4. Sonntag nach Trinitatis 28.6.2015, von P. Heyn

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Predigt üb. Lk 6,36-42
Jesus sprach: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt, Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen.“ Er sagte ihnen aber ein Gleichnis: „Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? Der Jünger steht nicht über dem Meister; wenn er vollkommen ist, so ist er wie sein Meister. Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!“

Liebe Gemeinde,
dieser kleine Abschnitt aus der von Lukas überlieferten Version der Bergpredigt hat es in sich. Verständliches und auf den ersten Blick oder vielleicht auch bei längerem Hinsehen und Nachdenken Unverständliches stehen ganz nah beieinander. Ich will mir nicht anmaßen zu meinen, dass ich euch alles erklären könnte. Aber ich möchte gern versuchen, ein paar wesentliche Gedanken aufzunehmen. Unser Predigttext gibt uns eine Gliederung vor, an der ich entlanggehen möchte. Wer mag, kann den Text vorn im Gesangbuch mitverfolgen. Die drei Teile des Textes habe ich so überschrieben:

1.) Großzügigkeit und ihr Lohn
2.) Das Gleichnis mit den zwei Bildern
3.) Die Sache mit dem Balken im Auge

1.) Großzügigkeit und ihr Lohn. Es ist in euren Ohren wahrscheinlich eher ein unbiblischer Begriff, wenn ich von Großzügigkeit rede. Mir ist ehrlich gesagt aber kein besserer eingefallen. Ich wollte die fünf Imperative, die fünf Aufforderungen, die Jesus hier ausspricht, zusammenfassen: „Seid barmherzig, richtet nicht, verdammt nicht, vergebt euch einander, gebt gern etwas ab!“ Auch wenn uns das Geforderte im Einzelfall vielleicht nicht so leichtfällt – es gehört auf jeden Fall zu den verständlichen Anteilen der Predigt Jesu. Ein bestimmtes Verhalten wird eine bestimmte Folge haben, und zwar für denjenigen, der sich nach diesen Forderungen richtet. Das ist schon ganz außerordentlich, das einmal so in aller Deutlichkeit zu hören! Denn unsere Erfahrung zeigt uns doch das Gegenteil! „Ich bin dankbar gewesen. Ich habe selbstlos alle Arbeiten erledigt ohne mich zu beschweren. Ich habe mich immer gebremst, wenn es etwas umsonst gab, und lieber verzichtet. Und was ist der Dank dafür? Was hat es mir gebracht? Nichts, null Komma nichts! Undank ist der Lohn, den die Welt für mich bereit hat, wie ja schon das Sprichwort sagt!“ Solche Gedanken kennen wir doch alle. Oder? Und die damit verbundenen Gefühle kennen wir noch viel besser, selbst wenn man sie nicht zeigt oder nicht drüber reden will. Der Herr Christus sagt uns heute das genaue Gegenteil unserer Erfahrung. „Ja, weiß der eigentlich, wovon er redet? Er hat auf jeden Fall gut reden! Soll er sich doch mal mit den ganzen alltäglichen Widrigkeiten abplagen!“ Und genau das hat er gemacht. Als er der Zimmermannssohn aus Nazareth wurde, da hat er sich in die Niedrigkeiten und Widrigkeiten unseres menschlichen Alltags hineinbegeben. Er weiß sehr gut, was uns unsere Erfahrung lehrt, und dass wir ihm seine gegenteiligen Aussagen wahrscheinlich nicht so recht abkaufen wollen. Aber Jesus hat den größeren Überblick als wir. Er schaut aus der Ewigkeit in unsere Zeit. Wir überblicken ja knapp das eigene Leben – und davon auch nur den Teil, den wir schon hinter uns haben. Was morgen ist, was in einer Stunde sein wird, das wissen wir nicht. Jesus weiß, dass es sich für uns am Ende lohnt, seine Forderungen in unserem Leben umzusetzen. Denn – und das ist für mich zumindest eher ein unverständlicher Teil der Predigt des Herrn: nicht nur, dass unser Handeln bestimmte Folgen für uns hat, sondern es wird sich so unvorstellbar gut für uns auswirken, wenn wir nach den Forderungen Jesu leben: „Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben.“ Wir kriegen etwas geschenkt! Und auch das ist im Deutschen sprichwörtlich geworden: „Da ist dem- oder derjenigen aber etwas in den Schoß gefallen!“ Man weiß gar nicht so richtig, wo es herkommt und schon gar nicht, warum einem etwas in den Schoß gefallen ist. Aber es ist plötzlich da! Was ist wirklich im einzelnen mit diesem vollen, gedrückten, geschüttelten und überfließenden Maß gemeint? Jesus erklärt es hier nicht. Es bleibt in gewisser Weise offen. Oder eben auch ein Geheimnis. Das ist ja oft so bei den Dingen, die einem in den Schoß fallen – sie sind ein bisschen auch von einem Geheimnis umgeben. Man könnte hier das Wort „Segen“ einsetzen, aber nur um das eine schwer beschreibbare durch ein anderes schwer beschreibbares zu ersetzen. Über den Segen Gottes können wir mit Sicherheit das Eine sagen: Er bedeutet für uns immer etwas Gutes! Und er fällt uns in den Schoß. Wir haben dafür nichts getan, wir wissen auch nur in Umrissen, wo er herkommt, aber er ist plötzlich da!

