1. Sonntag nach Weihnachten - Tag der unschuldigen Kinder
28.12.2014, von P. Heyn

(Die Predigt zum Mithören nach Manuskript: )
(Der komplette Gottesdienst zum Hören: )

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Predigt üb. Mt 2,13-18
Als die Weisen hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach: „Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir’s sage; denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen.“ Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten und blieb dort bis nach dem Tod des Herodes, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht: »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.« Als Herodes nun sah, dass er von den Weisen betrogen war, wurde er sehr zornig und schickte aus und ließ alle Kinder in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er von den Weisen genau erkundet hatte. Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht: »In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen.

Liebe Gemeinde,
als ob wir in diesem Jahr und besonders in diesen Tagen nicht schon genug von Flüchtlingen und irgendwelchen Greueltaten hören würden – in Syrien, im Irak, in Afghanistan, in der Ukraine, in Westafrika, in Israel und Palästina, an den Grenzen Europas, mitten in unserem Land – alle längst überwunden geglaubten Schrecken des sog. Kalten Krieges zeigen plötzlich wieder ihre hässliche Fratze als Schatten an der Wand. Und nun also auch noch eine solche Geschichte aus der heiligen Schrift: Kindermord von Bethlehem und Flucht nach Ägypten! Muss das denn sein, denkt ihr vielleicht. Können wir nicht wenigstens mal zu Weihnachten in der Kirche vor all diesen schlimmen Dingen unsere Ruhe haben? Wir könnten, wenn Jesus Christus nicht der Heiland der Welt wäre, sondern ein Stimmungsmacher und Gute-Laune-Einheizer, und wenn unser Glaube nur ein Wohlfühlglaube wäre, sozusagen der Zuckerguss für ein ansonsten anständiges Leben. Dass dies nicht so ist, das kriegen wir heute sehr deutlich vor Augen geführt. Das kleine Jesuskind, der Retter der Welt, begibt sich mitten hinein in die Abgründe der von Sünde und Schuld belasteten Welt. Gott wartet nicht erst, bis der von ihm gesandte Retter genug Munition gesammelt hat, um dann loszuschlagen. Nein, der von dem es vor drei bzw. vier Tagen hieß: „Euch ist heute der Heiland geboren!“, macht sich sofort ans Werk. Er taucht ein in die unheilen und unheiligen Zustände dieser Welt, um sie heilzumachen. Ihr könntet jetzt kritisch einhaken und sagen: „Moment mal, dass Jesuskind war doch noch viel zu klein, um selbst etwas unternehmen zu können.“ Das ist sicher richtig. Aber wenn wir ernstnehmen, dass es Gott ist, der sich in diesem kleinen Kind verbirgt, dann wissen wir auch, dass er die Macht hat, ganz andere Wege zu gehen. Er hat sich aber dafür entschieden, auf diese Weise die Welt zu erlösen. Lasst uns dieser Entscheidung in drei kleinen Abschnitten nachdenken:

1.) Gott nimmt die Hilfe von Menschen in Anspruch.
2.) Gott ist ein Flüchtling.
3.) Gott erfüllt seine Verheißungen.

1.) Gott nimmt die Hilfe von Menschen in Anspruch. In manchen Religionen ist das selbstverständlich; bei uns ist das eher ein ungewohnter Gedanke. Gott ist doch der Allmächtige! Das ist er und bleibt er auch. Es gehört zum Geheimnis der Inkarnation, also zum Geheimnis der Menschwerdung Gottes, dass er sich so klein macht, so niedrig macht, so sehr zu uns herabkommt, dass er menschliche Hilfe in Anspruch nimmt, ja, geradezu darauf angewiesen ist. An erster Stelle steht da natürlich die Mutter Maria, die ihr Kind schützt und bewahrt, ernährt und aufzieht. Dann kommt aber auch Josef nochmal ins Spiel – der Zimmermann aus Nazareth, der so seltsam am Rand der Weihnachtsgeschichte steht und am Ende im Dunkel der Geschichte verschwindet. Er hat hier eine alles entscheidende Rolle. Auf seinen Glauben kommt es an, nämlich fest darauf zu vertrauen, dass der lebendige Gott zu ihm im Traum gesprochen hat. Auf seinen Gehorsam kommt es an, nämlich genau das zu tun, was ihm im Traum befohlen worden ist. Auf seinen Mut kommt es an, nämlich ganz allein mit Frau und Kind sich auf den Weg zu machen und in ein Land zu gehen, von dem er nur weiß, dass sie dort in Sicherheit sein sollen. Was für ein Wagnis! Aber er nimmt es auf sich. Dabei ist es nicht mal sein eigenes Kind! Über die Gedankenwelt des Josef erfahren wir nichts. Nüchtern und wortkarg wie meist ist der biblische Bericht auch hier. Alle Details, die wir vielleicht gern wissen wollten, werden weggelassen. Nur das ist wichtig, dass es Gott sich gefallen ließ, mit menschlicher Hilfe vor dem sicheren Tod gerettet zu werden. Das können wir aus dieser Geschichte mitnehmen: Gott weiß, wie bedroht unser Leben ist. Und er schickt – manchmal ganz unkonventionelle, unerwartete – Hilfe. Vertrauen wir darauf wie Josef auf Gottes Hilfe vertraut hat!

