Predigt

für den 4. Sonntag im Advent, 20. 12. 2009, von Bischof Hans-Jörg Voigt

Reihe II: Philipper 4, 1-7
1 "Also, meine lieben Brüder, nach denen ich mich sehne, meine Freude und meine Krone, steht fest in dem Herrn, ihr Lieben.
2 Evodia ermahne ich und Syntyche ermahne ich, dass sie eines Sinnes seien in dem Herrn.
3 Ja, ich bitte auch dich, mein treuer Syzygos -Gefährte, steh ihnen bei; sie haben mit mir für das Evangelium gekämpft, zusammen mit Klemens und meinen andern Mitarbeitern, deren Namen im Buch des Lebens stehen.
4 Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!
5 Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe!
6 Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!
7 Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“


Ein Samstagabend in Philippi

1. Philippi – die Gemeinde
2. Der Streit der Evodia und Syntyche
3. Soll der Brief verlesen werden
4. Syzygos argumentiert – der Herr ist nahe
5. Vernunft im Streit – der Friede Gottes ist höher
6. Das Gebet


Liebe Gemeinde,

die eben verlesene Epistel ist uns so sehr vertraut, dass die Gefahr besteht, sie an uns vorübergehen zu lassen und sie in ihrer inneren Kraft gar nicht zu erfassen. Wenn wir uns hingegen verdeutlichen, dass der Apostel Paulus diesen seinen Brief  an eine ganz konkrete Gemeinde, vielleicht vergleichbar unserer Bethlehemsgemeinde geschrieben hat, entfaltet sich die Kraft dieser Worte neu. Etliches erfahren wir über die Gemeinde in Philippi aus den Zusammenhängen des Neuen Testaments, wie etwa einige Namen von Gemeindegliedern, die Geschichte der Lydia und die Bekehrung des Kerkermeisters, anderes vermuten wir aus unseren heutigen Erfahrungen. Also:

1. Philippi – die Gemeinde
Ein Samstagabend in Philippi: Die Häuser der mehr römisch als griechisch geprägten Stadt lagen im Licht der späten Sonne. Immer noch rollten Wagen aus der nahe gelegenen Hafenstadt Neapolis durch die Straßen.
Die Christengemeinde traf sich von Anfang an im Haus der Lydia, die seit langem einen größeren Lagerraum für die Versammlungen der „Christianos“, wie sie genannt wurden, zur Verfügung stellte. Die Gemeinde Philippi war groß geworden und wurde von Bischöfen und Diakonen gleitet, so erfahren wir.
An diesem Samstag hatte sich der Gemeinderat unter der Leitung von Syzygos versammelt. Die Namen Evodia, Syntyche, Klemens und Syzygos – der Mitstreiter – werden uns genannt. Ist einer von ihnen, etwa Syzygos, der Gefängnisaufseher, der sich mit seinem ganzen Haus taufen ließ? Wir können es nur vermuten.

2. Der Streit der Evodia und Syntyche
Philippi ist eine wohlhabende Stadt, ein Handelsplatz zwischen den Hafenstädten, Beamte und Militärs im Ruhestand schätzen den Ort. Auch die Christengemeinde ist zu Wohlstand gekommen und Evodia und Syntyche verwalteten die Finanzen der Gemeinde. Sie unterstützen die Missionsarbeit „ihres Apostels“ Paulus regelmäßig mit ihren Gaben. Seit einiger Zeit aber vergiftet der Streit zwischen Evodia und Syntyche die Atmosphäre der Gemeinde. Syntyche versucht Rücklagen aufzubauen. Ihr Argument: „Lydia ist alt geworden, wir müssen daran denken ein Haus zu kaufen oder zu bauen.“ Evodia widerspricht ihr regelmäßig energisch: „Du mit deiner Sparsamkeit! Das ist nicht christlich! Lass uns doch lieber das Geld unter den Armen der Stadt verteilen und dem Apostel zusenden, damit er seine Schiffspassagen bezahlen kann! Dass muss man doch mit klarer Vernunft einsehen!“ „Und Du mit deiner Vernunft!“ entgegnete Syntyche regelmäßig. „Kaufmännische Vernunft sagt, dass man vorbereitet sein muss!“  Die beiden Frauen bekamen sich regelmäßig heftig in die Haare.

