Reminiscere 16. März 2014, von P. Heyn

(Die Predigt zum Mithören nach Manuskript: )
(Der komplette Gottesdienst zum Hören: )

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Predigt über Hebr 11,8-10:
Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme. Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.

Liebe Gemeinde,
ich glaube, heute müssen wir uns mal wieder ein bisschen an die Predigt herantasten. Der Sonntag Reminiscere ist der große Erinnerungssonntag. Reminiscere heißt gedenke, erinnere dich! Dieses Wort steht am Anfang unseres Introitus. Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit. Auf Lateinisch: Reminiscere, Domine, … . Wir bitten Gott: „Herr, gedenke, erinnere dich an deine Barmherzigkeit. Wir brauchen deine Hilfe. Wir sind auf deine Gnade angewiesen.“ Die Evangelische Kirche in Deutschland hat deshalb seit einigen Jahren die Fürbitte für verfolgte Christen in besonderer Weise diesem Sonntag zugeordnet. Wir sollen/müssen Gott so zu sagen daran erinnern, dass er seine Kirche, seine Kinder nicht vergisst. Es gibt aber daneben auch noch das andere, nämlich dass wir erinnert werden sollen an Gottes Liebe und Barmherzigkeit zu uns. Der Apostel Paulus hat das in eindringlicher Weise in der Epistel getan, die vorhin verlesen wurde. Und der Verfasser des Hebräerbriefes tut das jetzt genauso. Er zählt ein ganzes Kapitel lang auf, wer alles schon Gottes Barmherzigkeit im Alten Testament erfahren hat. Und er sagt auch, auf welchem Weg das geschehen ist: durch den Glauben. Und um den soll es heute in der Predigt gehen. Denn er ist das Mittel, wie seine Barmherzigkeit zu uns kommt. Gott schenkt uns den Glauben, er macht, dass wir ihm vertrauen können, dass wir ihn als unseren Gott und Vater erkennen. Gott lässt uns heute an dieses Geschenk erinnern und zeigt uns am Beispiel des Abraham, was durch den Glauben möglich ist und was er, Gott, bei uns bewirkt. Lasst uns in drei Abschnitten auf den Glauben des Abraham schauen:

1) Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam.
2) Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen.
3) Durch den Glauben wartete er auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.

1) Also, erstens: „Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam.“ Das ist doch schon eine seltsame Sache, oder? Durch den Glauben gehorsam zu werden? Aber vielleicht ist der Gedanke ja doch gar nicht so abwegig! Denn wenn wir mal genau hinschauen, in uns hineinschauen, unser Leben betrachten, dann kann man auf Stellen stoßen, an denen man genau dasselbe feststellen kann, was uns hier von Abraham berichtet wird. Oder auch das genaue Gegenteil. Durch den Glauben an Gott Gehorsam zu lernen, ist meistens wohl keine angenehme Sache, die irgendwie nebenbei abläuft. Man muss eher ganz schön mit sich und mit Gott kämpfen, sich hindurchkämpfen und hindurchbeten, bis man an einem Punkt ist, tatsächlich auf Gottes Hilfe zu vertrauen, ihm die Dinge zu überlassen. Es liegt vermutlich in unserem Wesen, dass wir das nicht so einfach können, sondern dass wir lieber die Dinge selbst in die Hand nehmen wollen. Aber wie oft ist das schon schiefgegangen! Wie oft sind wir gescheitert, wenn wir unsere Pläne einfach durchsetzen wollten ohne auf Gottes Hilfe zu vertrauen, ohne nach seinem Willen zu fragen! Durch den Glauben hat Abraham Gehorsam gelernt. Das Wort „Gehorsam“ hat in unseren Ohren ja keinen so guten Klang. Es hat einen negativen Beigeschmack. Dabei meint es etwas ganz positives! Gehorsam kommt von hören! Wer intensiv und aufmerksam hört, der kann feststellen, wer da zu ihm redet, wie das Gesprochene gemeint ist, was der andere überhaupt gesagt hat. Dieses intensive Hören führt zum Gehorsam. Deshalb lasst euch heute wieder neu einladen, auf Gott und sein Wort zu hören. So kommt ihr zum Glauben. So lernt ihr wie Abraham Gehorsam.

