Invokavit 9. März 2014, von Bischof Voigt

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Predigt über Jakobus 1,12-18 12:
Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben. Der Ursprung der Versuchung 13 Niemand sage, wenn er versucht wird, dass er von Gott versucht werde. Denn Gott kann nicht versucht werden zum Bösen, und er selbst versucht niemand. 14 Sondern ein jeder, der versucht wird, wird von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt. 15 Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod. 16 Irrt euch nicht, meine lieben Brüder. 17 Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts, bei dem keine Veränderung ist noch Wechsel des Lichts und der Finsternis. 18 Er hat uns geboren nach seinem Willen durch das Wort der Wahrheit, damit wir Erstlinge seiner Geschöpfe seien

Liebe Gemeinde! Vom Angeln ist heute zu reden - ja, tatsächlich! Das Angeln hat etwas mit unserem Predigtwort zu tun. Ich habe nachgelesen: Angeln ist eine Jahrtausende alte Jagdtechnik. Die ältesten Angelhaken waren sogenannte „Stabhaken“ aus Schnecken- oder Muschelschalen gefertigt. Ein kleines Stäbchen aus Muschelschale wurde an beiden Enden spitz angeschliffen. Dann befestigte man in der Mitte die Angelsehne. Wenn nun der Fisch den Haken verschluckte, verkeilte sich der Stabhaken auf beiden Seiten im Maul des Fisches. Ich kann mich noch genau erinnern, als unsere Söhne von der Angelleidenschaft gepackt wurden. Vorher versuchten wir als Eltern einige wichtige Fragen zu klären: „Wollte ihr die Fische, die ihr womöglich fangt auch schlachten und essen?“ Antwort: „Ja!“. Also legten wir eine Keule zum Betäuben und auch ein Messer bereit, der Köder wurde auf den Haken gefädelt. Und dann hing wirklich so eine leichtsinnige Rotfeder am Haken. Mit vor Aufregung flatternden Händen wurde sie betäubt und geschlachtet und abends dann tatsächlich in der Pfanne mit einigen anderen Fangergebnissen in Butter gebraten. Familiengeschichtlich ein großes Ereignis: Die Jungs hatten die „Sippe“ erstmals mit Eiweiß versorgt!

1. Liebe Gemeinde, ich erzähle diese Geschichte nicht, um die Vegetarier unter euch zu ärgern, sondern weil in unserem Predigtwort zwei Worte aus der alten Anglersprache vorkommen. Jakobus schreibt: „jeder, der versucht wird, wird von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt.“ Das ist Anglersprache: „jeder, der versucht wird, wird von seiner eigenen Lust herausgezogen und geködert. “ heißt es wörtlich. Doch bevor wir näher nach der Bedeutung dieses Bildes in unserem Leben fragen, gilt es der Frage nachzugehen, wer es denn ist, der da angelt. Jakobus hält eindeutig fest: „13 Niemand sage, wenn er versucht wird, dass er von Gott versucht werde. Denn Gott kann nicht versucht werden zum Bösen, und er selbst versucht niemand.“ Gott angelt nicht nach uns. Er selbst kann nicht verlockt werden, weil er allwissend ist und er will nicht unseren Tod und will nicht, dass wir hereinfallen auf falsche Versprechungen. Martin Luther hat wohl unser Predigtwort vor Augen gehabt, als er die Auslegung der sechsten Vaterunserbitte geschrieben hat „Und führe uns nicht in Versuchung!“ Luther erklärt: „Gott versucht zwar niemand; aber wir bitten in diesem Gebet, dass uns Gott behüte und erhalte, damit uns der Teufel, die Welt und unser Fleisch nicht betrüge und verführe…“ Ganz klar, Gott angelt nicht! Die nach uns angeln sind der Teufel, die Welt und unser Leib aus Fleisch und Blut.

