20. Sonntag nach Trinitatis 18.10.2015, von P. Heyn

Die Predigt zum Mithören nach Manuskript:

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Predigt üb. Mt 5,5
Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.

Lieber Siavash,
liebe Familie Moghimi,
liebe Gemeinde,
„Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.“ Diesen Satz aus den so genannten Seligpreisungen der Bergpredigt haben wir Siavash als Taufspruch mit auf seinen Lebensweg gegeben.
Dieser Satz hat zwei Teile, auf die ich kurz eingehen möchte, und zwei Blickrichtungen, die ich kurz benennen möchte.
Der erste Teil des Satzes lautet: „Selig sind die Sanftmütigen.“ Sanftmut ist ein altmodisches deutsches Wort. Und genauso altmodisch ist vielleicht auch das, was wir damit meinen. Neudeutsch reden wir eher davon, dass jemand „soft“ ist oder sich „soft“ gibt. Aber das hat schon einen so leicht negativen Beigeschmack. Sanftmut kommt vielleicht in der Sprache von Liebenden vor, um den besonderen Umgang der beiden miteinander zu charakterisieren. Sanftmut ist keine Tugend, die unter uns besonders populär ist. Mut zur Sanftheit, zum Sanftsein ist in der Regel nicht gefragt. Wobei vielleicht gerade die Abwesenheit von Sanftmut, die Sehnsucht nach ihr größer werden lässt!?
Das ist nur eine Vermutung.
Auf jeden Fall spricht Jesus hier in der Bergpredigt von den Sanftmütigen. Sie gelten bei ihm etwas. In seinen Augen sind sie etwas Besonderes. Und deshalb nennt er sie in einer eigenen Seligpreisung.
Vielleicht sind damit ja in irgendeiner Weise diejenigen gemeint, die sich von den Trends, die bei uns Menschen herrschen und die unsere Verhaltensweisen und unser Miteinander charakterisieren, abheben, die sich innerlich schon auf den Weg hin zu Gott gemacht haben. Auf jeden Fall scheint Sanftmut etwas zu sein, was anzustreben ist, eine Herzenshaltung, die Gott und dem anderen freundlich, liebevoll und ohne Hintergedanken gegenübertritt.
Menschen, die so sind oder sich in die Sanftmut einüben, denen wird nun eine ganz eigenartige Verheißung zugesprochen. Und damit sind wir beim zweiten Teil des Satzes: „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.“
Eigenartig! Ist nicht das Ziel des Glaubens, zu Gott zu gelangen und diese vergehende Welt zu verlassen? Und nun wird von den Sanftmütigen gesagt, sie sollen das Erdreich besitzen? Wie passt das denn zusammen?
Auf den ersten Blick passt es gar nicht zusammen. Und doch ist es so gemeint, wie Jesus es gesagt hat. Man kann es sich gut verdeutlichen, wenn wir uns das Gegenteil vorstellen – und dazu brauchen wir nicht allzu viel Phantasie: Diejenigen, die mit Gewalt, das heißt mit Panzern und Raketen und menschenverachtendem Terror und Methoden, die gegen alle Gebote Gottes verstoßen, ein Land erobern und besitzen wollen, das Land und die darin lebenden Menschen unterdrücken, misshandeln, verfolgen, foltern und töten, die werden niemals auf Dauer dieses Land besitzen. Das ist bisher immer so gewesen. Wer nicht mit Gerechtigkeit und unter Beachtung der Gebote Gottes handelt und regiert und seinen Besitz erhalten will, der muss ständig darum kämpfen, der ist nicht frei, offen und ehrlich damit umzugehen, und – vor allem – der bekommt keinen Blick dafür, das alles, was wir im Leben haben, letztlich ein Geschenk Gottes ist. Wer auf dieser Erde und in diesem Leben  etwas besitzt, der hat es von Gott. Denn das glauben wir als Christen, dass Gott nicht nur der Schöpfer und Erhalter unserer Welt und unseres Lebens ist, sondern auch der Eigentümer. Ihm gehört die Welt, das Erdreich, die Menschen.
Mit so einer Auffassung müssen wir unweigerlich bei unseren Mitmenschen und vielleicht auch in unserem eigenen Denken an-ecken.
Die Sanftmütigen werden das Erdreich besitzen – in großer Freiheit, ohne Gewalt und immer in dem Wissen, das es Gottes Geschenk ist.

Die zweite Blickrichtung dieses Satzes will ich auch noch kurz nennen: Jesus spricht davon, wer selig wird. Es geht also auch um das Ziel unseres Glaubens. Und da kann man dann auch daran denken, dass er verheißen hat einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen. Diese neue Erde werden auf jeden Fall die Sanftmütigen besitzen – im Unterschied zu der alten Welt, auf der wir jetzt noch leben und die untergehen wird.
Lieber Siavash, wir freuen uns, dass Du heute getauft worden bist und dass Dir diese Verheißung zugesprochen wurde durch unseren Herrn und Heiland. Amen.