2.) Das Gleichnis mit den zwei Bildern. Es dient der Erklärung des kleinen Forderungskatalogs vom Anfang. Aber es bleibt auch rätselhaft. Jesus gebraucht hier zwei Bilder, die jedes für sich gut verständlich sind. Wenn der, den du nach dem Weg fragst, genauso blind oder ahnungslos oder hilflos ist wie du, dann wirst du nicht an dein Ziel kommen. Verständlich. Wenn ein Schüler irgendwann einmal genauso viel Erfolg hat wie sein Lehrer, dann hat er ihn eingeholt, dann ist er genauso gelehrt, steht mit ihm auf derselben Stufe. Aber eben nicht höher. Auch das ist noch halbwegs verständlich. Aber in welcher Weise sollen diese Bilder die Forderungen vom Anfang erklären? Das erscheint mir dann doch reichlich unverständlich! Vielleicht muss man die Frage beantworten, die Jesus dort stellt: „Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen?“ Antwort: „Nein!“ „Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?“ Antwort: „Ja!“ Also lernt daraus und handelt danach! Suche nach den Leuten, die dir den Weg richtig weisen können, also nach solchen, die sehen können. Und sei du selbst nicht so anmaßend von dir zu denken, du könntest hier allen sagen, wo es langgeht, obwohl du keinen blassen Schimmer hast. Denn selbst, wenn man alles wüsste, man würde trotzdem nicht mehr wert sein, als der oder die, von denen man sein Wissen gelernt hat. Zum Stichwort Großzügigkeit aus dem ersten Teil kommt jetzt das Stichwort „Realismus“ oder „realistische Selbsteinschätzung“ hinzu. So eine realistische Selbsteinschätzung, wie sie hier gemeint ist, beinhaltet auch, dass man sich selbst ein Spur weniger wichtig nimmt.

3.) Die Sache mit dem Balken im Auge. So lautete das Thema des Frauentreffens vor einer Woche in Loccum. Da haben wir uns einen Tag lang mit der Frage beschäftigt, wie das ist, mit dem kleinen Splitter im Auge unseres Mitmenschen, und mit dem großen Balken, oder wie dort einer gut gesagt hat, mit dem Brett vor dem Kopf. Man könnte ja denken, dass es hier nur um den erhobenen Zeigefinger geht! Du sollst den anderen nicht richten oder verdammen, weil du selbst noch viel Schlimmeres auf dem Kerbholz hast! Mag sein, dass es zu Anfang so rüberkommt. Aber es steckt ja noch etwas anderes drin. Gerade, weil wir wahrscheinlich ein riesengroßes Brett vor dem Kopf haben, einen großen Balken im Auge, sollen wir nicht aufhören, dem anderen zu helfen! Das sollen wir tun, immer in dem Bewusstsein, dass wir nicht Gott sind, dass wir uns auch nicht dazu aufschwingen sollen, wie Gott sein zu wollen. Sondern es ist viel besser, wenn wir unsere eigenen Fehler und Schwächen und Probleme sehen und ernstnehmen und uns von unseren Mitmenschen, von den Mitchristen zurechthelfen lassen. Zu den Stichworten „Großzügigkeit“ und „Realismus“ setze ich als drittes noch „Ehrlichkeit“. Liebe Gemeinde, das sind keine biblischen Begriffe. Das ist mir bewusst. Und vielleicht ist es euch auch so in Fleisch und Blut übergegangen, nach diesen Grundsätzen zu handeln. Dann ist ja alles gut! Wenn nicht, dann lasst euch heute wieder daran erinnern. Nehmt diese Forderungen und Anweisungen unseres Herrn zum Handeln mit in eure Woche. Und lasst euch überraschen und beschenken von dem vollen, gedrückten, gerüttelten und überfließenden Maß, dass euch aus Gottes Hand in den Schoß fallen wird. Amen.