Predigt

Predigt zum Sonntag Septuagesimae gehalten am 16. Februar 2014, von P. Heyn

(Die Predigt zum Mithören nach Manuskript: )

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Gottes heiliges Wort, das unserer Predigt zugrunde liegt, steht im Brief des Apostels Paulus an die Römer im 9. Kapitel:
Was sollen wir nun hierzu sagen? Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne! Denn er spricht zu Mose: „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“ So liegt es nun nicht am jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. Denn die Schrift sagt zum Pharao: „Eben dazu habe ich dich erweckt, damit ich an dir meine Macht erweise und damit mein Name auf der ganzen Welt verkündigt werde.“ So erbarmt er sich nun, wessen er will, und verstockt, wen er will. Nun sagst du zu mir: Warum beschuldigt er uns dann noch? Wer kann seinem Willen widerstehen? Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du gegen Gott rechten willst? Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich so? Hat nicht ein Töpfer Macht über den Ton, aus demselben Klumpen ein Gefäß zu ehrenvollem und ein anderes zu nicht ehrenvollem Gebrauch zu machen? Da Gott seinen Zorn erzeigen und seine Macht kundtun wollte, hat er mit großer Geduld ertragen die Gefäße des Zorns, die zum Verderben bestimmt waren, damit er den Reichtum seiner Herrlichkeit kundtue an den Gefäßen der Barmherzigkeit, die er zuvor bereitet hatte zur Herrlichkeit. Dazu hat er uns berufen, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden. Der Herr segne an uns sein Wort. Amen.

Liebe Gemeinde,
tja, was sollen wir nun hierzu sagen! Gott spielt mit uns Menschen wie mit Schachfiguren. Die einen gewinnen, die andern fliegen raus. Wir sind quasi nur Ton in den Händen Gottes. Was er daraus formt, ist ganz allein seine Sache. Wir haben da kein Wörtchen mitzureden. Eine der heißesten Fragen des Christentums wird hier angeschnitten: die Frage der Erwählung und des freien Willens. Generationen von gelehrten Theologen haben sich da die Köpfe heiß geredet, Kirchen sind deswegen gespalten worden und Menschen sind in ihrem Glauben tief erschüttert worden: Wie kann das sein, dass Gott einige erwählt und andere verstößt? Warum ist das so? Das ist doch ungerecht! Wie kann Gott so hart sein und so etwas zulassen? Wir sind doch alle seine Geschöpfe! Und woran erkenne ich, wohin ich gehöre? Das sind Fragen, die wahrscheinlich jeder von euch kennt und irgendwie damit schon mal in Berührung gekommen ist. Sicher sind das nicht unsere alltäglichen Fragen, aber sie kommen doch vor im Verlauf eines Christenlebens. Und um das gleich zu Anfang zu sagen: Ich weiß auf diese Fragen auch keine abschließende Antwort. Wer so etwas erwartet hat, den muss ich leider enttäuschen. Ich will diesen Fragen auch nicht ausweichen. Ich denke aber, dass es heute eigentlich, im tiefsten Kern um etwas anderes geht. Lasst uns drei Gedankengänge gemeinsam anschneiden, die uns da etwas voranbringen können:

1) Gott ist souverän und unabhängig.
2) Der Mensch ist nicht souverän; er ist abhängig.
3) Gott hat uns dazu berufen, Gefäße seiner Barmherzigkeit zu sein.

1) Der erste Gedanke: Gott ist souverän und unabhängig. Vielleicht gibt es zwei verschiedene Meinungen bei uns, die nebeneinander existieren. Die eine lautet: Ja, klar Gott ist souverän. Er ist der Herr. Er ist der Schöpfer und Erhalter. Er ist der Herr über Leben und Tod, der Vater Jesu Christi usw. Das haben wir gelernt, das wird uns in der Predigt auch immer wieder bestärkt und untermauert und eventuell können wir das aus unserem Erfahrungsschatz auch bestätigen. Es sind Glaubenssätze. Sie haben ihren Ursprung in Gottes Wort. Er selbst spricht sie uns vor, erzählt uns in vielen Geschichten etwas über sich und sein Wesen. Der Apostel Paulus zitiert aus dem zweiten Mosebuch diesen Satz, den Gott zu Mose spricht: „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“ Es berührt mich immer eigenartig, dass dieser Satz so ganz ähnlich ist wie die Selbstvorstellung Gottes, die wir gerade am vorigen Sonntag gehört haben, als Gott Mose am brennenden Dornbusch begegnet: „Ich werde sein, der ich sein werde.“ Gott ist von niemand abhängig. Er kann tun und lassen, was er will. Und wenn er jemand etwas Gutes tut, dann ist das aus Gnade und freiem Entschluss und weil ER es so will. Neben den Glaubenssätzen, die ihren Ursprung in Gott selbst haben, gibt es aber auch noch die Sätze des Zweifels in uns, die andere Meinung, die parallel zu der ersten in uns existiert: „Sollte Gott gesagt haben …?“ Meinst du wirklich …? Und warum macht er das so oder so?! Wie kann Gott nur?! Aus dem Zweifel, der wahrscheinlich immer irgendwie zu unserem Glaubensleben dazugehört, wird dann ganz schnell Aufbegehren und Protest. Gott kann doch nicht einfach …! Doch! Er kann! Und er macht es auch. Er entscheidet einfach so, wie er es für richtig hält. Ob uns das nun passt oder nicht.

