Predigt

4. Sonntag nach Trinitatis, 23. Juni 2013, von Präses Bugbee / Lutheran -_Church Canada

(Die Predigt zum Mithören nach Manuskript: )

Predigt üb. 1. Mose 50,15-21

In Christus liebe Brüder und Schwestern!
Jeden Sonntag bekennen Sie es auch hier in Hannover aufs neue: „Ich glaube an die Vergebung der Sünden.“ Von Vergebung hört man aber – jedenfalls bei uns in Kanada – äußerst wenig im öffentlichen Bereich. Da wird viel lieber von Rechten und Ansprüchen, von Anklagen, Aktionen und Zugeständnissen, von Auseinandersetzungen und Abkommen geredet. Selbst wenn jemand, der offensichtlich Schlechtes getan hat, es vor der Presse bzw. im Fernsehen aufrichtig bekennt, kann man die Reaktion kaum mit dem Begriff „Vergebung“ wiedergeben. Nein, der Bekennende soll möglichst schnell verschwinden und wird in der Zukunft höchstwahrscheinlich in Vergessenheit geraten. Solches Vergessensein scheint also berechtigte Konsequenz seiner Untaten zu sein. In der Kirche Jesu Christi wollen wir aber unbeirrt daran festhalten: „Ich glaube an die Vergebung der Sünden.“ Zu unseren Grundüberzeugungen gehört diese Aussage. Das Thema wird gleich zu Beginn des Gottesdienstes durch Sündenbekenntnis und Absolution aufgegriffen. Trotzdem leidet so manche Gemeinde oder kirchlich aktive Familie akut daran, daß nicht vergeben wird, daß selten um Vergebung gebeten wird, daß selbst unter Christen Verhältnisse dadurch gelähmt wenn nicht vollkommen kaputt bleiben. Im heutigen Text hören Sie kein akademisches Referat zum Thema „Vergebung“. Wir sehen vielmehr, wie die Vergebung lebendig wird, was sie alles zustande (2) bringen kann. Hier schreitet uns die Vergebung als teuerster Schatz entgegen;

I. als ein Schatz, den Sie auf jeden Fall bekommen müssen;
II. als ein Schatz, den Sie in der Kraft Jesu Christi weitergeben können.

