Predigt

Miserikordias Domini 14. April 2013, von Gottfried Heyn

(Die Predigt zum Mithören nach Manuskript: )

(Der komplette Gottesdienst: )

Predigt üb. Joh 21,15-19
Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber, als mich diese haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du wei ßt, dass ich dich liebhabe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer! Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebhabe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich liebhabe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hin wolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst. Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!

Liebe Gemeinde,
wahrscheinlich habt ihr alle schon Filme gesehen oder Bücher gelesen, in denen diese Frage vorkommt: „Schatz, liebst du mich?“ oder etwas fordernder: „Sag, dass du mich liebst!“ Oder ihr kennt das aus eigenem Erleben! Meist steckt dahinter die Angst, dass die Liebe des anderen nicht echt sein könnte, nur vorgetäuscht, gespielt. Und wenn diese Frage dann noch ständig wiederholt wird, und damit auch die positive Antwort eingefordert wird, dann wird das penetrant und nervig. Wie wir überhaupt gereizt reagieren würden, wenn uns jemand dreimal hintereinander dasselbe fragt! In dem Abschnitt aus dem Johannesevangelium, den ich euch gerade vorgelesen habe, ist das so ähnlich und gleichzeitig ganz anders. Da steht Petrus im Mittelpunkt. Vorigen Sonntag war es der ungläubige Thomas. Diesmal Petrus. Sie stehen stellvertretend für alle Jünger. Sie stehen stellvertretend für uns in diesen Geschichten. Jeder von uns könnte Thomas oder Petrus sein. Heute also Petrus. Der starke Typ. In drei Abschnitten lasst uns genauer hinschauen, was da passiert:
1) Jesus vergibt Petrus.
2) Jesus nimmt Petrus wieder in seinen Dienst.
3) Jesus sendet Petrus.

1) Der erste Gedanke: Jesus vergibt Petrus. Dreimal hintereinander stellt Jesus dem Petrus dieselbe Frage. Aber anders als in den Filmen und Romanen steht bei Jesus dahinter nicht die Angst, Petrus könnte ihn enttäuschen oder ihm etwas vorspielen. Und anders als wir wahrscheinlich reagieren würden, antwortet Petrus dem Herrn auf diese dreimalige Frage. Petrus wird durch Jesus daran erinnert, dass er ihn dreimal verleugnet hat, dort am Feuer im Hof des hohepriesterlichen Palastes. Er war Jesus nach seiner Gefangennahme gefolgt. Aber er hatte nicht den Mumm gehabt, zu ihm zu stehen. Und dann hatte der Hahn gekräht. In diesem Moment war er zusammengebrochen. Er, der starke Petrus, der es im Ernstfall mit jedem aufnahm. Geweint wie ein Kind hatte er. Heimlich hatte er sich davongeschlichen und versteckt. Das alles war erst wenige Tage her. Ich stelle mir vor, wie Petrus innerlich zwiegespalten herumgelaufen ist, wie Falschgeld. Ja, der Herr war tatsächlich auferstanden. Er hatte ihn gesehen, mit ihm geredet und ihn berührt. Sie hatten gemeinsam gegessen. Und doch war er bedrückt und traurig über das, was da geschehen war. Irgendwie musste eine Klärung her. Aber er hätte sich nie getraut, den Herrn daraufhin anzusprechen. Und nun spricht Jesus ihn an. Ob die anderen dieses Gespräch mitgehört haben, wissen wir nicht. Peinlich war es für Petrus sicher allemal. Aber Jesus sagt nicht: „Also, Petrus, wie soll es denn jetzt mit uns weitergehen? Willst du dich nicht wenigstens mal entschuldigen? Das wird doch hoffentlich nicht nochmal vorkommen?“ Nein, Jesus spricht den Vorfall gar nicht direkt an. Er fragt Petrus nur, ob er ihn liebhat. Und Petrus antwortet ihm: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.“ Die Antwort des Petrus ist eher schüchtern und kleinlaut. Er spürt seine Schuld und wagt kaum, frei und offen zu reden: „Herr, du weißt doch ...“ Petrus hofft darauf, was er von seinem Herrn und Meister schon weiß: Dass er ihm ins Herz sehen kann und dort sieht, wie es um ihn bestellt ist. Petrus hofft darauf, dass Christus sich über ihn erbarmt. Petrus hofft darauf, dass der Herr ihm vergibt. Und tatsächlich geschieht genau das. Jesus gibt dem Petrus einen neuen Auftrag. Dreimal sagt er zu ihm: „Weide meine Schafe.“ Er setzt Petrus wieder als seinen Jünger und Apostel ein. Er nimmt ihm die Schuldgefühle und beendet die stumme, nicht ausgesprochene Schuld des Petrus. Jesus nimmt Petrus wieder in seinen Dienst.

