Predigt

auf den Sonntag Jubilate (25.4.2010)
(Pastor Kelter)
Bethlehem Hannover -125 Gemeindejubiläum 8.1.1885-

Gottes hl. Wort an uns heute ist das Evangelium dieses Sonntags
bei St. Johannes im 15. Kapitel, 1-8:
1 Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärtner. 2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, daß sie mehr Frucht bringe. 3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. 4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. 5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. 6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie müssen brennen. 7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. 8 Darin wird mein Vater verherrlicht, daß ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

Liebe Brüder und Schwestern,
bleiben oder gehen? Ich kann mir viele Situationen vorstellen, in denen sich Menschen mit dieser Frage auseinander setzen müssen.
Zum Beispiel bei uns im Osten Deutschlands. Wenn alle in den Westen gehen würden, um dort bessere, besser bezahlte oder überhaupt Arbeit zu bekommen – wer würde denn bleiben? Was würde aus unserer Stadt, unserer Region, der heimatlichen Landschaft, in der vielleicht schon viele Generationen meiner Familie gelebt haben?
Oder zum Beispiel auch in der Situation einer fade und müde gewordenen Ehe: Bleibe ich, fragt sich eine Ehefrau, oder gehe ich, um noch einmal neu anzufangen, mein Leben endlich zu genießen, aus dem Trott des Alltags herauszukommen, vielleicht doch noch den Mann fürs Leben zu finden, mit dem ich glücklich werden kann.
Oder zum Beispiel der Angestellte, der kein echtes Vorwärtskommen mehr in seiner Firma sieht, in der er seit Jahren oder Jahrzehnten arbeitet: Bleibe ich und habe meinen sicheren Arbeitsplatz, aber muß damit leben, dass sich nichts Außergewöhnliches, Bedeutendes mehr in meinem Arbeitsleben ereignet, oder gehe ich und weiß dann nicht, was ich mir einhandle?
Oder zum Beispiel auch in einer Gemeinde, die 125 Jahre existiert, ihre Traditionen und Formen, ihre Glaubensüberzeugungen bewahrt hat nach dem Wort, das über dem Kirchenportal angebracht ist: So ihr bleiben werdet an meiner Rede…: Die kirchliche Landschaft ist ja vielfarbig. Woanders ist möglicherweise oder augenscheinlich "mehr los", neue Aufbrüche werden dort gewagt, Altes konsequent  in Frage gestellt. Reizvoll vielleicht? Dann wägt man ab, sortiert die Gründe, die für und die gegen das Bleiben sprechen. Und dann entscheidet man.
Manchmal fällt die Entscheidung ganz seltsam aus: Da hat man dann alle Gründe vor sich ausgebreitet, die pro- und die contra-Gründe. Da stellt man fest, dass viel mehr Gründe gegen das Bleiben sprechen als dafür und - man bleibt trotzdem. Natürlich können auch Trägheit, Unbeweglichkeit, Ängstlichkeit oder ganz materielles Sicherheitsdenken dafür den Ausschlag geben, dass jemand bleibt, obwohl nichts oder kaum etwas dafür zu sprechen scheint. Aber manchmal, Brüder und Schwestern, manchmal ist es auch - Liebe.
Manchmal ist es auch ganz und gar nicht zu begründende, mit Argumenten zu belegende Liebe. Wohl weniger, wenn es um den Arbeitsplatz geht. Aber doch durchaus dann, wenn es um das Bleiben in einer Ehe geht. Oder um das Bleiben in einer Heimat, oder eben auch in einer Gemeinde, die man auf eine bestimmte Weise eben auch liebt, von der man nicht lassen will, auch wenn manches dagegen zu sprechen scheint.
Im Leben eines Christen kann sich die Frage „Bleiben oder nicht bleiben?“ auch stellen. Ja, angesichts einer Gemeinde, die so gar nicht meinen Vorstellungen und Erwartungen entspricht, einer Kirche, deren Politik und Strategien, deren theologische Entwicklung so verfehlt erscheinen, so verzettelt und völlig an den meiner Meinung nach viel wichtigeren Dinge vorbeigehend. Aber auch im Blick auf die ganz persönliche Glaubensbeziehung zu Jesus Christus selbst. Soll ich wirklich ‚dabei’, bei ihm, im Glauben in IHM bleiben? Obwohl doch soviel dagegen spricht, obwohl doch so viele dagegen sind und ich immer in der Minderheit? Soll ich daran festhalten, darin aushalten, wenn mir durch meine Bindung an christliche Moral und biblische Gebote doch nur Nachteile erwachsen und mir möglicherweise viel an Lebensfreude entgeht, weil ich nicht einfach alles mache , was alle machen, alles gut finde, was alle gut finden? Gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die vielleicht in der Konfirmandenzeit und in den ersten Zeit, in der sie am Jugendkreis teilnahmen, ganz begeistert vom Glauben waren, eine intensive persönliche Glaubensbeziehung zu Jesus Christus auch in ihrem Alltag pflegten, stellen sich gar nicht selten solche Zweifel und Fragen ein, wenn sie in Schule und Ausbildung mit ganz anderen Menschen und Meinungen zusammenkommen, als das bisher im behüteten Raum ihrer Kirchengemeinde der Fall war. Bleiben oder gehen? Siebenmal verwendet Jesus in diesem kurzen Ausschnitt aus seiner berühmten Rede über den Weinstock und die Reben den Begriff „bleiben“.
Der Evangelist Johannes überliefert die Rede, ursprünglich in Jesu Muttersprache, dem Aramäischen, einem hebräischen Dialekt gehalten, in griechischer Sprache. Und darin hat das Wort „bleiben“ mindestens drei verschiedene, aber doch zusammengehörige Bedeutungen, die wir im Deutschen nur durch Umschreibungen ausdrücken können.