2) Zweitens. Wieder Abraham: „Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen.“ Das klingt ja noch seltsamer, als der erste Gedanke! Aber vielleicht ist auch dieser Gedanke uns gar nicht so fern, wenn wir ein bisschen näher hinschauen. Zunächst mal denke ich da ganz praktisch und naheliegend an Menschen, die ihre Heimat verloren haben. Davon gibt es ja etliche auch unter uns. Sie wohnen als Deutsche unter Deutschen in Deutschland – und sind doch irgendwie fremd. In ihrem Herzen sind sie verbunden geblieben mit der verlorenen Heimat. Aber auch dort sind sie Fremde geworden, weil jetzt andere ihr Land besitzen und dort leben. Aber bei Abraham geht dieses Fremdsein im eigenen Land noch ein Stück weiter. Er ist im verheißenen Land angekommen, nachdem er seine alte Heimat für immer verlassen hatte. Aber er lebt als Nomade dort, ohne festen Wohnsitz, bald hier, bald dort. Es muss eigenartig für ihn gewesen sein: Trotzdem er sich auf das Wagnis eingelassen hatte, Gott zu vertrauen und in ein neues Leben aufzubrechen, blieben so viele Sachen offen, unklar und unsicher. In Palästina war er umgeben von fremden Völkern. Seine eigenen Verwandten, die ihn begleiteten, wurden ihm fremd. Die verheißenen zahlreichen Nachkommen, die die Sache hätten weiterführen können, stellten sich auch nicht ein. Er war zu einem Fremden geworden durch den Glauben. Geht uns das nicht auch manchmal so? Wir leben inmitten unserer Freunde, Nachbarn und Verwandten, teilen alle wesentlichen Dinge mit ihnen, aber sind doch in einer bestimmten Weise wie Fremde? Spätestens, wenn die Rede auf unseren Glauben kommt. Dann kommt es uns zum vollen Bewusstsein, dass wir hier fremd sind. Das unterscheidet uns von den anderen, das macht uns zu Fremden im eigenen Land und Haus. Gott mutet uns das zu, nie wirklich ganz und gar das Gefühl des Zuhauseseins zu haben. Aber diese Zumutung Gottes hat ihren Sinn! Durch den Glauben ist Abraham ein Fremdling gewesen und sind wir es auch.

3) Unser dritter Gedanke: Noch einmal Abraham. „Durch den Glauben wartete er auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.“ Vielleicht ist das der Grund, warum uns Gott zumutet, wie Fremde im eigenen Haus sein zu müssen, damit wir nicht aufhören, auf Gott zu warten. Offenbar hatte Abraham gelernt, dass das verheißene Land, in das ihn Gott gebracht hatte, auch nur eine Zwischenstation auf seinem Weg zu dem wirklichen Ziel seines Lebens war. Er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott selbst ist. Das kann keine andere Stadt sein als das himmlische Jerusalem, der Ort, zu dem wir auch unterwegs sind. Nach menschlichen Maßstäben auf diese Stadt zu warten und dabei zu ertragen, dass wir hier nie ganz zu Hause sein werden, sondern immer ein bisschen fremd bleiben werden, das ist nach menschlichen Maßstäben unvernünftig, verrückt, bekloppt. Gott hat uns den Glauben ins Herz gelegt, damit wir nicht allein nach menschlichen Maßstäben unser Leben führen müssen. Der Glaube ermöglicht uns, dass wir gegen alle scheinbar vernünftigen Gründe auf Gott hoffen können und dass diese Hoffnung nicht enttäuscht wird. Der Glaube ermöglicht uns, auf das Ziel unseres Lebens bei Gott zu vertrauen, auf die Stadt, die einen festen Grund hat. Liebe Gemeinde, am Sonntag Reminiscere geht es um das Erinnern und Erinnert-Werden. Wir dürfen Gott daran erinnern, dass er einen guten Plan für uns hat, schon lange bevor wir überhaupt auf der Welt waren. Dazu dient nicht nur der Sonntag sondern auch die diesjährige Fastenzeit. Wir dürfen Gott daran erinnern, dass sein Sohn Jesus Christus für uns alles getan hat, was uns vom ewigen Tod rettet. Und Gott erinnert uns daran, dass er alles für uns getan hat, was uns vom ewigen Tod rettet, indem er uns den Glauben geschenkt hat, indem er uns zu seinen Kindern gemacht hat. Und er hat dies getan, weil er uns von Herzen liebt und weil sein Herz an uns hängt. Amen. Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Gemeinde: Amen.