10. Sonntag nach Trinitatis 24.8.2014, von P. Heyn

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Predigt üb. Dan 9,15-19
Und nun, Herr, unser Gott, der du dein Volk aus Ägyptenland geführt hast mit starker Hand und hast dir einen Namen gemacht, so wie es heute ist: wir haben gesündigt, wir sind gottlos gewesen. Ach Herr, um aller deiner Gerechtigkeit willen wende ab deinen Zorn und Grimm von deiner Stadt Jerusalem und deinem heiligen Berg. Denn wegen unserer Sünden und wegen der Missetaten unserer Väter trägt Jerusalem und dein Volk Schmach bei allen, die um uns her wohnen. Und nun, unser Gott, höre das Gebet deines Knechtes und sein Flehen. Lass leuchten dein Antlitz über dein zerstörtes Heiligtum um deinetwillen, Herr! Neige dein Ohr, mein Gott, und höre, tu deine Augen auf und sie an unsere Trümmer und die Stadt, die nach deinem Namen genannt ist. Denn wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit. Ach Herr, höre! Ach Herr, sei gnädig! Ach Herr, merk auf! Tu es und säume nicht – um deinetwillen, mein Gott! Denn deine Stadt und dein Volk ist nach deinem Namen genannt.

Liebe Gemeinde,
dieser Abschnitt, den ich eben vorgelesen habe, stammt aus dem großen Bußgebet des Propheten Daniel. Es gehört zu den Texten der heiligen Schrift, die gut zu datieren sind, weil sie quasi ein Datum oben drüber geschrieben haben wie bei einem Brief oder einer eMail. Am Anfang des Kapitels wurde der Name eines persischen Königs genannt, dessen Regierungszeit bekannt ist. Aber darum geht es nicht, sondern um den Inhalt des Gebetes. Daniel bittet darin Gott um Vergebung für seine Sünden und die Sünden des ganzen Volkes Israel und es geht um Gebetserhörung. Das hatten wir ja gerade am vorigen Sonntag angesprochen. Es lohnt sich, einmal das ganze Kapitel zu lesen. Aber jetzt zurück zu unserem kleinen Abschnitt. Er ist der Kern des Bußgebets des Daniel. Daraus greife ich drei Gedanken heraus:

1.) Das Bekenntnis der Sünden
2.) Das Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit
3.) Die Bitte um Erhörung.

Beim Lesen des Bußgebetes des Daniel drängt sich einem unwillkürlich auf, was zur Zeit in Israel und Palästina und Gazastreifen geschieht. Die Aktualität unseres Predigtwortes ist geradezu bestechend. Aber wir sollten uns hüten, diesen Text nur historisch zu lesen, also ihn in die Zeit des Daniel zu schieben. Genauso wäre es verfehlt, ihn nur im Blick auf das Volk Israel, die Juden, in der Gegenwart zu verstehen. Jede Zeile könnte man ganz genau auch auf die deutsche Geschichte und uns heute und unsere Situation hin verstehen und auslegen. Das wollen wir jetzt auch in Gedanken behalten, wenn wir

1.) über das Bekenntnis der Sünden sprechen. Nachdem Daniel vorher schon die Sünden des Volks aufgezählt hat, fasst er dieses Bekenntnis noch einmal zusammen. In wenigen, schlichten Worten spricht er es aus: „Wir haben gesündigt, wir sind gottlos gewesen.“ Da ist keine Diskussion mehr, kein „Vielleicht“, keine Ausrede, sondern das volle Schuldeingeständnis. In großer Klarheit spricht es Daniel hier aus. Kennt ihr diese Situation, wenn man sich nicht mehr rausreden kann? Wenn es kein Verstecken mehr gibt? Kennt ihr das Gefühl, das einen dann überkommt? Da ist die Einsicht in das eigene Versagen, das Eingeständnis der eigenen Ohnmacht. Das ist wie eine bedingungslose Kapitulation. Oft sieht man dann ein, dass es besser gewesen wäre, den einen oder andern Rat zu befolgen. Aber es ist zu spät. Und in seltener Klarheit erkennen wir dann auch die Folgen. In den vorangehenden Versen hatte der Prophet Daniel auch schon deutlich die Folgen der Sünden Israels erkannt und benannt. Das ist eine Situation, in die wir nicht gern kommen, ein Gefühl, das uns nicht behagt: Wenn man auf Gedeih und Verderb einem anderen, größeren, stärkeren ausgeliefert ist. Genauso ging es dem Daniel damals. Er konnte nur noch auf Gottes Gnade hoffen. Deshalb

