Adventsandacht 2.12.2015, von P. Gottfried Heyn

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Predigt über Lk 1,26-38
Zu der Zeit wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr sei mit dir! Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.
Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß? Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

Liebe Gemeinde,
dieser kleine Abschnitt aus dem Anfang des Lukasevangeliums gehört noch nicht zur eigentlichen Weihnachtsgeschichte, ist aber ein ganz wichtiger und unverzichtbarer Bestandteil ihrer Vorgeschichte.

Drei Gedanken greife ich heraus, die mir wichtig zu sein scheinen, und will diese kurz ansprechen.
1.) die Verkündigung an Maria durch den Engel,
2.) der Skandal der unehelichen Geburt,
3.) der Gehorsam der Maria.

1.) die Verkündigung an Maria durch den Engel. In der kirchlichen Kunst ist dieses Motiv mehrfach zu finden. Wesentliche Momente der Szene werden von den Künstlern auch treffend dargestellt. Jedoch beschleicht mich immer der Gedanke, dass die ganze Dramatik und Tragweite dieser Szene nicht erfasst wird, nicht anschaubar wird. Vielleicht liegt das aber nicht nur an den Künstlern, sondern an dem Geschehenen selbst.
Wie muss der armen Maria damals zumute gewesen sein, als plötzlich der Engel des Herrn zu ihr kam und ihr die größte Ungeheuerlichkeit mitteilte, die man sich als ein Mensch, der dem Volk Gottes angehört, überhaupt vorstellen kann!
Versuchen wir uns da ein bisschen hineinzudenken, hineinzufühlen! Nicht nur was der Engel der Maria dort verkündigt hat, war und ist ungeheuerlich, sondern auch das Wie. Sie sollte den Sohn Gottes zur Welt bringen! Das grenzt an Gotteslästerung! So etwas war in jüdischer Denkweise nicht vorstellbar – ganz zu schweigen von uns nachaufklärerischen Menschen, die sowieso alles für uns Unerklärliche als Märchen abtun.
Aber auch das Wie ist ungeheuerlich. Bestimmt hat der Engel ganz freundlich und liebevoll mit Maria geredet und ihr behutsam seine Nachricht überbracht. Und trotzdem ist mir allzu verständlich, dass Maria erschrocken war über den Besuch des Engels, über seinen Gruß, über seine Botschaft.
Gott griff ungefragt in ihr Leben ein und veränderte es grundlegend.
Wenn heute nach den Terroranschlägen von Paris und auch früher schon gesagt wurde „Nichts wird mehr so sein, wie es war.“ – und keine drei Wochen später sind wir wieder in unserem Alltagstrott, dann frage ich mich, ob sich hinter dieser Aussage eine Sehnsucht oder eine Angst von uns Menschen verbirgt.
Nach dem machtvollen, man könnte auch sagen gewaltsamen Eingreifen Gottes in das Leben der Maria, da gilt dieser Satz wirklich: „Nichts ist mehr so, wie es einmal war.“
Gott greift in unser Leben ein – vielleicht nicht so wie bei der Mutter Maria. Schließlich ist die Geburt Jesu eine einmalige Sache gewesen. Aber es könnte ähnlich ungefragt und machtvoll und gewaltsam sein.
Es könnte sein, dass wir Gottes Eingreifen in unsere Leben auch so erleben. Aber über eins darfst du dir immer im Klaren sein, Gott wird nie so handeln, dass es über deine Kraft geht, oder er dich auslöscht und völlig zerstört und er dich allein lässt.  Das hat er mit Maria auch nicht getan.

2.) Ganz schnell der zweite Gedanke: der Skandal der unehelichen Geburt. Immer wieder haben Theologen versucht, sich aus diesem Skandal herauszureden. Maria sei keine Jungfrau gewesen. Es gäbe einen Übersetzungsfehler oder das könne doch so nicht gemeint sein.
Ich bin der Überzeugung, dass es genauso war und gemeint war, wie es da steht. Maria war eine Jungfrau und sie war nicht verheiratet, sondern maximal verlobt und in ihrer Zeit und der damaligen Gesellschaft war eine uneheliche Geburt ein Skandal.
So sehr ist Gott in unsere Menschheit eingegangen, dass er auch nicht Halt macht vor den Schwierigkeiten und Problemen und Verletzungen und Verurteilungen, in denen wir Menschen so verstrickt sind und mit denen wir uns das Leben gegenseitig manchmal sehr schwer machen.


Und 3.): der Gehorsam der Maria. Vielleicht hat Maria in Bruchteilen von Sekunden erfasst, was da auf sie zukommt und die schlimmsten Befürchtungen durchlitten. Wir wissen es nicht.
Vielmehr wird uns am Ende der Szene mitgeteilt, wie Maria sich gehorsam in den Willen Gottes gefügt hat. Dieser Gehorsam, diese Geduld, dieses Sich-in-den Willen-Gottes-fügen – das fällt uns oft so schwer. Aber das kann man einüben und lernen und trainieren. Und durch diesen Gehorsam der Maria kommt die mehr als dramatische Geschichte von der Ankündigung der Geburt des Herrn durch den Engel eine friedlichen, eine ruhigen Abschluss.

Dazu will Gott uns auch in dieser Adventszeit wieder anleiten. Amen.