2. Welche Versuchungen sind es, die als „Köder“ in unserem Leben hängen? Dieser Abschnitt aus dem ersten Jakobusbrief hat ja am heutigen Sonntag seinen Platz, weil am vergangenen Mittwoch die Fastenzeit der Kirche begonnen hat und weil wir heute das Evangelium von der Versuchung Jesu gehört haben. Viele Christen versuchen in dieser Zeit auf etwas Verführerisches zu verzichten, auf Schokolade oder Alkohol zum Beispiel. (Vergesst dabei nicht, dass die Sonntage nicht zur Fastenzeit zählen!“) Dabei muss uns ja klar sein, dass die eigentlichen Versuchungen in unserem Leben für die Meisten unter uns nicht aus Schokolade, Zucker oder vergorenem Gerstenmalz bestehen. Am Angelhaken hängt zum Beispiel Geld - entweder das, das wir haben und an das wir dauernd denken müssen oder das Geld, das wir nicht haben und das uns deshalb gefangen nimmt. Wenn man zum Beispiel eine größere Anschaffung vorhat oder mal den Kirchenbeitrag erhöhen sollte, merkt man, wie sehr man gedanklich am Angelhaken hängen kann. An den Angelhaken unseres Lebens können andere Menschen hängen, mit denen wir uns eine Beziehung vorstellen könnten, die wir begehrenswert finden, zu denen wir uns hingezogen fühlen. An den Angelhaken unseres Lebens können unser Zorn, unsere Lust zum Streiten unsere Rechthaberei hängen. Gott wolle uns behüten, dass wir diesen Angelversuchen des Teufels, der Welt und unseres eigenen Lebens nicht erliegen, dass wir nicht „anbeißen“.

3. Jakobus stellt in seinem Brief, in unsere Predigtwort ein drittes ganz klar: „Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts…“ In den Worten unseres Vergleiches vom Angeln: Gott angelt nicht, er füttert uns! Er versorgt uns mit seinen guten Gaben. Sehr zutreffend nennen wir die Momente in unserem Leben, in denen wir einer Versuchung erliegen „schwache Momente“. Der Versuchung zum Zorn erliegen wir, wenn wir gestresst und angespannt sind. Der Versuchung, einen lieben Menschen zu verletzen oder gar zu verlassen erliegen wir, wenn diese Beziehung geschwächt ist. Manchmal ist es, als ob da in uns ein kleines, weinendes Kind sitzt und denkt oder sagt: „Ich nehme mir jetzt, was keiner mir geben will!“ Man kann dies auch in der Politik -gegenwärtig zum Beispiel auf der Krim- beobachten: Wenn eine ganze Nation oder auch ein Politiker sich gedemütigt fühlen, reagieren sie trotzig und nehmen sich, was ihnen keiner geben will. Gott erfüllt unser Leben mit seinen guten Gaben, mit seinem liebestiftenden Wort. Gott füttert unsere Seele mit den Gaben des Abendmahls. Er macht das kleine, weinende Kind in uns groß und stark. „Alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts.“

4. Noch einmal zurück zum Angeln: In dieser Jahreszeit ziehen die Heringsschwärme wieder in die flachen Gewässer des Greifswalder Boddens, um dort zu laichen. Und ich erinnere mich, dass die Angler immer auf der Brücke zur Insel Rügen stehen und sogenannte Paternoster-Angeln in den Sund halten. Daran sind fünf Haken untereinander befestigt. Die Heringe sind so ausgehungert, dass gleich drei oder vier Heringe auf einmal anbeißen. Das macht es für die Heringe ja nicht besser, wenn die anderen auch am Haken hängen, denn am Ende steht ihr Tod! Das macht es für uns nicht besser, wenn die anderen auch auf die Versuchungen hereinfallen, denn am Ende steht der Tod. Jakobus schreibt: „die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod.“ Wenn da nicht einer wäre, der nichts anderes lieber tut, als Menschen loszuschneiden, zu befreien, sie ins Leben zurückzuholen, ihnen zu vergeben! Dieser eine ist Jesus Christus. Wenn wir am Haken der Versuchung hängen, wenn wir schuldig geworden sind, macht er uns frei, spricht uns Vergebung zu. Im Psalm 124 jubelt der Dichter: „Unsre Seele ist entronnen wie ein Vogel / dem Netze des Vogelfängers; das Netz ist zerrissen und wir sind frei.“ (Psalm 124,7) Wir können das umdichten: Unsere Seele ist entronnen wie ein Fisch, der Angel des Fischers entkommen; die Angel ist zerrissen und wir sind frei. Amen.