10. Sonntag nach Trinitatis 09.08.2015, von P. Heyn

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Predigt üb. Lk 19,41-48
Als Jesus nahe hinzukam, sah er die Stadt Jerusalem und weinte über sie und sprach: „Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist’s vor deinen Augen verborgen. Denn es wird eine Zeit über dich kommen, da werden deine Feinde einen Wall aufwerfen, dich belagern und von allen Seiten bedrängen, und werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir, weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist.“
Und er ging in den Tempel und fing an, die Händler auszutreiben, und sprach zu ihnen: „Es steht geschrieben: »Mein Haus soll ein Bethaus sein«; ihr aber habt es zur Räuberhöhle gemacht.“ Und er lehrte täglich im Tempel. Aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten und die Angesehensten des Volkes trachteten danach, dass sie ihn umbrächten, und fanden nicht, wie sie es machen sollten; denn das ganze Volk hing ihm an und hörte ihn.

Liebe Gemeinde,
auf dem Ölberg in Jerusalem steht auf halber Höhe seit 1955 eine kleine Kapelle mit dem schönen lateinischen Namen „Dominus flevit“, zu Deutsch: „Der Herr hat geweint.“ Diese Kapelle erinnert an die Geschichte, die unser heutiger Predigttext berichtet, ein Detail, das nur Lukas überliefert: Mitten in dem triumphalen Einzug Jesu in Jerusalem am Palmsonntag hält Jesus an und weint über die Stadt Jerusalem. „Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist’s vor deinen Augen verborgen.“
Das Besondere an dieser Kapelle „Dominus flevit“ ist, dass sie Richtung Westen gebaut ist. Der Altar steht im Westen der Kirche und hinter dem Altar gibt ein großes Fenster den Blick frei auf die Altstadt von Jerusalem, den Tempelberg, den heute dort stehenden Felsendom mit seiner goldenen Kuppel und die Grabeskirche, die sich der Überlieferung nach über dem Hügel Golgatha erhebt.
Wer einmal in Jerusalem ist, sollte diesen Ort unbedingt aufsuchen: Dominus flevit – der Herr hat geweint. Natürlich könnte man jetzt sagen: Was sollen diese Sentimentalitäten? Unser Glaube hängt nicht daran, ob wir Steine berühren können, über die schon Jesus gelaufen ist, und ob wir die Orte aufsuchen können, an denen die Geschichten gespielt haben, von denen uns in der Heiligen Schrift berichtet wird. Es kommt doch auf das Evangelium selbst an! Und das ist ortsunabhängig!
Das ist grundsätzlich auch richtig. Und doch hat uns der Herr mit allen unseren Sinnen ausgestattet, um damit etwas wahrnehmen zu können, also auch hören und sehen können. Also, warum soll man nicht diesen Ort aufsuchen, an dem der Herr geweint hat!? Wichtig dabei bleibt, glaube ich, dass man sich der ganzen Geschichte zuwendet und wahrnimmt, warum der Herr hier am Ölberg beim Blick auf Jerusalem geweint hat.
Naheliegenderweise hätte er über das ihm unmittelbar bevorstehende Schicksal weinen müssen – so könnte man denken. Denn es hat keine sieben Tage gedauert bis zu seiner Hinrichtung am Kreuz von Golgatha. Aber er hat über Jerusalem geweint. Und warum hat der Herr geweint?
Lasst uns in zwei Abschnitten kurz darüber nachdenken.


1.) Jerusalem steht hier sicher stellvertretend für das Volk Israel. „Wenn doch auch du erkenntest, was zum Frieden dient!“ Diese Aufforderung scheint heute aktueller, denn je zu sein. In diesen Tagen erschüttern uns neue Nachrichten von Gewalt, Zerstörung, Unfrieden und Tod aus dem Heiligen Land, von denen wir nur schon allzu viele gehört haben. Die Geschichte des kleinen palästinensischen Jungen, der bei einem Brandanschlag jüdischer Extremisten bei lebendigem Leib verbrannt ist und dessen Vater inzwischen auch seinen schweren Verletzungen erlegen ist, klingt wie die grausame Bestätigung dieser Bitte des Herrn: „Wenn doch auch du erkenntest, was zum Frieden dient!“

