernst wird!

2. Die Paradoxie des Glaubens:
Christus spricht weiter „Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten.“ Das ist widersinnig, eben paradox. Hier in Hannover hat es Anfang des letzten Jahrhunderts an der Leibnitzuniversität einen jüdischen Philosophen gegeben, der zu Unrecht fast in Vergessenheit geraten war. Den Namen muss man sich aber merken: Theodor Lessing. Theodor Lessing hat sich mit der Deutung von Geschichte befasst und festgestellt, das es eigentlich keine Höherentwicklung der Geschichte, sondern immer eine bestimmte Not war, auf die Menschen reagieren. Zum Beispiel die Kälte des Nordens beflügelt die Vorratswirtschaft, der wir unseren Wohlstand verdanken. Die grauenhaften Leiden des Krieges führen dazu, dass Penizillin entwickelt wird. Theodor Lessing spricht von einer „Philosophie der Not“. Wenn dieses Paradox schon im menschlichen besteht, wievielmehr im Glauben? Jesus Christus selbst hat uns dieses Vorbild im Widerspruch gegeben: Er hat sein unsterbliches Leben verloren und ist gestorben. Und gerade in dieser Not entsteht seines Todes wächst ewiges Leben. Sein Tod ist unser Leben - das ist schon paradox! Wenn das so ist, liebe Gemeinde, dass in der Not, im Leiden neues und ewiges Leben entsteht, dann ist auch dein Leiden nicht wertlos oder sinnlos. „wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten.“ Wie in Ginsbergs Gedicht: „Als ich die Sprache verlor, hab ich die Sprache gefunden Also sei Gott uns gnädig: Wir Sterbenden werden gesunden.“

3. Die Seele gewinnen:
Christus spricht weiter: „Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden? 37 Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse?“ Liebe Gemeinde, auch dies liegt ja schon in unserem menschlichen Erfahrungsbereich. Wenn Menschen einen Lottocheckpott gewinnen, begeben sie sich eigentlich in ganz große Gefahr. Es ist häufig der Fall, dass ein ganzes Leben aus den Fugen gerät. Die Lottogesellschaften bieten ab einer bestimmten Gewinnsumme eine Beratung an, denn die Erfahrung sagt: Wer eine Welt gewinnt, kann seine Seele verlieren. Was Christus hier sagen will, liegt im Umkehrschluss: Wer diese Welt verliert, weil er das Evangelium verkündigt, weil er für das Evangelium leiden muss, der gewinnt seine Seele. Und dann stellt Jesus diese Frage: „was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse?“ Jesu Leben und Leiden selbst gibt darauf die Antwort: Nichts können wir geben - er gibt alles. Er, Jesus Christus, ist unser Leben. Er ist ds Leben unserer Seele, unsere Ewigkeit.

Schluss:
Ernst Ginsberg, liebe Gemeinde, war ein seinerzeit berühmter Schauspieler und Hörspielsprecher. Er starb 1964 in der Schweiz. Er war katholischer Christ jüdischer Herkunft. Nur noch mit den Augen das Morsealphabet zwinkernd diktiert er auch folgendes Gedicht:
„Duell
Ich werde dir zeigen, was ich kann spricht der Tod: Ich mache aus dir einen Jammermann in der Not. Ich werde dir zeigen, was der Mensch ist spricht das Herz: In Jammer zerbrechend bleibt er ein Christ auch im Schmerz.“

Das schenke uns Gott! Amen.