2) Damit kommen wir zu unserem zweiten Gedanken: Unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten wäre Petrus ein Kandidat fürs Arbeitsamt und Hartz IV. Höchstens noch als 1-Euro-Jobber einsetzbar. So einen Versager würde doch kein Unternehmer mehr einstellen. Mit so einem Knick im Lebenslauf kann man doch jede Bewerbung vergessen! Aber Jesus handelt anders, als es bei uns Menschen üblich ist. Er sagt nicht mal: „Na gut, Petrus, weil ich dich ganz gut kenne, und du ja kein schlechter Kerl bist – eine Chance gebe ich dir noch.“ Nein, er nimmt Petrus ohne Wenn und Aber wieder in seinen Dienst, ohne Bedingungen, ohne Auflagen. Das sollt ihr, liebe Gemeinde, heute an Petrus lernen: So verhält es sich mit der Sündenvergebung unseres Herrn! Wer seine Sünde bereut und darüber traurig wird, dass er den Herrn enttäuscht hat, der darf darauf bauen, dass Christus ihn wieder aufnimmt. Christus ist kein Arbeitgeber, der euch rausschmeißt. Er ist auch kein gutmütiger Kerl, der euch wenigstens noch mal eine Chance gibt. Jesus Christus ist ganz anders und viel besser. Er ist euer Heiland. Er ist der, der euch wieder heil macht an Leib und Seele. Er stellt euch keine Bedingungen. Er verhängt keine Bewährungsstrafen. Er nimmt eure Schuld, euer Versagen, eure Angst und wirft sie ins Meer dort, wo es am tiefsten ist. Darauf sollt ihr hoffen und ganz fest vertrauen – so wie Petrus! Vielleicht müssen wir das durch ein ganzes Leben hindurch lernen. Wer jung ist, hat Ideen und Ziele, wahrscheinlich auch jede Menge Flausen im Kopf. Man will am liebsten selber entscheiden, was man tut und wohin man geht. Aber mit zunehmendem Alter merkt man allmählich, dass man sich fügen muss, dass man mit dem zufrieden sein muss, was man hat oder geschenkt bekommt. Und im hohen Alter gewinnt man den Blick dafür, dass man ganz auf die Gnade Gottes angewiesen ist. Dann kann man und muss man Ihm getrost die Führung überlassen. „Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hin wolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst.“ Jesus nimmt uns wieder in seinen Dienst, so wie er Petrus wieder in seinen Dienst genommen hat. Und er tut dies immer wieder, bis ihr euch ihm ganz anvertraut und ihm völlig die Führung überlasst. Es kann sein, dass wir dann auf Wege geführt werden, die wir uns nicht ausgesucht haben. Es kann sein, dass Gott uns in Bewährungsproben schickt. Auch wenn wir schon mehr als einmal versagt haben. Aber die letzte Probe werden wir mit seiner Hilfe bestehen.

3) Der dritte Gedanke: Jesus sendet Petrus. Der Herr vergibt Petrus seine Schuld und nimmt ihn wieder in seinen Dienst. Und dies tut er, indem er ihn sendet: Weide meine Lämmer! Weide meine Schafe! Folge mir nach! Jesus gibt Petrus eine Aufgabe in der Kirche. Er stellt ihn mitten in die Herde Christi. Hier in der Kirche, in der Gemeinde arbeitet Jesus mit solchen Versagertypen wie dem Petrus. Er braucht und gebraucht Leute, die aus seiner Vergebung leben, die darauf angewiesen sind, dass der Herr selbst sie leitet und führt. Leute, die Vergebung nötig haben. Das ist so paradox wie der Auftrag Christi und das Bild von der Herde. Paradox deshalb, weil Petrus ein Schaf in dieser Herde ist und zugleich zum Hirten eingesetzt wird. Paradox deshalb, weil der Hirte zwar hinter der Herde geht und sie zugleich führt und leitet. Das geht nur, weil Christus, der oberste Hirte, der Erzhirte, auch Hirte und Lamm zugleich ist. Er ist uns gleich geworden, ein Mensch wie wir nur ohne Sünde. Er ist unser Passalamm, das für uns geschlachtet ist. Er ist unser Osterlamm, das für uns den Tod besiegt hat und auferstanden ist und lebt. Diesem Lamm sollen wir nachfolgen. Und zugleich ist es der gute Hirte, nämlich der, der sein Leben lässt für seine Schafe. Dieser Hirte führt und leitet uns. Er zeigt uns die Richtung, in die wir laufen müssen. Er passt auf, dass sich kein Schaf verirrt. Und wenn das doch mal passiert, dann sucht er das verirrte Schaf. Der heilige Apostel Petrus war so ein verirrtes Schaf. Aber Christus hat ihn gesucht und gefunden. Er hat ihn gesendet auf den richtigen Weg, der zum Himmel führt. Liebe Gemeinde, vielleicht seid ihr auch manchmal genervt von den sich wiederholenden Fragen nach eurem Glauben und eurer Liebe zu unserem Herrn Christus. Mag sein. Aber ihr sollt daran merken, dass ihr dem Heiland nicht egal seid, sondern dass er euch sucht und euch nachgeht und will, dass ihr zu seiner Herde gehört. Denn in der Herde Christi, in der Kirche und Gemeinde kommt ihr ans Ziel eures Lebens. Amen.