2.) das Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit. Die eigene Gerechtigkeit ist jetzt völlig wertlos. Damit ist kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Daniel ist an einer Stelle, wo man nicht mehr verhandeln kann. Deshalb spricht er auch nicht mehr von Gottes Gerechtigkeit, sondern von seiner Barmherzigkeit. Er bittet Gott darum, Gnade vor Recht ergehen zu lassen. Man muss sich einmal die Situation vorstellen, die Gefühlslage des Daniel, in die wir ja eben schon versucht haben, uns ein bisschen hineinzuversetzen. Der Prophet hat gerade die Bankrotterklärung nicht etwa seines Geschäftes, sondern seines Lebens abgegeben. Eigentlich ist doch jetzt alles zu Ende. Es gibt keinen Ausweg mehr. Es gibt auch nichts mehr, was man noch erwarten könnte, außer der angedrohten Strafe. Eigentlich müsste das doch so sein. Aber der Prophet Daniel hat noch einen allerletzten Strohhalm, an den er sich klammert: Er hofft auf Gottes große Barmherzigkeit. Genau das ist es, was an anderer Stelle ,Glaube‘ genannt wird: dieses Vertrauen in der absoluten Hoffnungslosigkeit, der allerletzte Strohhalm, an den du dich klammern kannst und sollst. Solange man ihn nicht braucht, ist dieser allerletzte Strohhalm etwas, über den die meisten lachen und sich lustig machen. Aber auweia, wenn jemand in die Situation kommt, dass er einen allerletzten Strohhalm braucht! Wir wissen – Gott sei Dank – wer und was unser Strohhalm ist, an den wir uns klammern können im Leben und im Sterben: Jesus Christus, der Inhalt und das Ziel unseres Glaubens.

3.) Nun noch unser dritter Gedanke: Die Bitte um Erhörung. Die ist das Spannende an dem Gebet des Daniel. Er bittet Gott unentwegt darum, dass er sein Gebet erhören möge. Und dabei hält er Gott seinen Strohhalm vor, an den er sich klammert. Er erinnert Gott daran, dass es sein Volk ist, das da vor ihm auf den Knien liegt, dass es sein Land und seine Stadt ist, die nach seinem Namen heißt, aber jetzt in Trümmern liegt. Er erinnert Gott daran, dass es sein Tempel ist, der zerstört ist. Wie gesagt, die historischen Ereignisse in Israel lassen sich hier gut wiedererkennen. Aber wenn wir an uns denken, können wir das genauso sagen. Denn wir sind Gottes Eigentum – seit unserer Taufe. Wir tragen seinen Namen – seit unserer Taufe. Wir sind ein Tempel des Heiligen Geistes – seit unserer Taufe. Das ist das Gute an unserem Glauben, an unserem Strohhalm: Mag er auch noch so dünn oder schwach sein – wir können Gott daran immer erinnern, ja, wir können ihn im Ernstfall darauf festnageln, dass wir sein Eigentum sind. Wenn euch einmal fraglich sein sollte, ob und was es mit der Taufe auf sich hat, dann erinnert euch daran, dass es Garantieurkunde ist, die man Gott vorhalten kann. Der Prophet Daniel hat es gemacht und wurde von Gott erhört. So wird es in den weiteren Versen berichtet. Das sollen wir heute von ihm lernen und uns bei ihm abschauen. Liebe Gemeinde, man könnte vordergründig meinen, die alte Geschichte vom Propheten Daniel und dem alten Volk Israel vor hunderten von Jahren hätte nichts mit uns zu tun und sei nur eine archäologische und kulturhistorisch interessante Sache. Wir wissen, dass es anders ist! Wie gut, dass wir auf Gottes große Barmherzigkeit hoffen können und er unser Gebet erhören wird und uns rettet und nicht verwirft. Amen.