Predigt

(Pastor Gert Kelter am Sonntag Rogate 2004)

Herr, gedenke um Christi willen!

So ermahne ich nun, daß man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen,
für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.
Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland,
welcher will, daß allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen]
Denn es ist EIN Gott und EIN Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus,
der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung, daß dies zu seiner Zeit gepredigt werde.
(1. Timotheus 2, 1-6)

Liebe Brüder und Schwestern,

wann kann ich gewiß sein, daß mein Gebet von Gott gehört und auch erhört wird? Es gibt tatsächlich drei Kriterien dafür:

1. Mein Gebet muß sich an den lebendigen und persönlichen Gott richten, nicht an irgendein höchstes Wesen oder eine höchste Intelligenz. <Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist< Das heißt: Wenn es von dem Vertrauen getragen ist, daß da ein persönlicher Gott ist, der will, daß ich zu ihm bete.

2. Mein Gebet muß in dem Bewußtsein an diesen lebendigen, persönlichen Gott gerichtet werden: Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe. Und dieser Wille Gottes ist in jedem Fall ein guter und gnädiger Wille für mich, auch wenn die Erhörung des Gebetes ganz anders ausfällt, als ich es mir vorgestellt und gewünscht habe.

3. Mein Gebet muß „durch Jesus Christus, unseren Herrn", also im Vertrauen auf die Fürsprache des Gottessohnes und Mittlers Jesus Christus vor Gott, den Vater gebracht werden.

Laßt uns bei diesem dritten Kriterium mit ein paar Gedanken bleiben:

Alle christlichen Gebete enden ausdrücklich mit der Schlußwendung „Durch Christus, unseren Herrn". Damit soll folgendes gesagt werden: Mein Eigenwille, der sich in meinem konkreten Gebet, meiner Fürbitte für mich oder andere, meiner Bitte um Erfüllung bestimmter Wünsche oder Verschonung vor bestimmten Nöten ausdrückt, ist geprägt durch den tiefen Graben zwischen der gefallen Schöpfung und dem Schöpfer, also durch die Sünde. Mein Wille und Gottes Wille sind nicht identisch. Es gab nur einen, der sich in vollkommenem Gehorsam dem Willen des Vaters ganz und gar unterworfen ist, dessen vollständig eins geworden ist mit dem Willen des Vaters, und der heißt Jesus Christus. Im Garten Gethsemane lautete der Wille Jesu zunächst noch: Vater, laß diesen Kelch an mir vorüber gehen. Aber dann mündete dieser Eigenwille ein in den Satz: Nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Christus, der in allem versucht wurde wie wir, auch von der Angst, der Möglichkeit der Leidensvermeidung, der aber doch ohne Sünde war, hat aus freiem Willen sein Leben am Kreuz geopfert und ist so vollkommen eines Willens mit Gottes Willen geworden.

Wenn wir getaufte Christen nun „durch Christus, unseren Herrn" zu Gott, dem Vater beten, wird unser Eigenwille durch Christus gewissermaßen gefiltert und gereinigt, da wird unser krummer Wille durch Christus begradigt und so vor Gott getragen. Dieses Gebet „durch Christus" erhört Gott immer. Um Christi Willen, sagen wir ja auch, ist Gott uns gnädig und erhört unser Gebet.

Vielleicht läßt sich so auch verstehen, warum Gott unsere Gebete oft vermeintlich nicht oder doch ganz anders erhört, als wir ursprünglich gebetet hatten.

Der Apostel Paulus schreibt: <Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung, daß dies in dieser Zeit der Erfüllung bezeugt werde.>

Und dann kommt das zweite Kriterium in den Blick: Als Beter, der durch Christus zum Vater betet, und also weiß, daß mein Eigenwille durch ihn und mit ihm und in ihm gereinigt und begradigt und dem Willen Gottes gemäß gemacht wird, muß ich in dem Vertrauen beten, daß Gottes Wille dann auch geschieht und daß dieser Wille, auch wenn er sich ganz anders darstellt als mein Wille, für mich in jedem Fall ein guter, ein zum Leben führender, rettender und helfender Wille ist. Nur so kann ich dann auch Gottes Willen für mein Leben annehmen, darauf verzichten, mich dagegen aufzulehnen und im Unfrieden mit Gott zu leben.



