Predigt

17. Sonntag nach Trinitatis, 22. September 2013, von P. Heyn

(Die Predigt zum Mithören nach Manuskript: )
(Der komplette Gottesdienst zum Hören: )

Predigt üb. Johannes im 9. Kapitel
Es kam vor Jesus, dass die Juden den ausgestoßen hatten, der blind gewesen und sehend geworden war. Und als Jesus ihn fand, fragte er: Glaubst du an den Menschensohn? Er antwortete und sprach: Herr, wer ist's? dass ich an ihn glaube. Jesus sprach zu ihm: Du hast ihn gesehen, und der mit dir redet, der ist's. Er aber sprach: Herr, ich glaube, und betete ihn an. Und Jesus sprach: Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, damit, die nicht sehen, sehend werden, und die sehen, blind werden. Das hörten einige der Pharisäer, die bei ihm waren, und fragten ihn: Sind wir denn auch blind? Jesus sprach zu ihnen: Wärt ihr blind, so hättet ihr keine Sünde; weil ihr aber sagt: Wir sind sehend, bleibt eure Sünde.

Liebe Gemeinde,
die Überschrift des heutigen Sonntags ist das Stichwort: Glaube. Es geht um den Glauben von Menschen. Es geht um den Glauben an Jesus Christus, unseren Herrn. Es geht um unseren Glauben. Und es geht darum, was dieser Glaube bewirkt. Oft genug werden wir deswegen von den Leuten belächelt oder verspottet. Es fällt uns auch nicht immer ganz leicht, über unseren Glauben zu reden. Er ist so unanschaulich und abstrakt. Er passt nicht in die Kategorien, die wir sonst aus unserem Leben kennen: Wieviel kostet das? Wie groß ist das? Wie schnell ist etwas? Kann ich das messen und kontrollieren? Hab ich die Dinge in der Hand? Mich hat es bei der Vorbereitung unserer Predigt beruhigt zu lesen, dass es den Menschen in der Bibel nicht anders ging als uns: zum Beispiel der Frau, von der wir im Evangelium gehört haben, oder dem Blindgeborenen in unserer Geschichte. Da ist von ihrem Glauben die Rede, der so völlig quer steht zu allem anderen und deshalb an-eckt. Vor genau acht Wochen haben wir den Anfang dieser Geschichte im 9. Kapitel des Johannesevangeliums in der Predigt bedacht. Heute ist das Ende der Geschichte Grundlage unserer Predigt. Die handelnden Personen sind zum Teil noch dieselben: Jesus und der Blindgeborene. Aber statt der Jünger Jesu, sind jetzt die Pharisäer im Gespräch mit dem Herrn. Und so eigenartig und wunderlich wie diese Geschichte begonnen hat, so eigenartig und wunderlich endet sie auch. Lasst uns in drei Abschnitten der Geschichte folgen:

Zuerst steht der geheilte Mensch im Mittelpunkt.
Als zweites Jesus selbst.
Und als drittes die Pharisäer.

1) Der von Jesus geheilte Mensch. Er wird von seinen Mitmenschen bedrängt und in die Zange genommen und schließlich aus ihrer Gemeinschaft ausgestoßen. Denn er bleibt dabei, dass derjenige, der ihn geheilt hat, kein „normaler“ Mensch sein kann, sondern „von Gott“ sein muss, wie er sagt. Jesus „kriegt Wind“ von der Sache und macht sich offenbar auf die Suche nach ihm. Als er ihn schließlich findet, fragt er nicht etwa: Wie geht’s dir? Er hat auch keine Zeit für Mitleidsfloskeln. Sondern er fragt diesen Menschen auf den Kopf zu: „Glaubst du an den Menschensohn?“ Peng! Das hat gesessen! Wir haben uns gestern beim Vorstehertag die Frage gestellt, darf man Menschen so einfach fragen, warum sie nicht mehr zur Kirche kommen. Jesus kann einfach so fragen: „Glaubst du an den Menschensohn?“ – Spannend ist die Antwort des Mannes. Er sagt nicht einfach ja, sondern vergewissert sich vorher nochmal: Herr, wer ist dieser Menschensohn, damit ich an ihn glaube? – Irgendwie ist er mir damit sympathisch. Das kenn ich von mir selber auch. Lieber nochmal nachfragen. Vielleicht ist es sogar ein Zeichen dafür, dass unser Glaube eigentlich immer wieder so eine Vergewisserung braucht. Herr, wer bist du, dem ich vertraue? Ist es wirklich so, dass du mächtig bist? Kann ich dir wirklich voll vertrauen? Mir kommen so oft Zweifel. Mein Glaube ist oft so klein. Ich verzage vor den Dingen, die auf mich zukommen, anstatt sie dir vor die Füße zu legen und darauf zu vertrauen, dass du mich festhältst und trägst, auch dann, wenn ich keine Kraft mehr habe! Und dann gibt Jesus so eine typische Jesus-Antwort: Er erinnert den Mann daran, was er mit Jesus erlebt hat, nämlich das größte Wunder seines Lebens: „Du hast ihn gesehen, und der mit dir redet, der ist’s.“ Jesus nimmt den Mann ernst mit seinem kurzzeitig aufkommenden Zweifel, dem Wunsch nach Vergewisserung. Und so tut er es auch mit uns. Immer wieder lässt er uns sagen, wer er ist, und warum wir ihm vertrauen, warum wir zu ihm gehören. Er wird nicht müde, uns unseren Glauben zu stärken, damit wir dann mit dem Blindgeborenen zusammen sprechen können: Herr, ich glaube.

