Predigt

Liedbetrachtung von Prädikant Gotfried Heyn: Mittwoch, 6. März 2013 um 19:30 in St. Petri


Liedmeditation üb. „Sei mir tausendmal gegrüßet“ ELKG 427

Liebe Gemeinde,
bitte lasst Eure Gesangbücher aufgeschlagen, um den Text der Liedstrophen verfolgen zu können. Das Lied „Sei mir tausendmal gegrüßet“ geht auf einen Zyklus von sieben lateinischen Passionsgedich-ten zurück. Die sieben Passionsgedichte trugen die Überschrift „Salve mundi salutare“. Das heißt zu Deutsch: „Gegrüßet seist du, Heil der Welt“. Verfasser dieses Zyklus ist der Ziesterziensermönch Arnulf von Löwen, der von etwa 1200 bis 1250 gelebt hat. Er war in den letzten zehn Jahren seines Lebens Abt eines Klosters im heutigen Belgien. Seine sieben Passionsgedichte richten sich an jeweils ein Gliedmaß bzw. Körperteil des gekreuzigten Christus: Füße, Knie, Hände, Seite, Brust, Herz und Gesicht. Paul Gerhardt hat nach den lateinischen Vorlagen deutsche Nachdichtungen geschaffen. Sein Lied „Sei mir tausendmal gegrüßet“ richtet sich an die Füße des sterbenden Christus. Die Melodie unseres Liedes geht auf eine Vorlage des Thomaskantors in Leipzig, Johann Hermann Schein, zurück. Sie ist in dem 1640 erschienenen, berühmten Gesangbuch „Praxis pietatis melica“ von Johann Crüger überliefert. Ursprünglich ist ein anderes Passionslied mit dieser Melodie versehen, das heute nicht mehr in unserem Gesangbuch steht: „Zion klagt mit Angst und Schmerzen“. Diese Art der Anbetung des Gekreuzigten, einzelne Teile des Corpus meditativ zu verehren, scheint uns heute wahrscheinlich sehr fremd. Sie entspringt der mittelalterlichen Frömmigkeit der Kreuzverehrung und trägt Züge der Mystik. Die Mystik strebt nach der geheimnisvollen Vereinigung mit Gott. Aus diesem Denken stammt das in unserem Lied anzutreffende sehr innerliche und fast intime Verhältnis des Beters zu Christus. Unser Lied hatte ursprünglich noch eine fünfte Strophe als Strophe zwei, die dieses fast intime Verhältnis beschreibt. Ich lese sie einmal vor: „Ich umfange, herz’ und küsse / der gekränkten Wunden Zahl / und die purpurroten Flüsse, / deine Füß und Nägelmal’. / O, wer kann doch, schönster Fürst, / den so hoch nach uns gedürst’t / deinen Durst und Liebsverlangen / völlig fassen und umfangen.“ Der Beter hat sich so sehr gedanklich in die Leidensgeschichte versenkt, dass er quasi Teil des Geschehens wird. Er ist leibhaftig bei der Kreuzigung auf dem Hügel von Golgatha anwesend. Er reiht sich ein in die Menge der Menschen, die dabeistehen und auf den Mann am Kreuz schauen. Ja, er kniet am Kreuz und umfasst die Füße des Gekreuzigten. Mit diesem Bild vor unseren inneren Augen lässt sich auch die Redeweise des Beters besser verstehen. Es handelt sich hier um ein Gespräch „unter vier Augen“ zwischen dem Beter und Christus. Es redet allerdings nur der Beter. Der sterbende Christus kann offenbar schon nicht mehr sprechen. Gleichwohl ist der Beter gewiss, dass Christus ihn hört. Das Beeindruckende an diesem Gespräch ist, dass der Beter – anders als die Zeitgenossen Jesu – weiß, warum Christus dort am Kreuz hängt. Die Jünger waren bis nach Ostern mit Unverständnis geschlagen. Sie hatten nur vor Augen, dass ihr Herr und Meister als Unschuldiger hingerichtet wurde, der Mann, für den sie alles aufgegeben hatten. Der Beter unseres Liedes hingegen weiß, dass Christus leiden und sterben musste. Insofern fällt er aus dem vorhin gezeichneten Bild der Menschen, die unter dem Kreuz stehen, wieder heraus. 1) Die erste Zeile der ersten Strophe erinnert an die Sitte im römischen Zirkus, dass dort kämpfende Gladiatoren den Kaiser grüßen mussten. Hier, in unserem Lied ist es genau umgekehrt. Der Beter grüßt den sterbenden Christus. Einerseits hat er damit Anteil an der Verspottung Jesu, von der uns in den Evangelien berichtet wird: „Gegrüßet seist du, König der Juden“, andererseits grüßt er den Herrn der Welt, der noch viel mächtiger ist als der römische Kaiser. Der klagende und schmerzvolle Klang des Beginns der Melodie scheint nicht so recht zum Text der ersten Strophe unseres Liedes zu passen. Jedoch der heller werdende Klang im Abgesang, also nach der Wiederholung, untermalt in wunderbarer Weise: „Ach, wie ist mir doch so wohl, wenn ich knien und liegen / soll an dem Kreuze, da du stirbest / und um meine Seele wirbest.