Ansprache für die Christvesper am Heiligen Abend, 24.12.2012
(Bischof Voigt)

Johannes 7, 28-29: „Da rief Jesus, der im Tempel lehrte: Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. Aber nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt. Ich aber kenne ihn; denn ich bin von ihm, und er hat mich gesandt.“

Disposition


Wer ist diese Jesus eigentlich? Wer ist diese Kind in der Krippe, von dem Ihr uns so wundervoll soeben vorgespielt habt?
Diese Frage bewegt die Menschheit seit mehr als 2000 Jahren Und die Antworten auf diese Frage fallen unterschiedlich aus.
„Dich kenn ich, Manuel, du hist doch einer von den Hiestermanns!
Deine Mutter kenn' ich und deinen Vater und deine Großeltern sogar auch. Und ich weiß sogar, wo du wohnst. Dich kenne ich!“
So dachten die Menschen denen Jesus dieses Wort sagt, dass ich soeben aus der Bibel vorgelesen habe. „Den kennen wir! Der ist nichts Besonderes, der kommt aus Nazareth. “
Jesus antwortet: „Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. Aber nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt.“
Jesus will den Menschen damit erklären, dass er von Gott dem Vater kommt.
Kinder, malt ihr gern? Ich auch und ich mag Bilder. Ein berühmter Schriftsteller, der die Krimis von Father Brown geschrieben hat, Gilbert Keith Chesterton, hat gesagt: „Steh aufrecht und bewahre deine Kindheit ... glaube an nichts, was sich nicht in Bilder ausdrücken lässt. Meine Tochter Marie-Luise bekommt nachher ein Buch geschenkt, von Robert Ingpen, Bilder erzählen Geschichten, Kiel, 2004, S. 9 dieser Satz steht. Deshalb habe ich ihn in diesen Tagen gelesen und ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob der Satz wirklich stimmt. „Glaube an nichts, was sich nicht in Bilder ausdrücken lässt“

Wer ist Jesus? Für die Antwort auf diese Frage habe ich ein schönes, ein geheimnisvolles Bild gefunden, dass ich euch hier mitgebracht habe.

Ein geheimnisvolles Bild: gemalt hat es Martin Schongauer. Es zeigt die Geschichte, in der der Engel der Jungfrau Maria die Geburt Jesu ankündigt. Wir haben diese Geschichte vorhin gehört. Der Engel kündigt an: Du, Maria wirst schwanger werden. Und auf die Frage, Mariens, wer den der Vater sein werde, antwortet der Engel: der Heilige Geist wird zu dir kommen und die Kraft Gottes wird bei dir sein und du wirst Gottes Sohn bekommen.

 

 


Wenn man auf diesem Bild genau hinschaut, entdeckt man ein Kind, mit einem Kreuz, winzig klein kommt es zu Maria. Wer ist Jesus? Er ist Gotes Sohn und zugleich der Sohn der Jungfrau Maria, „nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt.

 

:“


Ein geheimnisvolles Bild. Seht hier die Kissen, die der Maler aufgestellt hat. Sie haben eine Bedeutung. Drei Kissen stehen für die
drei Personen Gottes. Aber das eine Kissen hat zwei Teile: Jesus ist Gott und Mensch zugleich. Man spricht von den zwei Naturen Jesu.

 

 


Oder seht diese Kissen. Sie sollen wieder Gott darstellen. Ein Kissen ist umgefallen.
Das soll heißen, dass Gott sich erniedrigt, dass er zu uns kommt, dass er winzig wird, wie der kleine Gustavo.

 

 

Der Maler Schongauer hat in seiner Zeit gemalt. Wir brauchten mehr solcher Bilder aus unserer Zeit, denn wir malen heute mit anderen Formen und Mitteln. Und dennoch stellt sich die Frage, warum ist das so wichtig, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist. „es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat“, so sagt er selbst.

Dass Gott ganz Mensch geworden ist, ist so wichtig, weil dieser Jesus Christus damit ganz bei dir ist. Er kennt und sieht deine Freude, weil er sich selbst als Mensch gefreut hat. Er kennt und sieht auch deine Traurigkeit. Kinder, es gibt Erwachsene, die heute Abend besonders traurig sind aus ganz verschiedenen Gründen. Vor allem aber, weil sie sich eigentlich gern so wie ihr freuen würden. Dieser Jesus Christus, der Mensch gewordene Gott, kennt deine Traurigkeit. Er war selbst traurig, hat gelitten und ist gestorben.

Aber es ist auch von unendlicher Bedeutung, dass dieses Kind in der Krippe Gottes Sohn ist, weil wir uns aus unserer Not und Schuld nicht selbst befreien können.

Als ich noch Pfarrer an der Ostsee war, da bin ich immer auf die Insel Rügen gefahren, um Gottesdienst zu feiern. Dort gab es sehr schmale Straßen. Es war bei solchem Winterwetter, da hatte sich einer im Straßengraben festgefahren. Wahrscheinlich wollte er nur Pause machen und kam dann nicht wieder los. Die Räder drehten und drehten. Nichts zu machen. Es brauchte jemanden von außen. Ich holte das Abschleppseil, schraubte den Haken unter die hintere Stoßstange und konnte ihn herausziehen.

Wir Menschen haben uns festgefahren. Wir kommen nicht los aus unserer Schuld oder unserer Verzweiflung. Wir kommen nicht los vom Tod, dem wir unweigerlich entgegen gehen.

Der bekannte Sachbuchautor, Peter Scholl-Latour sag in einem Interview in diesen Tagen angesichts der Weltlage: „ Wir erleben ständig neue Ausbrüche des Bösen. Die christliche Lehre von der Erbsünde kommt nicht von ungefähr. “

Jemand von außen muss kommen. Er darf nicht im gleichen „Fahrzeug“ sitzen. Nur Gott kann uns helfen, weil er von außen kommt, weil er Mensch wird in diesem kleinen Kind, Jesus Christus.

Schluss: Noch einmal der Satz von Chesterton: „Steh aufrecht und bewahre deine Kindheit ... glaube an nichts, was sich nicht in Bilder ausdrücken lässt. “ Die ungeheuer starken und prägenden Bilder der Weihnachtszeit, die unsere Kindheit geprägt haben, lassen mich ahnen, dass Chesterton recht haben könnte, denn in diesem Kind in der Krippe ist Gott anschaulich, sicht-bar, nach Chesterton glaubbar, geworden!

Wer ist dieser Jesus eigentlich?
Er ist ganz Mensch, der alle deine Not oder deine Freude kennt.
Er ist ganz Gotte Sohn, der alle Macht hat, dich heraus zu ziehen aus dem Schlammassel in dem wir stecken.
Er ist es, der dich unendlich liebt, nach Hause liebt in sein Reich, wo wir ihn sehen werden, direkt und ohne Bilder.
Christus spricht: „nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat“

Amen.