I. Vor Jahren schon hatten sich Jakobs Söhne sowohl an ihrem Vater als auch am Bruder Josef schwer versündigt. Sein Stolz als Jugendlicher war ihnen nach und nach unerträglich geworden. Sie verkauften ihn folglich in die Sklaverei nach Ägypten. Sie betrogen ihren trauernden Vater mit der Lüge, Josef sei von einem Raubtier umgebracht. Das 1. Mosebuch bringt uns die Geschichte, wie durch Gottes Fügung Josef letzten Endes in Ägypten praktisch zum Bundeskanzler wurde und eine massive Getreidespeicherung anordnete, so daß das Land in den Jahren der Hungersnot nicht total zugrunde ging. Gerade diese Hungersnot hat der Herr gebraucht, um Jakobs Familie wieder zusammen zu führen. Aus den angrenzenden Ländern sind zahlreiche Menschen nach Ägypten geflohen, um Getreide zu kaufen. Zu ihnen gehörten auch Jakobs Söhne. Erst später erfuhren sie, daß der von ihnen abgeschobene Bruder noch lebt und in Ägypten über eine ungeheuere Macht verfügt. Gnädig – nicht vergeltend, sondern gnädig – war Josef mit seinen Brüdern umgegangen. 17 Jahre lang hatte er für sie und den alten Vater gesorgt. Nun – und hier setzt sich die alttestamentliche Lesung für den heutigen Sonntag ein – ist der Vater Jakob gerade gestorben. DIE BRÜDER ... ABER FÜRCHTETEN SICH ... UND SPRACHEN: JOSEF KÖNNTE UNS GRAM SEIN UND UNS ALLE (3) BOSHEIT VERGELTEN; DIE WIR AN IHM GETAN HABEN. Überall hat ihnen das Schweigen eine ungeheuere Angst eingejagt. Die Brüder selbst hatten geschwiegen, hatten bis jetzt weder ein aufrichtiges Sündenbekenntnis gesprochen noch um Vergebung gebeten. Seit dem Tod des Vaters hatte sich auch Josef scheinbar nicht mehr über die alte „Wunde“ geäußert. Durch das Schweigen kamen die Brüder auf wilde Spekulationen. Ihre Schuldgefühle wurden dadurch wieder richtig wach. Im 32. Psalm singt David wortwörtlich ein Lied davon: ALS ICH (meine Sünde) VERSCHWEIGEN WOLLTE, VERSCHMACHTETEN MEINE GEBEINE DURCH MEIN TÄGLICHES KLAGEN: DENN DEINE HAND LAG TAG UND NACHT SCHWER AUF MIR; DASS MEIN SAFT VERTROCKNETE; WIE ES IM SOMMER DÜRRE WIRD. Sowas kann zu schlaflosen Nächten führen, wie ich aus eigener Erfahrung weiß; Sie vermutlich auch. Obwohl es nicht immer so geht, läßt der Herr es hin und wieder so vorkommen, damit man es endlich kapiert: die Vergebung ist ein teurer Schatz. Jakobs Söhne dachten nun so. Sie wurden durch das Begehren richtig angetrieben, eine grundlegende Versöhnung mit ihrem Bruder zu suchen. SIE LIESSEN (JOSEF) SAGEN: DEIN VATER BEFAHL VOR SEINEM TODE UND SPRACH: SO SOLLT IHR ZU JOSEF SAGEN: VERGIB DOCH DIESE MISSETAT UNS, DEN DIENERN DES GOTTES DEINES VATERS! UND JOSEF WEINTE, ALS SIE SOLCHES ZU IHM SAGTEN. Es war kein bloßer Trick ihrerseits. Bei Worten ließen sie die Sache nämlich nicht bewenden. Sie GINGEN vielmehr HIN, FIELEN VOR (JOSEF) NIEDER UND SPRACHEN: SIEHE, WIR SIND DEINE KNECHTE. Echte Demut steckte da (4) drin. Wir kennen eine ähnliche Schilderung aus dem Mund Jesu Christi, der uns im Lukasevangelium vom verlorenen Sohn berichtet, wie er bereits vor der Heimkehr zu seinem Vater zu bekennen gedachte: ICH BIN HINFORT NICHT MEHR WERT, DASS ICH DEIN SOHN HEISSE; MACHE MICH ZU EINEM DEINER TAGELÖHNER. Ein Mensch, der so denkt, will sich nicht mehr nur leichtfertig entschuldigen. Ein Mensch, der so redet, will entlastet werden, richtig befreit werden, will vergeben werden. Eine solche Demut schmerzt tief. Einmal erklärte Jesus, WILL MIR JEMAND NACHFOLGEN, DER VERLEUGNE SICH SELBST UND NEHME SEIN KREUZ AUF SICH UND FOLGE MIR. Die Selbstverleugnung steht hier an erster Stelle. Die großen Kämpfe führen wir Christen nämlich nicht mit der ungläubigen Außenwelt. Die größten Kämpfe spüre ich in mir selber, mit Neid und Undank, mit Bitterkeit und Selbstsucht. Da gilt es, ganz kompromißlos vorzugehen. Da gilt es, zu sich selbst ein deutliches „Nein“ zu sprechen, meine Vorlieben zu beseitigen, damit der Herr mit Seinem Willen durchdringt. Selbstverleugnung schmerzt tief. Es hat den Jakobssöhnen sicherlich gewaltig weh getan, als sie ihr Schweigen brachen, den ersten Schritt zu Josef taten, vor ihm niederfielen und sich dazu bereit erklärten, seine Sklaven zu werden. Es tut heute noch weh, wenn ich jemandem zugestehen muß, „Sie hatten recht. Ich hätte nie so reden dürfen. Es war verkehrt, als ich dieses oder jenes getan habe. Vergeben Sie es mir. Von verschönenden Ausreden will ich nichts mehr wissen. (5) Vergeben Sie es mir.“ Wie gesagt, tut so etwas weh. Bußfertigkeit und ein aufrichtiges Sündenbekenntnis können weh tun. Damit schlägt man nämlich den eigenen Stolz tot. Dadurch aber wird der Weg zur Freiheit geöffnet. DIE OPFER, DIE GOTT GEFALLEN, SIND EIN GEÄNGSTETER GEIST, EIN GEÄNGSTETES, ZERSCHLAGENES HERZ WIRST DU, GOTT, NICHT VERACHTEN, Psalm 51. In einem ausschlaggebenden Moment hatten die Jakobssöhne keinen Prediger nötig, um ihnen einzureden, wie die Vergebung ein teurer Schatz ist. Sie dürsteten geradezu danach.