2.) Unser zweiter Gedanke: Gott ist ein Flüchtling. Eigentlich unglaublich: Der Schöpfer der Welt muss vor seinen eigenen Geschöpfen fliehen. Natürlich hätte Gott mit einem Handstreich den selbstherrlichen König Herodes hinwegfegen können! Aber jetzt wissen wir, dass Gott eine Vorstellung davon hat, wie es ist, auf der Flucht zu sein. Das wissen – zumindest hier bei uns in Deutschland –zum Glück nicht alle Menschen. Flüchtlingsschicksale sind schlimme Schicksale! Das auf der Flucht Erlebte prägt einen Menschen ein ganzes Leben lang, egal, ob es 60, 70 Jahre her ist oder ob es sich in diesen Tagen ereignet – in Syrien, im Iran, auf dem Mittelmeer, in einem Notaufnahmelager in Bayern oder in einem Abschiebegefängnis in Hamburg. Wenn ich an Josef und Maria damals denke: Wie sie das wohl gemacht haben mit der Einreise nach Ägypten? Welche Hürden da zu überwinden waren? Ob sie Menschen getroffen haben, die ihnen geholfen haben? Auch das alles wissen wir nicht, wird uns nicht überliefert. Irgendwie muss es ja wohl geklappt haben! Ganz bestimmt hat es Josef und Maria einiges an Energie, Kraft und Nerven abverlangt, im Ausland zu überleben, bis Herodes gestorben war. Die Flucht nach Ägypten und das Asyl in diesem Land war jedenfalls kein Spaziergang, den sich das Jesuskind aus Neugier und Langeweile ausgesucht hatte. Das können wir aus dieser Geschichte mitnehmen: Gott weiß, wie es ist, ein Flüchtling zu sein.

3.) Noch ganz kurz der dritte Gedanke: Gott erfüllt seine Verheißungen. So fremd und eigenartig uns das vorkommen mag: Aber der Kindermord zu Bethlehem war bereits vom Propheten Jeremia vorhergesagt worden. Und der Evangelist Matthäus legt Wert darauf zu sagen, dass diese Voraussage sich bewahrheitet hatte. Wir sollten jetzt nicht denken, dass Gott ein Sadist wäre, der ein diebisches Vergnügen daran hätte, Menschen zu ärgern und zu quälen. Ganz im Gegenteil! Er ist der Retter und Heiland! Aber Gott ist realistisch genug, uns Menschen zu kennen. Er rechnet mit der Boshaftigkeit und Sündhaftigkeit und dem Verdorbensein des Menschen. Er macht sich darüber keine Illusionen. Er weiß, im Ernstfall würden wir über Leichen gehen! Dass dabei immer die Schwächeren dran glauben müssen, ist ein Naturgesetz. Damals waren es die kleinen Kinder unter zwei Jahren. Heute sind es auch wieder Kinder, Frauen, Alte, Arme, Schwache, Ausländer, Leute mit Zivilcourage oder auch die im Mutterleib getöteten Kinder. Gott erfüllt seine Verheißungen. Und das heißt: Trotz und gerade wegen diesem Verdorbensein von uns Menschen, kommt Gott als Mensch, als Retter und Heiland zu uns. „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“ Ein Ausländer, Spätaussiedler, Flüchtling und Schwächling – von dem, ausgerechnet von dem soll das Heil herkommen! Unfassbar! Das können wir aus dieser Geschichte mitnehmen: Gott lässt sich in seinem Weg nicht beirren. Was er sich vorgenommen hat und durch seine Propheten hat ankündigen lassen, das macht er wahr. Liebe Gemeinde, als ob wir in diesem Jahr und besonders in diesen Tagen nicht schon genug von Flüchtlingen und irgendwelchen Greueltaten hören würden. Jetzt kommt noch eine solche Geschichte dazu. Aber es ist die Geschichte, die für alle anderen schlimmen Geschichten auf dieser Welt die Wende bedeutet. Und deshalb wird sie uns heute erzählt. Weil Gott stärker ist als alle Greueltaten und Gewaltherrscher dieser Erde. Weil das kleine hilflose Flüchtlingskind aus Ägypten, das knapp dem Tod entronnen ist, uns von allen schlimmen Dingen dieser Welt erlöst. Amen.