1) Bleiben heißt: „Eine Bleibe haben, wohnen, geborgen sein, Heimat haben.“
2) Bleiben heißt auch: „Standhalten, aushalten, sich nicht beirren lassen, Geduld haben“.
3) Und „bleiben“ heißt auch: „Bestehen bleiben, am Leben bleiben.“
„Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht“, sagt Jesus und meint damit: So habt ihr nicht das ewige Leben.

Die Weinstockrede verfolgt einen Grundgedanken: Nur wer in Christus bleibt, wird auch Früchte des Glaubens bringen und das Ziel, nämlich das Leben in Fülle, ewiges Leben, ewige Geborgenheit in Gott, dem Vater, erreichen. Der Ruf Jesu zum Bleiben setzt ganz logisch etwas voraus, nämlich das Angekommensein. Nur wer angekommen ist, kann ja bleiben. Und so können wir den Ruf Jesu nur als eine Rede an solche verstehen, die bereits „in ihm“ sind, also an Glaubende und –weil wir diese Rede nach Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten hören, also an Getaufte. Wir sind durch unsere Taufe ein Leib mit Christus geworden, mit ihm durch die Taufe in den Tod begraben, wo wir mit unsrem erbsündlich verseuchten Ich ertrunken, ersoffen sind, wie Luther sagt, und wieder herausgekommen als neue Menschen, die nun in Christus sind und leben und ER in uns. Hier im Norden gibt es ja kaum Möglichkeiten, die Kunst der Winzer, der Weinbauern zu beobachten. Wer diese Möglichkeit, vielleicht in den Ferien in einem Weinbaugebiet einmal hatte, kann allerdings noch besser verstehen, was Jesus mit seiner Bildrede vom Weinstock und den Reben sagen will: Die Rebe, also der Zweig, an dem später die Trauben wachsen, entscheidet sich ja nicht dafür, am Weinstock anzuwachsen, sondern der Weinstock treibt die Rebe hervor. Nun bin ich, die getaufte Rebe, durch die Taufe, von Christus hervorgetrieben, am Weinstock, in Christus. Nur so kann die Rebe auch Frucht bringen. Eine Rebe, die nur manchmal, oder nur ein bisschen, aber nicht fest verbunden, sondern eher unverbindlich am Weinstock hängt, wird keine Frucht bringen. Man kann genauso wenig ein bisschen an Jesus glauben, wie man "ein bisschen schwanger" sein kann.
Unsere sog. postmoderne Gesellschaft ist dadurch gekennzeichnet, dass die Menschen sich am liebsten aus allen Angeboten, sei es der Religionen, der Ideologien, der Welt- und Lebensanschauungen das herauspicken wollen, was ihnen gerade in ihrer Lebenssituation gut und passend erscheint. Daraus, aus diesen Flicken und Versatzstücken basteln sie sich dann ihr ganz persönliches, vorübergehendes Weltbild. Sich lebenslänglich verbindlich an etwas oder jemanden zu binden, ist völlig aus der Mode. Bleiben ist langweilig. Der Wechsel, die Abwechslung, die Vielfalt, das schnelle Hintereinander möglichst unterschiedlicher Eindrücke und Erlebnisse ist heute angesagt. Aber wer, um im Bild zu bleiben, den Weinstock dauernd wechselt, weil der  alte ihm zu langweilig geworden ist, der wird keine Frucht bringen. Der ist immer schon wieder woanders, bevor die Früchte reif werden können. Das gilt übrigens auch für menschliche Beziehungen. Der Winzer spricht von Wassertrieben oder wilden Reben, die zwar zunächst prima sprießen, aber dem Weinstock nur Kraft und Saft entziehen und nie Früchte tragen werden. „Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen“, kommentiert Jesus das. Diejenigen Reben, an denen solche wilden oder Wassertriebe wachsen, müssen daher gereinigt werden. Das geschieht durch Beschneidung. Wenn Jesus uns reinigt, damit wir mehr Frucht bringen, dann beschneidet er uns und das empfinden wir manchmal im wahren Sinne des Wortes als Abschneiden von etwas, was uns eigentlich wichtig und lieb geworden ist.
Solches Reinigen und Beschneiden erleben wir z.B. im Gebet, wenn sich unsere konkreten Bitten nicht so erfüllen, wie wir uns das vorgestellt und gewünscht haben. Ist dir da schon einmal der Gedanke gekommen, dass sich Gott hier vielleicht gar nicht taub stellt und dich etwa nur "züchtigen oder strafen" will, sondern daß du hier gerade einem Reinigungsverfahren unterzogen werden könntest, das zum Ziel hat, dass du mehr Frucht des Glaubens bringst. Früchte des Geistes, die im Neuen Testament genannt werden. Gar nicht mal die spektakulären und aufsehenerregenden, sondern solche, wie: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit (Gal 5, 22-23)? Solche Reinigung erleben wir überhaupt oft dann, wenn sich unser Leben anders entwickelt, als wir es geplant und gehofft hatten. Zumindest aber sollten wir uns dann die Frage stellen, sollten wir Gott im Gebet die Frage stellen: „Ist das, was ich gerade erlebe, ein Ruf an mich? Eine Botschaft, die mich wieder dichter, näher, intensiver an Christus heranrücken soll, mich im Glauben festigen und stärken, im Bleiben fest machen will?
Wer so nicht fragt, wer damit nicht rechnet, wer sofort wegläuft, immer alles hinschmeißt, sobald eine Eiszeit im Leben, auch im Glaubens- oder Gemeindeleben hereinbricht, wird nie erleben, dass Früchte wachsen. Das gilt für menschliche Beziehungen ebenso, wie für das Glaubensleben eines Christen. Bleiben heißt: Eine geborgene Heimat haben, geduldig standhalten und schließlich: Das Ziel erreichen und ewiges Leben haben. Sind nicht -genau genommen- Früchte einer gelungenen Ehe gar nicht im biologischen Sinn viele Kinder oder überhaupt Kinder, sondern vielmehr erfüllte Zufriedenheit im Miteinanderaltwerden. Als Frucht und Folge des Bleibens? Im Ehe- wie im Glaubensleben heißt das aber auch: Gehorsam und Vertrauen. Beide Begriffe sind im geistlichen Sinn nicht voneinander zu trennen. Aushalten, bleiben, kann man in bestimmten eisigen Zeiten nur, wenn man gehorsam ist. Und gehorsam kann man nur sein, wenn man sein Vertrauen nicht wegwirft.