II. Die Vergebung ist aber auch ein teurer Schatz, den Sie in der Kraft Jesu Christi weitergeben können. Da wollen oft freilich Hindernisse eintreten. Josef weinte, als ihm die Brüder die Botschaft zukommen ließen mit ihrer Bitte um Gnade. Es hat ihn wohl verletzt, daß man ihm scheinbar immer noch nicht ganz vertraute, trotz der Tatsache, daß er für diese Brüder 17 Jahre lang schon reichlich gesorgt hatte. Er hätte sich in diesem Moment nur den eigenen Gefühlen widmen können. Es ist verständlich, daß Menschen in dieser Hinsicht stark versucht werden. Man kann natürlich nur an sich und an denjenigen denken, der mir Schlechtes tat. Alles dreht sich dann um meine Verletzung, meinen Schmerz, und um die Strafe, die ich eigentlich einfordern dürfte. Ein Senator im amerikanischen Kongreß erzählte einmal von den Reibereien zwischen sich und einem Kollegen, den er, wie er es so schön ausdrückte, „15 Jahre lang treu gehaßt hatte.“ Der Haß bestand in (6) gegenseitiger Richtung genau so. Eines Tages wurde ihm die Torheit der Situation eindringlich klar. „Ich ging zu seinem Büro hin,“ erzählte der Senator. „Er hat mich gleich angeflucht und mit Nachdruck wiederholt, wie er mich verachtete. Ich antwortete, daß ich seinen Haß hinfort nicht erwidern würde, und ging dann weg. Er eilte mir gleich nach. Im Korridor vor dem Fahrstuhl kamen wir ins Gespräch, und haben uns gegenseitig vergeben. Seit dem Tag sind wir nun Freunde.“ Freilich bringt man es manchmal sogar fertig, sowas Dramatisches zu vergeben. Es kann uns natürlich drückend schwer fallen, die andauernden Irritationen im Alltag zu verkraften. Wie soll ich vergeben können im Falle eines unmöglichen Nachbarn ... einer dauernd meckernden Schwiegermutter ... einem Kind, das ständig lügt ... eines Freundes, der immer gern redet, mich aber kaum zu Wort kommen läßt? Ohne es zu wissen, wird Josef in diesem Text zu unserem Lehrer. Ohne es zu wissen, weist er uns auf Jesus. Nach dem Eingang der Bitte um Vergebung von seiten seiner Brüder und nach den eigenen Tränen, fragte er: STEHE ICH DENN AN GOTTES STATT? Das Wesentliche war ihm klar. Es ging nicht so sehr um seine Tränen, nicht in erster Linie um sein verletztes Herz. Es geht in erster Linie um den Willen des gnädigen Gottes, des Gottes, der uns heute schon im heiligen Evangelium durch das Wort Jesu Christi anredete: SEID BARMHERZIG, WIE AUCH EUER VATER BARMHERZIG IST. Im Lauf der Jahre, die Josef in Ägypten verbrachte, hatte Gott so nach und nach seinen Willen (7) entfaltet. Er wollte Menschen vor der Hungersnot retten; nicht nur das ägyptische Volk, sondern auch Jakobs Familie, aus der Josef stammte. Er wollte die Jakobsfamilie retten, damit aus dem Stamm eines Tages der verheißene Heiland auf