Predigt

Predigt für Sonntag Estomihi, 14. Februar 2010 von Bischof Hans-Jörg Voigt

Reihe II: 1. Korinther 13, 1-13
1 Wenn ich mit Menschen– und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. 2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. 3 Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen und hätte die Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.
4 Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, 5 sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, 6 sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; 7 sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. 8 Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. 9 Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. 10 Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.
11 Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. 12 Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.
13 Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Disposition
Gegenüberstellungen 1 und 2
I. die Profilierungssucht der Korinther
II. Wie bekomme ich solche Liebe
- Liebe ist im Kreuz Christi begründet - Christus lebt in uns – seine Liebe ist in uns
Gegenüberstellung 3


Gegenüberstellung 1:
Das Brautpaar war nur fünf Minuten zu spät und Gäste die etwas später kamen waren dem Pfarrer lieber als Gäste, die zu früh erscheinen. Sie waren fröhlich, fast ein bisschen aufgekratzt und rückten die Stühle aus der Sonne. Zum Traugespräch waren sie heute erschienen. Der Hochzeitstermin war bereits in die Kalender eingetragen und der äußere Ablauf durchgesprochen. Ihre Wangen glühten ein wenig vor Eifer und der junge Mann sah sie immer wieder bewundernd an. Der Pfarrer sprach sie auf den Trautext an: „Haben Sie da bestimmte Vorstellungen oder soll ich einen Abschnitt aus der Heiligen Schrift auswählen?“ Auch hier übernahm sie gleich die Leitung und schlug ihre Bibel auf. Einen Moment war der Pfarrer stolz auf seine Konfirmandin. Dann las sie ohne zu zögern die genau präparierten Verse: „Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit;  sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe hört niemals auf“ Während dessen hatte der Pfarrer seinen Kopf in die Hände gestützt und dachte bei sich: „Ihr habe ja keine Ahnung...“ und als er noch in Gedanken beim letzten Streit mit seiner Frau war „Sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit?“ und bei den Sorgen die ihr Adoptivkind ihnen machte,  trat ein betretenes Schweigen ein, dass er ein wenig zu professionell mit einem „Ja, wunderbar! Schön, das passt gut!“ beendete.

Gegenüberstellung 2: Man schreibt das Jahr 1932. Es ist Wahlkampfzeit. Der mittelgroße Mann mit dem dichten schwarzen Haar und dem seltsamen Seitenscheitel steht auf der Bühne und gestikuliert geschickt. Die Hitlerrede wird von Kameras aufgezeichnet und geht auf diese Weise in die Geschichtsbücher ein: „Sie können uns unterdrücken, sie können uns meinetwegen töten, kapitulieren werden wir nicht.“ Noch bedrückender als diese grauenhafte Prophetie des Bösen, ist das hysterische Geschrei der Volksmassen. „Wenn ich mit Menschen– und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.“


Liebe Gemeinde, diese beiden Gegenüberstellungen lassen vielleicht erahnen, dass unser Predigtwort einer der größten Texte der Weltgeschichte ist, dessen innere Wahrhaftigkeit und Logik unübertroffen sind. Was ist der Hintergrund dieses Hohen Liedes der Liebe im Zusammenhang der Gemeinde Korinth? und wie bekomme ich diese Liebe in mein Herz?