Jesus hat damals sein eigenes Schicksal und das der Stadt Jerusalem vorausgesehen. Er hat in seiner göttlichen Allwissenheit bereits gewusst, dass die Mehrheit seines eigenen Volkes ihn ablehnt und nicht zum Glauben an das Evangelium kommt. Er hat gewusst, dass dieselben Leute, die heute „Hosianna dem Sohn Davids“ geschrieen haben, keine fünf Tage später „Kreuzige, kreuzige“ schreien werden. Und er hat die Zerstörung Jerusalems und des Tempels vorausgesagt, die Zerstreuung des Volkes Israel über die ganze Erde. Der Zustand des fehlenden Friedens in Israel und Jerusalem hält bis heute an. Und selbst die engagiertesten Politiker schaffen es nicht, dieses Land dauerhaft zu befrieden.
Vielleicht klingt es etwas platt, aber Christus selbst hat die Ursache dafür genannt: „weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist.“
Damit ist ganz klar die Zeit gemeint, in der er, der Herr, selbst leibhaft als Mensch dort gewesen ist. Als er die heilige Stadt mit seiner Gegenwart heimgesucht, das heißt besucht hat! Das hätten die Frommen in Israel eigentlich erkennen müssen. Aber sie waren mit Blindheit geschlagen und mit Rechthaberei und ihrer eigenen Frömmigkeit.

Die Stadt Jerusalem steht sicher nur stellvertretend für das ganze Volk Israel. Und es ist schlimm, dass ausgerechnet Gottes erwähltes Volk seinen Messias, seinen Retter bis heute mehrheitlich nicht erkannt hat.
Allerdings, wenn jetzt jemand von uns meint, er könnte deshalb in irgendeiner Weise auf die Juden herabblicken und sich selber großkotzig an die Brust schlagen und sagen: Wir Deutsche habens eben richtig gemacht! Wir hatten Luther und die Reformation! Wir haben begriffen, wer dieser Jesus ist. Wer so denkt, der ist gewaltig auf dem Holzweg!

2.) Unser zweiter Gedanke greift das auf: Die Stadt Jerusalem steht stellvertretend für das ganze Volk Gottes, also auch für uns. Denn zum einen stehen wir ganz in derselben Gefahr wie die Pharisäer und Schriftgelehrten, und zum andern brauchen wir ja nur mal unser ach so christliches Abendland anzuschauen. Da fällt es einem nicht besonders schwer, Parallelen zwischen damals und heute herzustellen. Unser kirchliches Leben findet seit Jahrzehnten in gleicher Weise statt, und zwar so wie wir das für richtig halten. Und wenns an der Begründung fehlt, dann liefern wir die selber nach: „Auf unseren Bemühungen liegt ja so viel Segen! Und wehe, da widerspricht jemand! Dann wird er notfalls gesteinigt! Wir haben uns so schön eingerichtet in unserer Frömmigkeit, alles hat seinen Platz. Da soll bitteschön nichts verschoben werden!“

Im öffentlichen Leben ist es nicht viel anders. Denken wir nur an die unglaubliche Geschichte, wie der Generalbundesanwalt in der vergangenen Woche aus seinem Amt gedrängt wurde. Weil er seinem Auftrag nachgekommen ist und seine Arbeit gemacht hat, wurde er von Politikern, denen das nicht genehm war, einfach aus dem Amt gedrängt! Ich glaube, ich sehe nicht richtig! Die DDR lässt grüßen! Ein Skandal ist das! Die Macht korrumpiert und lässt uns den Blick dafür verlieren, was zum Frieden dient! Wehe uns, wenn uns ein gleiches oder ähnliches Schicksal treffen sollte, wie das Volk Israel!

Aber es soll nicht bei den Weherufen heute bleiben.
Unser Predigttext bleibt ja auch nicht dabei stehen. Sondern es wird berichtet, dass Jesus den Tempel aufgeräumt hat und dann anschließend selbst täglich im Tempel lehrte und alles Volk ihm an den Lippen hing und zuhörte!
Das ist es, was uns hilft und was uns rettet: Auf Gott, den Herrn, hören. Sein lebendiges Wort hören und zu Herzen nehmen und als geladene Gäste an seinem Tisch seinen Leib essen und sein Blut trinken. Wenn wir das tun, dann findet niemand unserer Feinde einen Weg, uns unseren Glauben zu zerstören, oder Christus aus unserer Mitte zu verbannen. Dann treten alle Eigenheiten und Verfehlungen von uns Menschen, die wir so gern in den Vordergrund rücken und für wichtig halten, zurück. Dann steht Christus mit seinem Besuch bei uns und mit seinem Frieden für uns im Mittelpunkt.

Liebe Gemeinde, die kleine Kapelle „Dominus flevit“ auf dem Ölberg in Jerusalem erinnert daran, dass der Herr hier über die Unbußfertigkeit seines Volkes geweint hat.
Sie erinnert durch ihren im Westen stehenden Altar, der den Blick auf die Grabeskirche freigibt, aber auch daran, dass Jesus selbst durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung unsere Unbußfertigkeit überwunden hat. Er ist es, der uns gottgenehm macht, er befreit uns von unserer Sünde und allem, was uns von ihm trennt. Und das wird er jetzt gleich wieder tun, wenn wir das heilige Abendmahl feiern.
Amen.