die Welt käme. Die ganzen Einzelheiten, wie wir sie im Neuen Testament lesen, kannte Josef noch nicht. Aber manches Wichtige wußte er dafür ganz genau. Der wahre Gott ist ein rettender Gott. Verkehrt und lieblos war es, als die Brüder den jungen Josef in die Sklaverei verkauften. Sünde ist Sünde, und es war schon nötig, daß die Brüder um Vergebung baten. Aus Bösem aber hat der Herr Gutes hervorgebracht. Der wahre Gott ist ein rettender Gott. Er kann gebrochene menschliche Beziehnungen wieder heilen. Er kann entfremdete Menschen unerwartet zusammenführen. Diese Einsicht leuchtet uns schon aus Herzen Josefs entgegen. Aus dieser Kraft heraus beruhigte er seine Brüder: FÜRCHTET EUCH NUN NICHT; ICH WILL EUCH UND EURE KINDER VERSORGEN: UND ER TRÖSTETE SIE UND REDETE FREUNDLICH MIT IHNEN. In der hebräischen Ursprache wird der Gedanke handgreiflich ausgedrückt: „Er redete zu ihren Herzen.“ Ich stelle mir die Sache bildhaft vor, als hätte Josef die Herzen seiner Brüder in die Hand genommen, um ihre Ängste zu „massieren,“ sozusagen. STEHE ICH DENN AN GOTTES STATT? Sie kennen die Antwort schon: Nein, da stehen wir nicht! Sie kennen aber auch den Willen des Herrn Christus, der als menschgewordener Gott in unserer Welt lehrte und heilte, der in dieser Welt blutete und starb, der in (8) Herrlichkeit wieder auferstanden ist und uns, Seine Kinder, durch Sein Wort heute noch ganz aktiv leitet. Durch ihn und von ihm ist Ihnen reichlich vergeben worden. Dieser Jesus, der sein Leben ließ, um Ihnen die Vergebung zu erwerben, Der macht Ihnen Ihr Herz neu, haucht seine Wärme dort ein, damit Sie die Vergebung weitergeben, nicht mit leeren Worten, nicht nur aus Pflicht, sondern voll und gern. Jesus Christus macht das Unmögliche möglich in den Herzen seiner gläubigen Söhne und Töchter. MIT MEINEM GOTT ... KANN ICH ÜBER MAUERN SPRINGEN, sang der König David im 18. Psalm. Mit Christus können wir in unserer Zeit Mauern der Bitterkeit und des Stolzes überwinden. ICH VERMAG ALLES DURCH DEN, DER MICH MÄCHTIG MACHT, schrieb Paulus an die Philipper. Das bezieht sich bestimmt nicht nur auf unser Ringen mit der Außenwelt, sondern auch auf das innerliche Ringen, das ich mit mir selbst erlebe. Ein prächtiges Kapitel haben wir hier im 1. Mose 50! Frelich, hier gibt es kein Erdbeben, keinen Stillstand der Sonne, kein Teilen des Meeres. Trotzdem hören wir von einem Wunder Gottes – und sehen Ihn am Werk – wenn um die Vergebung ohne Vorbehalte gebeten wird, und wenn man Vergebung aus einem willigen Herzen weitergibt. Sie ist ein teurer Schatz, der Leben rettet, der menschliche Beziehungen belebt, der auch Ihre Herzen und unsere Gemeinden zu einem Zufluchtsort gestalten kann, wo Christus uns und anderen spürbar begegnet. Amen.