Wenn ich nun alle diese Kriterien berücksichtige, stellt sich doch die Frage, warum man überhaupt beten soll. Gott ist doch der Allmächtige und Allwissende. Und wenn er der gnädige und barmherzige Gott ist, dann weiß er erstens, was mir fehlt und was ich brauche und zweitens wäre es dann doch sinnlos, ihn um etwas zu bitten, was er mir entweder in seiner Allwissenheit und Allmacht sowieso geben würde oder aber auch nicht, weil er eben besser weiß, was gut für mich ist.

Aber Gott will ganz ausdrücklich, daß wir beten. Und zwar auch ganz konkret und persönlich und in den kleinsten Kleinigkeiten unseres Lebens. Denn für Gott ist das Beten seiner Kinder Zeichen ihres Vertrauens, ihres Glaubens. Für Gott ist das Beten der Erweis, daß er für die Menschen, die sich an ihn wenden der einzige ist, von dem sie Hilfe und Rettung und Erlösung erwarten und erhoffen. Diesen Glauben, dieses Vertrauen, und das heißt ja: diese Liebe möchte Gott von uns haben.

Und deshalb ist es tatsächlich so, daß unser Gebet Gott auch dazu bewegen kann, seine Meinung zu ändern, Dinge geschehen oder auch nicht geschehen zu lassen, die ohne unser Gebet anders verlaufen wären. Abraham und seine Fürbitte für Sodom ist nur eines von vielen biblischen Beispielen.

Der Apostel Paulus ermahnt uns zu beten. Und zwar nicht nur zu danken und anzubeten, sondern eben auch Fürbitte zu tun für alle Menschen, ganz bestimmte Personen und Anliegen vor Gott zu bringen. Das ist, sagt Paulus, <gut und wohlgefällig vor Gott, unserem Heiland.>



Brüder und Schwestern, bisher war nur von dem Gebet der Christen die Rede und von den Kriterien für eine gutes und Gott wohlgefälliges Gebet.

Ein sehr seltsames Gebetserlebnis zeigt, daß Gott auch andere Gebet manchmal erhört. Es ist meine erste bewußte Erinnerung an das Gebet überhaupt, und ich habe es schon häufiger einmal erzählt. Da war ich in der 1. Grundschulklasse auf dem Weg zur Schule und betete ein eigentlich ziemlich unchristliches Gebet mit dem Inhalt: Lieber Gott, mach, daß meine Mathematiklehrerin heute krank ist. Und sie war krank. Seit diesem Tag sind viele meiner Gebete erhört worden aber mindestens ebenso viele, wenn nicht mehr, nicht erhört worden oder doch nicht so, wie ich gebetet hatte. Trotzdem käme es mir seit dieser ersten bewußten Gebetserfahrung nicht mehr in den Sinn, daran zu zweifeln, daß Gott unsere Gebete hört und auch erhört.

Dieses Beispiel macht deutlich: Gott kann auch ein Gebet erhören, das gegen alle wesentlichen Regeln des christlichen Betens verstößt, weil er will, daß allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.

Diese allererste bewußt erinnerte Gebetserhörung in meinem Leben war eine tragfähige Grundlage dafür, gegen den elterlichen antikirchlichen und nichtchristlichen Trend am Glauben an Gott festzuhalten, Verbindungen zur Kirche und zu Christen zu suchen und so trotzdem und dennoch in den Glauben an Christus hineinzuwachsen. Hier hat Gott großzügig darüber hinweggesehen, daß ich jemandem Böses im Gebet gewünscht habe, daß ich nicht in dem Bewußtsein gebetet habe „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe" und daß ich schließlich auch nicht „durch Christus, unseren Herrn und Mittler" und im Vertrauen auf ihn und seine Fürsprache gebetet habe.

Das kindliche Vertrauen auf einen lieben Gott, der nicht zuläßt, daß eine Lehrerin mir Angst macht und mich bedrückt, hat in Gottes Augen offensichtlich gereicht, um „extra für mich" ein kleines glaubens- und vertrauensstärkendes Wunder zu vollbringen.