3. Soll der Brief verlesen werden
Aber heute war ein besonderer Samstag und eine besondere Gemeinderatsversammlung. Ein Brief des Apostels war angekommen und Syzygos und lemens hatten ihn verlesen und es stand fest, dass sie ihn morgen am Auferstehungstag vor der Eucharistiefeier vor der ganzen Gemeinde öffentlich verlesen würden. Jetzt kam gerade noch Schlusspassage des Briefes zur Verlesung: „Also meine lieben Brüder, nach denen ich mich sehne, meine Freude und meine Krone, steht fest in dem Herrn ihr Lieben. Evodia ermahne ich und Syntyche ermahne ich, dass sie eines Sinnes seien in dem Herrn.
Eisiges Schweigen!
Syntyche ergreift als erste das Wort: „Das sehe ich nicht ein! Mein Name wird hier genannt, wo Evodia gegen alle Vernunft das Geld verschleudern will! Wer das dem Apostel eigentlich hinterbracht? Dass lasse ich mir nicht gefallen. Ich gehe!
Syzygos legt ihr besänftigend Hand auf die Schulter. „Syntyche, du musst genau zuhören. Paulus gibt keinem von euch die Schuld. Er nennt euer beider Namen und mahnt euch beide, eines Sinnes zu sein in dem Herren.

4. Syzygos argumentiert – der Herr ist nahe
Und hört doch weiter was wie versöhnlich und fröhlich Paulus weiter schreibt: ‚Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe!’“  Evodia lässt ihre resignierte Stimme vernehmen: „Paulus hat gut reden. Er war lange nicht mehr hier. Die Freude ist aus unseren Gottesdiensten gewichen, wegen der ewigen Streiterei und wegen Syntyches Geiz.
Klemens greift ins Gespräch ein: „Ihr habt doch gehört: ‚der Herr ist nahe!’ Er wird auf den Wolken des Himmels wiederkommen, das haben wir im Evangelium gelesen. Jetzt kann das sein, hier, gleich! Sollten wir uns da noch streiten? Bitte versöhnt euch doch heute, vergesst euren Streit, eure Angst um die Zukunft, euer Leid – der Herr ist nahe!

5. Vernunft im Streit – der Friede Gottes ist höher
Syntyche ist es, die das Wort ergreift: „Und was machen wir mit unserer Streitfrage?“ In dem Moment räuspert sich Lydia, die graue Eminenz der Gemeinde, und alle Blicke richten sich auf sie als sie anfängt: „Wenn der Herr nahe ist, und mir in meinem Alter ist er besonders nahe, dann brauche ich dieses Haus hier nicht mehr. Ich habe  jetzt die Zeit genutzt, der ganzen Ekklesia mein Haus zu überschreiben. Dann braucht ihr euch keine Sorgen mehr um die Zukunft zu machen und könnt euer Geld dem Apostel oder nach Jerusalem und zu den Obdachlosen geben. Der Friede Gottes ist wirklich höher als all eure vernünftigen Argumente. Er bewahrt eure Herzen und Sinne. Ihr braucht mir bitte nicht zu danken! Die Güte, von der Paulus hier schreibt, kann nur der haben, der schon alles hat. Und wir haben unser Bürgerrecht im Himmel, hat Paulus hier gerade geschrieben. Wir sind es doch, die Gottes Güte empfangen haben. Was brauchen wir mehr? Wir sind Königskinder!

6. Das Gebet
Nach diesen Worten sinkt Lydia, die groß gewachsene weißhaarige Frau, zurück in ihren Stuhl.
Klemens sagt leise: „kommt, lasst uns das tun, was Paulus hier in seinem Brief schreibt: ‚ Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!’ und er fährt gleich fort: „Herr Gott, himmlischer Vater, wir danken Dir, dass du uns und unsere Gemeinde so reich versorgst. Wir bitten dich für alle Menschen die Not leiden, zeige uns Wege zu helfen, vertreibe den Sorgengeist aus unserem Sinn. Schenke tiefe Freude in unsere Herzen und lass den Tag Deines Sohnes kommen. Amen.

Die Abendsonne schickte ihre letzten Stahlen ins Zimmer, so dass kaum jemand bemerkte, wie Evodia und Syntyche einander die Hand reichen. Nur die alte Lydia wiederholt leise aber sehr klar: „Freuet euch, der Herr ist nahe!
Amen.