1. Die Profilierungssucht der Korinther: Der Hintergrund dieses großen Kapitels von der Liebe ist die Gemeindesituation in Korinth. Die Gemeinde hatte ein Problem: verschiedene Gemeindegruppen hatten sich ihre Leiter gesucht und nun versuchten sie sich gegeneinander zu profilieren. Gleich im ersten Kapitel tritt Paulus energisch dagegen auf: „Denn es ist mir bekannt geworden über euch, lieb Brüder, durch die Leute der Chloe, dass Streit unter euch ist. Ich meine aber dies, dass unter euch der eine sagt: Ich gehöre zu Paulus, der andere: Ich zu Apollos, der dritte: Ich gehöre zu Kephas, der vierte: Ich zu Christus.“
Liebe Gemeinde, so weit ist das alles gar nicht weg von unserer Bethlehemsgemeinde. Vielleicht denken manche auch von sich: „Ich bin ein Fan von Pastor Grünhagen!“ Eine andere entgegnet: „Nein, zu unsers alten Pfarrers ....Zeiten, da war alles noch richtig gut.“ Ein Dritter meint: „Ach, in unserer Kirche ist mir alles viel zu liturgisch. Ich war jetzt mal in einer freien Gemeinde. Die haben Pep!“
Ganz klar, diese verschiedenen Gruppen in der jungen Gemeinde Korinth versuchen sich gegeneinander zu profilieren. Sie tun das auf eine scheinbar sehr fromme Art: Sie spielen ihre verschiedenen Geistesgaben gegeneinander aus: die Gabe gesund zu machen / die Gabe Geister zu unterscheiden / die Gabe der prophetischen Rede / die Gabe der Zungenrede – einer lautmalerischen Sprache. Und jeder wollte nun mit seiner Gabe besser sein als der andere.
Dagegen an schreibt der Apostel das hohe Lied der Liebe. Und es besteht kein Zweifel, dass diese Liebespredigt des Apostels auch uns hier in der Bethlehemsgemeinde gut tut – in unserem Umgang miteinander, und auch mit dem Gemeindepfarrer: „Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf,  sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu.“

2. Jetzt stellt sich natürlich sofort die Frage: Wie bekomme ich solche Liebe in meinem Leben? Dass ist ja eine ganz entscheidende Frage: Wie kommt von dieser Liebe etwas in meinen Alltag? Ich könnte mir’s jetzt einfach machen, indem ich euch energisch auffordere: Tut das! Lebt diese Liebe! Seid nicht böse, nicht profilierungssüchtig, nicht nachtragend! Seid lieb! Vielleicht brauchen wir manchmal auch solche Impulse. Ich könnte auch das ganze etwas weicher und frömmer verpacken: Jetzt dürft ihr lieben als Christen! Ihr könnt lieben! In jedem Fall liegt dann der Ball in eurem Spielfeld und ich kann getrost das „Amen“ in der Predigt sprechen und euch damit  allein lassen. Geht aber nicht, weil ich mich selbst kenne und mit mir selbst am Mittagstisch sitze, mit meiner eigenen Lieblosigkeit, meinem eigenen Zorn und dem andauernden Bedürfnis, mich auf den Fehlern anderer selbst zu profilieren.
Uns hilft hier eine andere Erkenntnis weiter: Die Liebe die Paulus hier predigt, die niemals aufhört, die die größte Gabe ist, die keine weichliche Liebe ist, liegt im Kreuz Jesu begründet. Paulus nennt Gott einen „Gott der Liebe und des Friedens.“ Und der Evangelist Johannes schreibt: „So sehr also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Joh 1,10) Diese ewige Liebe aus dem hohen Lied der Liebe ist das Kreuz Jesu, die Schnittstelle, an der die Horizontale der Erde und Vertikale des Himmels sich im Herzen Jesu kreuzen.
Noch einmal die Frage: Wie kommt diese Liebe in mein Leben?
Paulus schreibt in seinen Briefen immer wieder ganz merkwürdige Sätze: dass Christus in uns ist. „Wenn aber Christus in euch ist ...“ oder „die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen“  (Römer 5,5 ff) oder im Galaterbrief: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ (Galater 2,20)
Wie kommt diese Liebe in mein Herz? Jetzt im Abendmahl wird dieser Christus neu ausgeteilt. Sein heiliger Leib und sein heiliges Blut kommen in Dein Leben, ganz gegenständlich und wirklich im Brot und im Wein. Komm an diesen Altar und iss und trink seine Liebe und nimm sie mit nach Hause wie einen glänzenden Schatz. Und nächste Woche kannst Du bereits wieder kommen. „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ Das ist das Wunder der Liebe in meinem Leben.

Gegenüberstellung 3: Es war in einem Pflegeheim, Paul-Gerhard-Haus in Greifswald. Wir waren zum Singen und Musizieren mit einer Jugendgruppe gekommen. Die Schwestern hatten die Pflegebedürftigen in das große Foyer geleitet. Eine der Schwestern war geblieben und hörte zu und ich bemerkte, wie sie ganz unauffällig ihre Hand auf die Schulter einer Frau im Rollstuhl legte und die Frau ihre Hand ergriff und lächelte. Eine winzige Geste -  eine Geste, die eine ganze Welt verändern kann: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! (2. Kor. 13,13.) Amen.