Also: Die Regel kennt Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

Liebe Gemeinde, der Abschnitt über das Gebet, über den wir heute nachdenken, bringt das Gebet der Gemeinde ganz eindeutig in den Zusammenhang des Gottesdienstes. Hier, im Gottesdienst, ist der vornehmste Ort des Gebetes. Hier steht die um ihren in Wort und Sakrament gegenwärtigen Herrn Christus versammelte Kirche vor Gott und bringt, wie Paulus es sagt, „alle Menschen" in Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung vor Gott.

Von Martin Luther stammt das Wort, das Gebet der Christen halte die ganze Welt zusammen. Er rechnet das Gebet zu den wesentlichsten Kennzeichen der Kirche und kann es sogar einmal als Sakrament im weiteren Sinne bezeichnen.

Alles persönliche Beten wird also im Gottesdienst, der an sich und für sich selbst Gebet, Eucharistia, also Danksagung ist, gespeist und genährt. Und ebenso mündet alles persönliche Beten wieder in das Gebet des Gottesdienstes ein.

Liebe Brüder und Schwestern, mancher stößt sich an der Aufforderung des Apostels Paulus, im Gottesdienst auch für die Könige und die Obrigkeiten zu beten. Und wenn man dann noch weiß, daß Paulus diesen Brief an Timotheus zu einer Zeit schrieb, in der in Rom Kaiser Domitian regierte, der sich als Gott und Herr, Deus et Dominus verehren ließ, ein Kaiser, unter dem eine Christenverfolgung losbrach, weil sich viele Christen weigerten, ihn als Gott anzuerkennen, dann wundert oder ärgert man sich über diese Gebetsaufforderung.

Warum darf oder soll die Kirche sogar für Regierungen beten, die eindeutig antichristlich eingestellt sind und handeln? Und vor allem: Was soll man denn da beten?

In einer grausamen Diktatur für den Tyrannen zu beten, daß er endlich von seinem Tun abläßt und umkehrt, könnte ja für diejenigen, die das in einem öffentlichen Gottesdienst tun, möglicherweise sehr gefährlich oder tödlich sein. Kann man für einen Tyrannen danksagen?

Wie paßt das zu dem vom Apostel Paulus genannten Ziel des Gebets für die Obrigkeit, daß wir, also die Kirche, ein ruhiges und stilles Leben führen mögen?

Hier kommt eine Grundform der Fürbitte in den Blick, die wir aus dem Neuen Testament kennen. Da rief der Verbrecher, der an der Seite Jesu gekreuzigt wurde: <Gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst>. Das ist die Grundform der Fürbitte lautet also: Herr gedenke!

Das ist viel mehr und etwas ganz anderes als nur „sich erinnern". Wenn Gott gedenkt, dann handelt er als der die Sünde richtende, dem Sünder nachgehende, ihn zur Umkehr treibende, ihn endlich erlösende und befreiende Gott.

Also kann das Gebet für Regierungen, gerade auch für ungerechte, unchristliche Regierungen letztlich immer nur lauten: Herr, gedenke derer, die uns regieren. Verlier sie nicht aus deinem richtenden, zum Recht bringenden, heilenden und rettenden Blick. Auch wenn sie sich deinem Willen noch so strikt widersetzen.

Und das Ziel dieser Bitte wird dann verständlich: Die Kirche, die Christus als Heil der Welt verkündigt, soll bewahrt werden. Sie soll die Möglichkeit behalten, ihren Gebets- und Verkündigungsdienst zu tun. Ein ruhiges und stilles Leben ist nicht die Biedermeier-Idylle oder angepaßte Trägheit, die wir vielleicht mit diesen Worten zunächst verbinden, sondern die Bitte um ein Leben ohne Verfolgung, ein Leben in einer Rechtsordnung, die es der Kirche ermöglicht, das Evangelium zu verkünden und die es den Christen erlaubt, nach Gottes Wort und Willen zu leben, also auch öffentlich Gottesdienst zu feiern und zu beten.

Und so laßt uns beten:

Lieber Vater im Himmel, wir danken dir, daß du durch dein unvergängliches Wort unsere Herzen mit Freude und Trost erfüllt hast. Stärke unseren Glauben und halte ihn lebendig und kräftig, daß wir die Menschen und die Mächte dieser Welt nicht fürchten, sondern zuversichtlich auf dich allein hoffen. Stärke auch unsere Liebe, daß sie nicht müde werde und wir als Glieder deiner Kirche treu zueinanderstehen. Das bitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn.

Amen.