Christus sagt, ebenfalls im Johannesevangelium überliefert und als Wahlspruch der Bethlehemsgemeinde über dem Kirchportal zu lesen: „Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ (8, 32)

Die besten und teuersten Weine, auch wenn die Geschmäcker hier verschieden sind, sind die Trockenbeerenauslesen und die Eisweine. Sie werden aus Trauben hergestellt, die mindestens einmal Frost erlebt haben müssen. Die Trockenbeeren sind völlig ausgetrocknet, müssen es sein, damit sie die entsprechende Süße bekommen. Ist das nicht im Leben eines Christen ganz ähnlich: Diejenigen, die eine ganz tiefe geistliche Ausstrahlung von Frieden und Geborgenheit haben, und ich denke dabei auch gerne an manchen lieben Menschen hier in der Bethlehemsgemeinde, den ich kennenlernen durfte, sind vielfach gerade die, die in den Augen der Welt völlig ausgetrocknete, verbrauchte, leidgeprüfte Menschen sind. Wieso halten die so geduldig und unbeirrbar an ihrem Glauben fest, der ihnen doch augenscheinlich und nach weltlichen Maßstäben gar nichts gebracht hat? Vielleicht, weil sie es durch geduldiges, beharrliches und tiefvertrauendes Bleiben am Wort Christi  gelernt haben, so zu beten, dass ihr Gebet immer christusgemäßer wurde und sie es erlebt haben, dass Gott, der Vater, ihr Beten hört, sie trägt, sie stärkt, sie begleitet und immer wieder aufrichtet, wenn sie fallen oder zu Fall gebracht werden. Und vielleicht eben auch, weil Gott denen, die bleiben, als Früchte des Geistes und des Glaubens die Liebe geschenkt hat, die alles duldet, trägt und aushält. Die Liebe, die am Ende siegt und bleibt. Amen.