“ 2) Die Gewissheit des Beters, dass der Tod Jesu zu seinem Heil ist, setzt sich in der zweiten Strophe fort. Christus wird als Arzt der Seele bezeichnet. Ihm vertraut der Beter seine Krankheit und Schmerzen an, in der Hoffnung, dass der Arzt ihm helfen kann. Der Patient – um im Bild zu bleiben – kennt auch die Ursache seiner Erkrankung. Es ist zum einen die Ursünde, die allen Menschen seit Adam und Eva anhaftet, und mit der jeder einzelne von uns sich vorfindet. Es ist zum anderen das selbstverschuldete Abweichen von Gottes Geboten und von seinem Weg. Sehr nüchtern beschreibt der Patient hier die Diagnose seiner Krankheit, unter der er leidet. Ein Patient, der so klar und unumwunden zugibt, dass er Hilfe braucht, dem kann viel besser geholfen werden, als einem, der seine Krankheit gar nicht wahrhaben will. Am Ende der zweiten Strophe wird auch gleich noch die Medizin genannt, mit der der Kranke behandelt werden muss: Es ist das Blut Christi. Die Formulierung „wird, o Herr, dein Blut mich netzen, wird sich all mein Jammer setzen“ erinnert an die alttestamentliche Praxis, bei der der Altar mit dem Blut der Opfertiere besprengt bzw. benetzt wurde. Sie ist zugleich Hinweis auf das heilige Abendmahl, in dem wir mit dem Blut Christi benetzt werden und so von der Krankheit unserer Seele geheilt werden. 3) Die dritte Strophe unseres Liedes verlässt das Bild von Arzt und Patient und wendet sich dem Innersten des Menschen zu, der Personmitte, seinem Herzen. Wenn etwas von einem Menschen Besitz ergreift, dann geht ihm das mitten ins Herz, sei es nun Liebe oder Hass, Freude oder Trauer. Im Herzen haben unsere Gefühle ihren Ursprung, da hat unser Gemüt sein Zentrum. Die anfangs genannte Verbindung des Zisterziensermönchs Arnulf zur mystischen Frömmigkeit seiner Zeit wird hier am stärksten deutlich. In Gottes Güte findet sein Herz Ruhe und Frieden. Das irdische Leben mit seinen Anstrengungen und Belastungen, mit den Mühsalen und Kümmernissen tritt völlig in den Hintergrund, wenn der Beter sich in die Wunden Jesu vertieft und die darin verborgene Liebe Gottes erfährt. 4) Strophe vier wird nun wieder ganz diesseitig und bildreich. Der Beter will die Füße des sterbenden Christus halten, so gut er kann. Durch die Art der Hinrichtung ist der Gekreuzigte allen anderen Formen der Zuwendung entzogen. Er hängt dort oben am Kreuz ganz allein. Keine Hand kann seine Hand halten. Keiner kann dem Sterbenden über die Wange streichen oder seine trockenen Lippen mit Wasser erfrischen. Die Hilflosigkeit angesichts des Todes wird in geradezu bedrückender Weise deutlich – die Hilflosigkeit des Hingerichteten genauso wie die Hilflosigkeit der Umstehenden. Wut, Verzweiflung, Hass wären verständliche Reaktionen auf beiden Seiten. Der Beter bittet in dieser Situation, dass Christus ihn liebevoll und gnädig anschauen möge. Die gefalteten Hände stehen als Zeichen für die Bitte des gläubigen Menschen, dass Christus ihn erlöse von allen Sünden, von allem Leiden, von aller Krankheit, vom Tode und von der Gewalt des Teufels. Der letzte Satz unseres Liedes, den der Beter Christus in den Mund legt, ist noch einmal Zeichen der Gewissheit des Beters, dass Christi Leiden zu seinem und unser aller Heil ist. Christus wird nicht im Tod bleiben, sondern er hat durch seine göttliche Macht den Tod in geheimnisvoller Weise überwunden. Deshalb brauchen wir nicht in Trostlosigkeit und Trauer zu versinken angesichts all der Schrecklichkeiten in unserem Leben. Deshalb brauchen wir nicht zu erschrecken, wenn ein irdisches Leben zu Ende. Deshalb können wir auch angesichts des Todes fröhlich und getröstet sein und auf das ewige Leben bei Gott warten. Denn Christus selbst spricht: „Lass all dein Trauern schwinden, ich tilg all deine Sünden.“ Amen.