2) Jesus. Da ist die etwas unvermittelt daherkommende Aussage Jesu über den Grund seines Kommens in die Welt. „Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, damit, die nicht sehen, sehend werden, und die sehen, blind werden.“ Auweia! Das ist so gar nicht das, was wir hören wollen. Jesus ist zum Gericht gekommen? Sehende sollen blind werden? Das kann ja heiter werden! Genauso direkt wie Jesus den Mann nach seinem Glauben fragt, sagt er uns den Grund seines Kommens in die Welt: zum Gericht. Also nicht etwa das Eiapopeia vom Himmel, das der Dichter Heinrich Heine verspottet hat, sondern eine knallharte Ansage: Leute, am Ende der Zeiten wird abgerechnet! Dieser Satz allein klingt nicht nur nach einer Drohung, er ist auch eine. Aber Jesus redet ja noch weiter: „damit, die nicht sehen, sehend werden, und die sehen, blind werden.“ Ich verstehe den Herrn so, dass er hier das Wort „sehen“ irgendwie mit dem Wort „glauben“ in Verbindung bringt und sogar gleichsetzt. Aber nicht einfach eins zu eins. Dann würde es schief werden: damit, die nicht glauben, glaubend werden, und die glauben, ungläubig werden – sagt er nicht, sondern: damit, die nicht glauben, glaubend werden, und diejenigen, die meinen, schon alles zu wissen, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, die denken, sie könnten von sich aus den Glauben „produzieren“ und sich ihren Gott zurechtmachen, wie sie es brauchen, mit Blindheit geschlagen werden. Jesus Christus schenkt den Glauben denjenigen, die noch nicht glauben, die noch blind sind. Das ist das Wichtige. Es gibt Leute, die denken, dass sie mit ihrer zur Schau gestellten Frömmigkeit den Herrn beeindrucken könnten. Aber das ist ein Irrtum. Diese Selbstherrlichkeit wird bestraft werden. Mit Blindheit. Sie werden im Dunkeln tappen und keinen Ausweg finden. Spätestens wenn es ans Sterben geht, dann stellt sich die Frage ganz existenziell: Worauf vertraust du? Wer hält dich, wenn dir alles entgleitet? Woran klammerst du dich? Den Pharisäern hilft ihre überhebliche Frömmigkeit und ihre penible Erbsenzählerei in Religionsdingen am Ende gar nichts. Da zählt nur, dass der Herr selbst uns sehend macht, dass er uns die Augen des Glaubens geschenkt hat. Darin besteht das Gericht Gottes. Es ist nicht so sehr Gerichtsverhandlung, sondern das Gericht Gottes über uns Menschen besteht darin, dass er uns sehend macht, dass Gott uns den Glauben schenkt! Deshalb können wir auch vom gnädigen Gericht Gottes sprechen. Es kommt nicht auf unsere Taten an, sondern auf Christus und sein Werk.

3) Bleibt noch der letzte Abschnitt der Geschichte: Die Frage der Pharisäer. Ich finde, da wird es jetzt richtig kompliziert. „Sind wir denn auch blind?“ Die Pharisäer wollen nicht wahrhaben, dass sie zu den Blinden gehören könnten. Sie wollen nicht akzeptieren, dass der Menschensohn „von Gott“ ist, dass Jesus göttliche Vollmacht besitzt. Sie wollen nicht an ihn glauben. Wären sie so blind wie der Blindgeborene blind war, der sich einfach von Jesus mit seinem Augenlicht beschenken ließ, der sich von Jesus das Vertrauen auf Gott schenken ließ, dann hätten sie keine Sünde! Eine steile Aussage! Das vollkommene Offensein für Gott, für seine Zuwendung, für sein Geschenk des Glaubens, würde absolute Reinheit, Makellosigkeit, Sündlosigkeit bedeuten! Das wären ja paradiesische Zustände! Dann wären wir ja schon im Himmel, bei Gott! „Weil ihr aber sagt: Wir sind sehend, bleibt eure Sünde.“ Ich denke plötzlich gar nicht mehr an die hochnäsigen Pharisäer, sondern an mich selbst: Weil ich sage, ich bin sehend, ich bin glaubend, ich weiß schon etwas von Gott, bleibt meine Sünde. Autsch! Das tut weh! Das treibt mir das Blut in den Schädel. Spätestens jetzt wird mir unwohl! Ist das alles umsonst, was ich mache? Meine Frömmigkeitsbemühungen? Meine Selbstquälerei, den inneren Schweinehund zu besiegen und mich sonntags zur Kirche zu bemühen? Alles, womit ich mir insgeheim ausrechne, dass ich bei Gott doch so ein bisschen gut angesehen sein müsste? Ja, ist es! Absolut! Völlig wirkungslos! Das kannst du vergessen! Damit kriegst du keinen gnädigen Gott. Damit kannst du dein Gewissen nicht beruhigen. Damit ist dir nicht geholfen. Deine und meine Sünde bleibt. Dieses Übel kriegen wir nur los, indem es Christus uns abnimmt. So, und nur so, werden wir Sehende, Glaubende, Gerettete. Liebe Gemeinde, heute geht es um unseren Glauben. Er ist so unanschaulich und abstrakt. Und sooft fällt es uns schwer, darüber zu reden. Sooft kommen wir in Zweifel. Sooft sehen wir nur unsere eigene schwache Kraft und nicht unseren starken Herrn. Es hat mich beruhigt zu lesen, dass es den Menschen in der Bibel nicht anders ging als uns. Lass dir heute von Gott die Augen und das Herz öffnen! Lass dir heute die Augen des Glaubens schenken! Schau allein auf ihn, auch und gerade, wenn dir deine Sünden zu schaffen machen, wenn du in Zweifel und Anfechtung gerätst, wenn du in ganz schweres Fahrwasser gekommen bist! Jesus Christus ist es, den du gesehen hast und der zu dir redet, damit du jetzt sprechen kannst: Herr, ich glaube. Amen.