2) Das bringt uns zu unserem zweiten Gedanken: Der Mensch ist nicht souverän; er ist abhängig. „Wie kann Gott das nur zulassen!“ Und: „Gott müsste doch …“ „Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du gegen Gott rechten willst?“ Der Apostel Paulus trifft den Nagel auf den Kopf. Offenbar sind die Fragen, die uns hier bewegen, so alt wie die Menschheit. Der Apostel macht uns messerscharf deutlich: Wer sind wir eigentlich, dass wir uns die Frechheit rausnehmen, mit Gott zu diskutieren!? Ich denke manchmal: Wie genervt muss Gott sein von unserem ständigen Diskutieren und Rechthabenwollen und Infragestellen und Anzweifeln. Wenn wir nur mal daran denken, wie genervt wir schon sind wegen der Diskutierfreude und dem Alles-in-Frage-stellen der Kinder und Jugendlichen. Dabei ist Letzteres normal und völlig in Ordnung. Schließlich reden hier Menschen mit Menschen, wenn auch nicht ganz auf derselben Stufe stehend, aber doch fast. Das Diskutieren mit Gott, das Feilschen ums Recht, das Anzweifeln seiner Entscheidungen, das ist allerdings nicht in Ordnung. Denn wir stehen mit ihm nicht auf derselben Stufe. Wir sind eben tatsächlich nur ein Klumpen Ton, vielleicht ein sehr feiner und besonders guter Ton, sozusagen „intelligenter“ Ton, aber mehr eben nicht. Das müssen wir uns klar machen bzw. das wird uns heute mal wieder klargemacht. Wir sind die Geschöpfe unseres Schöpfers, ausgezeichnet vor allen anderen Geschöpfen dadurch, dass wir das Ebenbild, das Abbild Gottes sind. Wir sind und bleiben von Gott abhängig, ja, wir sind ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Das klingt sehr hart. Aber so ist es. Lasst uns nur an die hochentwickelte, moderne Medizin denken. Manche Forscher meinen ja tatsächlich, sie könnten irgendwann Gott spielen und Menschen erschaffen, Roboter und Klone, ideal, frei von Krankheiten und Gebrechen, ohne Makel. Und solange wir noch nicht Herr über das Leben sind, wollen wir wenigstens Herr über das Lebensende sein und per Gesetz entscheiden, wann ein Leben zu Ende sein soll bzw. zu Ende gehen darf. Diese Hybris wird sich furchtbar rächen! Davon bin ich überzeugt. Ich weiß, dass es da eine Fülle schwieriger Fragen und Probleme und Wünsche zu bedenken gibt. Und man darf ganz bestimmt nicht plakativ und pauschal banale Antworten geben. Aber der Versuch des Menschen, Gott sein zu wollen, wird immer und in jedem Fall zum Scheitern verurteilt sein.

3) Der Apostel Paulus bleibt nicht bei diesem harten Gegensatz zwischen Gott und uns stehen, sondern er redet weiter. Unser dritter Gedanke: Gott hat uns dazu berufen, Gefäße seiner Barmherzigkeit zu sein. Warum Gott die einen erwählt und die andern verwirft oder verstockt, das sagt er uns nur in Ansätzen: „… damit er den Reichtum seiner Herrlichkeit kundtue …“ Diese Auskunft reicht uns oft nicht aus. Das haben wir ja eben schon besprochen. Was aus den Menschen wird, die verworfen sind, bleibt uns noch vielmehr ein Rätsel. Auch das ist immer wieder Anlass für theologische Spekulationen gewesen. Wir tun gut daran, uns auf so etwas nicht einzulassen und uns an der Stelle ein gedankliches Fasten aufzuerlegen. Man muss nicht alles denken, was man denken könnte. Dasselbe gilt ja auch für unsere anderen Sinnesorgane. Wir fahren besser damit, uns auf das zu konzentrieren, was uns klar ist und was für uns wichtig ist zu wissen. Und dazu gehört, was der Apostel Paulus am Ende unseres kleinen Predigtabschnitts fast in prophetischen Worten ausdrückt: Gott hat uns dazu berufen, Gefäße seiner Barmherzigkeit zu sein. Er sagt etwas über uns, die wir an Gott glauben und zu ihm gehören und auf den Namen seines Sohnes getauft sind: Wir sollen Gefäße, Träger, Boten seiner Barmherzigkeit sein. Und das ist doch etwas Wunderbares! Wir sind dazu auserwählt, bevorzugt, ausgesucht, die menschenfreundliche Seite Gottes, seine Liebe und Wärme, sein Mitleid und seine Barmherzigkeit unseren Mitmenschen zu zeigen. Für diese Aufgabe sucht sich Gott Menschen auf der ganzen Welt. Wunderbar! Liebe Gemeinde, Gott spielt mit uns Menschen wie mit Schachfiguren. Die einen gewinnen, die andern fliegen raus. Wir sind quasi nur Ton in den Händen Gottes. Was er daraus formt, ist ganz allein seine Sache. Wir haben da kein Wörtchen mitzureden. Irgendwie kommen wir heute nicht darum herum, das zugeben zu müssen. Aber seit unserer heiligen Taufe sind wir dazu berufen Gefäße, Vorratsbehälter, Speicherbecken für Gottes Barmherzigkeit zu sein. Und deshalb wissen wir, dass wir auf Gottes Barmherzigkeit hoffen können und diese Hoffnung nicht zuschanden werden lässt. Amen.